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Rezension zu »Die Wunderübung« von Daniel Glattauer

Die Wunderübung

von


Komödie · Deuticke · · Gebunden · 112 S. · ISBN 9783552062399
Sprache: de · Herkunft: at

Intelligenter Boulevard

Rezension vom 04.04.2014 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Daniel Glattauers neuestes Opus ist keine Erzählung, sondern ein kleines, amü­san­tes Kammerspiel für drei Personen. Der mittlerweile international er­folg­rei­che Wiener Autor – Journalist, Kolumnist, Romancier – hat sich dafür des er­gie­bi­gen Sujets eines zer­strit­te­nen Ehepaares mittleren Alters angenommen und schickt die beiden in eine Paartherapie. Im Büh­nen­stück »Die Wunderübung« werden wir dereinst (die Ur­aufführung ist 2015 zu erwarten) den Verlauf der etwa eineinhalbstündigen Sitzung mit dem Berater miterleben; bis dahin können wir die Deuticke-Ausgabe lesen oder die vorzügliche »Hörbuchfassung« 3899038886 mit Andrea Sawatzki, Christian Berkel, Wolfram Koch und Peter Jordan genießen.

Joana und Valentin Dorek sind seit siebzehn Jahren verheiratet und haben zwei Kinder (13 und 15). Die Historikerin und der Ingenieur im Flugzeugbau lernten sich bei einem Tauchkurs in Ägypten kennen. Die damalige gegenseitige Faszination unter Wasser (»Harmonie ohne Worte«) ist im Alltag vertrocknet, wenn auch noch nicht ganz zerbröselt. Unterirdisch schlummern noch zarte Keimlinge des Zusammenhalts, ja der Zuneigung; sie ließen die beiden bisher von einer Trennung absehen und motivierten sie nun dazu, einen Paarberater aufzusuchen. Dessen Aufgabe ist es, die beiden dazu zu bringen, dass sie die verküm­merten Würzelchen und verschütteten Triebe wiederfinden, hegen und zu frischem Leben erwecken.

Doch bis es dazu kommen kann, müssen erst verkrustete Rituale aufgebrochen werden. Die nichtigsten Stichwörter triggern das gesamte Spektrum an Vorwürfen, Unterstellungen, Abrechnungen und Bloßstel­lungen; es geht um Unterbrechen, Unterhöhlen, Überrumpeln und Übertrumpfen.

Die beiden sind erfahrene Streiter und begegnen einander auf Augenhöhe. Geschickt wissen sie den Stär­ken des anderen auszuweichen und seine Schwächen zu nutzen. Sie kontern schlagfertig, reagieren geis­tes­ge­gen­wär­tig, nutzen brillant rhetorische Tricks wie bissige Ironie, witzige Zuspitzungen, deftige Übertrei­bungen, erfrischende Wortspiele. Kommunikativ beherrschen beide alle Register – herunterspielen, provo­zieren, interpretieren, verpetzen, vermitteln.

Was den Betroffenen bittere Schmerzen bereitet, können wir Zuschauer/Leser aus sicherer Distanz amü­siert belächeln und genießen. Da klappern die Klischees (»Mein Mann hört [...] nur, was er hören will.« – »... weil du niemanden zu Wort kommen lässt.« – »Ich würde sagen, sie ist sehr ... temperamentvoll. Hitzig, könnte man auch sagen. Sie ist sehr schnell auf hundertachtzig, wenn Sie verstehen, was ich meine.« – »Ja, verantwortungsvoll, das ist er – im Büro. Dort ist er so verantwortungsvoll, dass für daheim leider nichts mehr übrig bleibt.« – »... diese unappetitliche Sex-Affäre mit – Brischit.« – »Und [...] was ist mit Guido?«) und zündet schon mal ein Kalauer (»Historikerin«/»Hysterikerin«), aber der intelligente Schlag­ab­tausch überwiegt bei weitem (»Mein Mann kennt alle meine Anliegen, meine Hauptanliegen, meine Ne­ben­an­lie­gen, alle meine Anliegen. Und er kennt sie immer schon vor mir.«).

Auch die durchschaubaren Taktiken und verbalen Mantras des Beraters bereiten Vergnügen: »gemeinsam wollen«; herausarbeiten, was jeder am anderen schätzt, was »jeder Einzelne für sich will«, um dann das »Verbindende ins Auge zu fassen«; bloß nicht als Schiedsrichter angesehen werden; bloß nicht konkrete Ratschläge erteilen; immer wieder belobigen. Unermüdlich greift er in die Wundertüte seines Therapie­re­per­toi­res und überrascht seine Kunden (und uns) mit etlichen tatsächlich originellen und sinnvollen Übun­gen. (Der Autor ist kein Laie: Er hat eine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Psychosozialen Berater ab­sol­viert und dabei auch Paartherapie gelernt.)

Unterm Strich fruchten des Beraters bald geduldige, bald resolute Bemühungen wenig. Die knallharten Kon­tra­hen­ten trampeln alle zarten Pflänzchen, denen er ans Licht der Sonne verhilft, gleich wieder nieder. Bis es zu einer unerwarteten Wendung kommt ...

Die Zurschaustellung einer desolaten, aber nicht hoffnungslosen Paarbeziehung und der einfallsreichen Manöver ihres Beraters gerät für die Zuschauer zu einer kurzweiligen, abwechslungsreichen, vergnügli­chen Boulevardkomödie, die viel Raum zur Identifikation lässt. Sind wir nicht alle ein bisschen Joana und Va­len­tin? Noch tiefere Erkenntnisse sind nicht angestrebt.


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