Rezension zu »Nordwasser« von Ian McGuire

Nordwasser

von


Die Epoche des für Mensch und Tier erbarmungslosen Walfangs im Nordmeer geht zu Ende. Noch einmal soll die »Volunteer« Gewinn einfahren. Was Menschen und die Natur mit der Mannschaft treiben, lässt den Leser mitfiebern, schaudern und verzweifeln, aber nicht das Buch weglegen.
Abenteuerroman · Mare · · 304 S. · ISBN 9783866482678
Sprache: de · Herkunft: gb

Im eisigen Meer der Finsternis

Rezension vom 31.05.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Jacob Baxter hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt. Mit dem Walfang hoch oben im unwirtlichen Polarmeer sind keine Reichtümer mehr zu verdienen. Paraffin und Petroleum – da liegt die Zukunft. Aber die »Volunteer«, ein stabil gebauter Walfänger, ist zu schade, um sie einfach aus dem Verkehr zu ziehen, ohne dass sie noch einmal Gewinn abwirft. In der vergangenen Saison hat der reiche Reeder unglücklicherweise ein Schiff verloren, aber die Versicherung zahlte anstandslos, und Baxters Weste blieb fleckenfrei. Seine Risiken sind also kalkulierbar.

Was es braucht für einen materiellen Erfolg der Fahrt – und das ist alles, was zählt, schon gleich, falls es die letzte sein sollte –, ist eine robuste Mannschaft und ein fähiger Kapitän. Letzterer steht schon fest: Arthur Brownlee hat dreißig Jahre Erfahrung mit Schiffen, Stürmen und Seeleuten aller Art. Dass drei Jahre zuvor die »Perceval« unter seinem Kommando im Eis zerquetscht wurde, wobei viele Männer starben und die Fracht vollständig versank, hat ihn nicht beliebter gemacht. Hauptsache, er hat jetzt die Männer, die Baxter ihm aussucht, unter Kontrolle. Als Baxter ihm seine Pläne im Hinterzimmer finanziell schmackhaft macht, ahnt er nicht, was für eine Reise in die Hölle er übernimmt.

Die Mannschaft ist Baxters fettestes Sparschwein. Was er für kleines Geld einsammelt, ist auch nicht mehr wert: ein Haufen zwielichtiger Gestalten. Aus der Menge der Hohlköpfe wie Cavendish (Erster Maat, »fieser Scheißkerl und Hurenbock« und skrupelloser Befehlsausführer) ragen nur wenige heraus, aber nicht durch Anstand, sondern durch schlaue Verschlagenheit. Die Porträts der Männer erlauben schonungslose Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen.

Eine Schlüsselfigur ist der Harpunierer Henry Drax, ein widerliches Monster aus unkontrollierten biologischen Funktionen und niedersten Instinkten. Wenn ihm danach ist (was auch immer das sei), bedient er sich am Körper anderer, wie z.B. dem eines klapperdürren »Niggerjungen«, und schert sich nicht darum, ob der die Tortur überlebt.

In Patrick Sumner findet Drax seinen Gegenspieler. Was veranlasst einen gebildeten, integren Mediziner wie ihn, auf einem schwimmenden, stinkenden Pulverfass wie der »Volunteer« anzuheuern? Kapitän Brownlee deutet er langwierige Erbstreitigkeiten an, beeindruckt ihn aber vor allem mit Berichten aus Indien, wo er in den Gemetzeln des Sepoy-Aufstandes von einer Kugel getroffen wurde. Im Übrigen kann er Brownlees patriotische Begeisterung für die britische Kolonialpolitik nicht teilen – dafür hat er zu viele unmenschliche Militärs und fragwürdiges Sterben gesehen. Jedenfalls kann auch ihn – wie seine künftigen Mannschaftskameraden – keine Widerwärtigkeit mehr entsetzen.

