Rezension zu »Der Feind im Schatten« von Henning Mankell

Der Feind im Schatten

von


Kriminalroman · Zsolnay · · 589 S. · ISBN 9783552054967
Sprache: de · Herkunft: se

Nichts ist das, als was es sich ausgibt

Rezension vom 17.06.2010 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Kurt Wallander ist gerade Großvater geworden. Linda hat ein Baby geboren und ist mit Hans von Enke liiert. Sein Vater Hakan von Enke, pensionierter ehemaliger U-Boot-Kommandant, hat sie zu seinem 75. Geburtstag geladen. Mit Kurt Wallander führt er ein anregendes Gespräch, in dem er ihm über einen Einsatz von höchster politisch-militärischer Brisanz berichtet: Im Herbst 1982 drangen bei Manövern des Warschauer Pakts polnische und russische U-Boote in schwedische Gewässer ein; ein russisches wagte sich sogar in schwedisches Militärgebiet. Die Verteidigung plante, den Eindringling mit Wasserbomben an die Oberfläche zu zwingen. Doch dann erhielt Hakan den Befehl, nichts zu unternehmen und das U-Boot wieder ziehen zu lassen. Warum? Das war für Hakan eindeutiger Landesverrat. Seine eigenen jahrelangen Recherchen, berichtet er, näherten sich inzwischen einer möglichen Erklärung ...

Drei Monate später verschwindet Hakan von Enke spurlos. Die Sicherheitspolizei Stockholms ist für den Fall zuständig. Sie finden keine Leiche und können sich keinen Reim auf Enkes Verschwinden machen.

Wallander, der gerade seinen Urlaub antritt, schaltet sich ein. Er hat eine Verpflichtung seiner Tochter und Hans, ihrem zukünftigen Mann, gegenüber. Die allseits geachtetete Familie von Enke, wohlsituiert in der oberen Mittelschicht, hütet seit vierzig Jahren ein Geheimnis. Damals hatte Hakans Ehefrau Louise eine schwerstbehinderte Tochter geboren, die man vor aller Welt in einem Heim versteckt hielt. Dort macht Wallander einen Besuch und entdeckt zwischen den Kinderbüchern der Tochter eine Mappe mit Aufzeichnungen von Hakan von Enke.

Hakan hatte eine hohe militärische Führungsposition inne. Seit 1980 saß er an den Schalthebeln der Macht. Welche Befehle erhielt er von ganz oben, welche erteilte er selber? Als Geheimnisträger war er ein interessantes Opfer für die Spionage des KGB, aber auch der CIA. In Hakans Jagdhütte findet Wallander einen Stahlzylinder von fast einem Meter Länge – ein Gerät voller komplizierter Kommunikationstechnologie ...

Etwas später wird Louise von Enke – Deutschlehrerin und Begleiterin der schwedischen Wasserspringerinnen nach London und Berlin – tot aufgefunden. In einem Geheimfach ihrer Handtasche findet man russische Dokumente und einen Mikrofilm. Schon lange ging das Gerücht um, in den schwedischen Kreisen treibe eine weibliche Spionin ihr Unwesen. Hat Louise etwas damit zu tun?

Wallander muss weiter ausholen. Er fährt nach Kopenhagen, nach Berlin und auf einsame Inseln, wo er Freunde und enge Mitarbeiter von Enkes trifft. Er, den Politik bislang nicht übermäßig interessiert hatte, muss sich jetzt mit der Ära des Kalten Krieges befassen. Das war die Zeit der Aufrüstung, der gegenseitigen atomaren Bedrohung der Großmächte, des Berliner Mauerbaus; in Schweden wurde Olof Palme ermordet. Obwohl ein neutraler Staat, wurde das Land von amerikanischen Kampfjets überflogen. Wie hängt alles zusammen?

Für Wallander löst sich der Fall zwar, doch die Stockholmer Polizei wird seine Aufzeichnungen erst zu einem viel späteren Zeitpunkt anonym erhalten – wenn überhaupt. Dass am Ende viele Fragen offen bleiben, gibt dem Roman eine besondere Note. Perfektionismus in der Aufklärung des Kriminalfalls kann er nicht bieten ...

Henning Mankells letzter Fall mit Kriminalkommissar Kurt Wallander ist ihm meisterlich gelungen. Seine Sprache ist niveauvoll und pointiert. Der Spannungsbogen steigt kontinuierlich. Fiktive und historisch-politische Handlungsabläufe sind überzeugend miteinander verwoben und schaffen überraschende Einblicke und Zusammenhänge. Am Ende ist der Leser einverstanden: Ja, so könnte es tatsächlich gewesen sein ...

Mankells Protagonisten sind alle interessante Persönlichkeiten, differenziert und menschlich. Natürlich steht Kurt Wallander im Mittelpunkt; von Beginn an leben wir an seiner Seite, spüren, dass er sich auf dem Weg der letzten Phase des Lebens befindet, dass die Angst vorm Älterwerden wächst. Mit seiner Zuckererkrankung kann er nur schwer umgehen; plötzliche Gedächtnislücken schiebt er beiseite; Arztbesuche vermeidet er. Er braucht keine Diagnose, denn seine Ahnungen erschrecken ihn schon genug. Aber Henning Mankell gibt ihm noch ein paar Jahre, bevor er schließlich abtaucht ins Reich der Dunkelheit.


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