Rezension zu »Hab und Gier« von Ingrid Noll

Hab und Gier

von


Kriminalroman · Diogenes · · Gebunden · 256 S. · ISBN 9783257068856
Sprache: de · Herkunft: de

Geld verdirbt den Charakter

Rezension vom 02.04.2014 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

»Gabelfrühstück« – ein solch altmodisches Wort kann nur einem einfallen. Karla Pinter findet das Schätz­chen im Briefkasten auf einer Einladung, über­sandt von ihrem ehemaligen Kollegen Wolfram Kempner.

Lange hat Karla nichts mehr von dem alten Bücherwurm gehört. Beide hatten in der Stadt­bi­blio­thek gear­beitet; dann hat Karla den Kampf mit den modernen »audiovisuellen Medien« aufgegeben und wurde früh­pensioniert. Jetzt ist sie 63, geschieden und weiß, dass sie keinen Mann mehr vom Hocker reißen wird.

Was also mag Wolfram (67) mit seinem Vorstoß bezwecken? Ein telefonischer Plausch mit Judith, einer jünge­ren Kollegin und Freundin, bestärkt die Vermutung, er suche wohl eine Nachfolgerin für Bernadette, seine gut betuchte Ehefrau, die vor einem halben Jahr dreiundsiebzigjährig dahingeschieden ist.

Dafür steht Karla allerdings nicht zur Verfügung. Das Thema Männer hat sie ein für allemal abgehakt. Jetzt das Hausmütterchen spielen, einem Witwer »Wärme, Trost und Hilfe« angedeihen lassen? Nicht mit ihr. Doch Karla ist auch neugierig, und so nimmt sie die Einladung des Ruheständlers an.

Das Wiedersehen bringt Karla einen Schock. Immer schon »ein besonders mickriges Exemplar von Mann«, ist Wolfram jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach kurzem Vorgeplänkel lässt er die Katze aus dem Sack: Er habe einen inoperablen Tumor, sei austherapiert. Außerdem habe er Schuld auf sich geladen: Als Bernadette ihn aus ihrem geschlossenen Zimmer um Hilfe rief, habe er sie im Stich gelassen und das Haus verlassen, um seinen Termin beim Onkologen wahrzunehmen. Als er zurückkehrte, war sie bereits tot – sie hatte einen Schlag­anfall erlitten. Be­sonders reumütig zeigt er sich allerdings mitnichten, denn die do­mi­nan­te Bernadette hatte ihn jahrelang herum­kom­mandiert und mit Vergnügen gequält.

Da Wolfram nun seinem eigenen baldigen Ableben entgegensieht, möchte er die »verehrte Karla« um eine »kleine Gefälligkeit« bitten: Sie möge dafür sorgen, dass er direkt neben Bernadette bestattet und auf dem Grab­stein eine ungewöhnliche Inschrift angebracht werde: »Dein Feind ist nah.« Im Gegenzug werde er Karla testa­mentarisch be­günstigen; er werde sein stattliches Gründerzeit-Wohnhaus versteigern und ihr ein Viertel des Er­löses vermachen.

»Wenn's weiter nichts ist. Geht in Ordnung!« Schnell besiegelt man den Pakt per Handschlag.

Anders als die gute Karla reagiert Judith skeptisch, als ihre Freundin ihr alle Details des denkwürdigen Tref­fens ausbreitet. Was ist die Herberge denn genau wert? Einstmals nobel, ist der Bau inzwischen in die Jah­re gekom­men. Sollte man nicht besser investieren und den »Schuppen« richtig aufmöbeln? Bald krie­chen Zweifel auch in Karlas Gedanken. Wer weiß, ob alles stimmt, was Wolfram aufgetischt hat. Ein Tes­tament hat sie nicht gesehen. Womög­lich »lebt er länger als erwartet«. Nun ist die Gier geweckt, und die beiden müssen »den Wolf erst mal erlegen, be­vor wir ihm das Fell abziehen« und ans sichere Hab gelan­gen.

Als sich Karla eine Woche später auf den Weg macht, um den Dingen auf den Grund zu gehen, ist Wolf­rams Zu­stand und der seiner Bleibe weiter verfallen: verlotterter Jogginganzug, schmutziges Geschirr, un­aufgeräumte Zim­mer. Aber das Thema Testament liegt auch ihm auf der Seele. Überraschenderweise hat er zwei neue Varia­tionen in petto. Karla soll die Hälfte seines Vermögens erhalten, wenn sie den Tod­kran­ken zu Hause pflegt und ihm damit die verhasste Palliativstation des Krankenhauses erspart. Und alles, aber auch alles würde er ihr ver­machen, wenn sie ihm »die Liebe« tut und seinem Leben ein Ende macht. Damit meint er nicht etwa Beihilfe zum Selbstmord, sondern Karla soll ihn eigenhändig umbringen ...

Ingrid Nolls neuester rabenschwarzer Krimi kommt mit unerwarteten Wendungen daher. Die geldgierige Ex-Kolle­gin ins Vertrauen gezogen zu haben erweist sich für Karla, die Ich-Erzählerin, bald als Belastung. Denn Judith hat einen Freund im Schlepptau, der so einiges auf dem Kerbholz hat. Und die Binsenweis­heit, dass Geld den Charakter verderbe, gilt sogar für eigentlich harmlose alleinstehende Kleinpensionärin­nen und Geld, das nur von ferne lockt. Immerhin windet sich Karla noch unter Gewissensbissen, während an­de­re nicht so lange fa­ckeln. Damit ist zwar bald der Wolf(ram) erledigt, doch sein Fell noch längst nicht in Karlas trockenen Tüchern.

Mit »Hab und Gier« knüpft Ingrid Noll an ihre frühesten Erfolge an, die Rosmarie-Hirte-Romane »Der Hahn ist tot« Ingrid Noll: »Der Hahn ist tot« bei Amazon(1993) und »Die Apothekerin« Ingrid Noll: »Die Apothekerin« bei Amazon(1996), 2008 in einer gemeinsamen Hörbuch-Ausgabe Ingrid Noll: »Der Hahn ist tot« & »Die Apothekerin« (Hörbuch) bei Amazon er­schie­nen. Auch in deren Mit­telpunkt steht eine männermordende Durchschnittsfrau, die ihre Moral über Bord wirft; auch sie sind in leichtfüßi­ger Ironie verfasst, wodurch sie riesige Popularität erlangten und bis heute stil­bildend für Unterhal­tungsliteratur und Fernsehfilme wirkten. Während die Protagonistin der Neun­zi­ger Jahre ihre Männer jedoch mit emanzipatorischem Eifer entsorgte, folgt ihre Kollegin in Zeiten der Ban­ken-, Boni- und Steuersünder-Skandale ganz schnöden mate­rialis­tischen Beweggründen. Zynischer mag man finden, dass das hochaktuelle Thema der Sterbehilfe anklingt, aber lediglich als Triebfeder für den Plot in­strumentalisiert und damit auf seinen reinen Unterhaltungswert reduziert wird.

Aber Schwamm drüber – wer Ingrid Noll liest, weiß, was ihn erwartet: entspannte, humorvolle, horrorfreie Lese­stunden.


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