Was Sumner für sich behält, ist seine unehrenhafte Entlassung aus dem Militärdienst und seine schwere Opiumabhängigkeit, die ihn seither zusammen mit einem hinkenden Bein belastet. Einkünfte hat er überhaupt keine, von Seefahrt keinen Schimmer. Auf dem Walfänger verspricht er sich eine ruhige Zeit, in seiner Koje liegend, Homer lesend, die Wunder des Eismeers skizzierend, ein Tagebuch führend. Die robusten Naturen an Deck, sollte je eine schwächeln, würden sich schon selbst heilen, »oder sie verkriechen sich und sterben«.

So bricht die »Volunteer« 1859 zu ihrer Mission des blutigen Schlachtens auf. Die Shetland-Inseln bieten die letzte Gelegenheit für einen Landgang zum Huren, Branntweinsaufen und Prügeln. Was in den Alkoholschwaden ans Licht kommt, definiert die Positionen für die folgenden Monate. Als das Schiff Kurs auf Grönland nimmt, trägt es an Bord den dräuenden Antagonismus zwischen schmächtigem Gut und mächtigem Böse und genügend lebenden Konfliktstoff für eine Katastrophe.

Es folgen fünfunddreißig bitterkalte Tage mit Nebelbänken, Schneeregen und Robbenschlachten zwecks Proviantaufnahme. Dabei rutscht die Landratte Sumner ins Eiswasser und wird mit knapper Not gerettet. Ist er »gesegnet«, dass er nach Tagen des Dahinsiechens im Opiumrausch, mit Gänseschmalz eingeschmiert und in warme Decken eingewickelt, ins Leben zurückkehrt?

»The North Water« Ian McGuire: »The North Water« bei Amazon, verfasst von dem 1964 geborenen Briten Ian McGuire, 2016 für den Booker Prize nominiert und jetzt von Joachim Körber gelungen ins Deutsche übersetzt, ist nichts für zartbesaitete Leser. Was die Authentizität bei der Schilderung des Lebens an Bord angeht, steht »Nordwasser« berühmten Vorbildern wie Herman Melvilles »Moby Dick« in nichts nach. Aber hinsichtlich Drastik und Brutaliät setzt McGuire noch eins drauf. Bei der knüppelharten Arbeit geht es um Leben und Tod, bei Mensch und Tier. Die Gerätschaften sind gefährlich, erfordern Kraft und Geschick. Unfälle, Stürme und die See fordern ihren Tribut. Wer über Bord geht, ist verloren. Der enge Raum auf und unter Deck provoziert ständig Spannungen, Streitereien und blutige Machtkämpfe. Selbst nett gemeinte Gesten können, falsch verstanden, zu Attacken führen. Überall fließt Blut, schwelt der Gestank der ausgeweideten Tiere und menschlicher Ausscheidungen. In seiner literarischen Gestaltung beschönigt der Autor nichts. Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Gewalt bestimmen die Handlungen, die Beschreibungen lassen keine Details aus, die Sprache der Dialoge ist derb, unflätig und obszön. Nur ab und zu sorgen ein paar anrührende Szenen für Erleichterung, wie etwa Sumners Fürsorge für einen verwaisten kleinen Eisbären.

Obwohl man sich nach manchen Passagen angewidert abwenden oder zumindest durchatmen möchte, lässt uns die packende Handlung nicht frei. Allein die maritimen Abenteuer und die Jagd auf die riesigen Wale füllen ungeheuer spannende Seiten. Die Charaktere enthüllen nach und nach ihre wahren Eigenschaften, wandeln sich zum Schlechteren oder Besseren, die vielfältigen Verstrickungen der Interessen sorgen für Reibung. Mit dem gewaltsamen Tod eines Crewmitglieds tritt ein kriminalistisches Rätsel ins Spiel, das natürlich erst am Ende des Romans effektvoll aufgelöst wird.

Trotz seiner Härten, die nicht jedem zusagen werden, habe ich »Nordwasser« in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2018 aufgenommen.


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