Rezension zu »Kühn hat Hunger« von Jan Weiler

Kühn hat Hunger

von


Kommissar Martin Kühn, talentiert, einfühlsam und humorvoll, hat nichts zu lachen. Er hat den Mörder einer jungen Frau zu stellen, muss aber vor allem seine Rolle als Mann neu finden. Damit ist er heutzutage nicht allein.
Kriminalroman · Piper · · 416 S. · ISBN 9783492058766
Sprache: de · Herkunft: de

Wann ist ein Mann ein Mann?

Rezension vom 07.11.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

1984, als Herbert Grönemeyer seinen Hit »Wann ist ein Mann ein Mann?« lancierte, war die Männerwelt noch einiger­maßen in Ordnung. In der real exis­tieren­den Gesell­schaft saßen sie noch fest genug im Sattel, um selbst­ironi­sche Leichtig­keit zuzulassen: »Männer sind furchtbar stark«, aber »weinen heimlich«. Mit der trivialen Formel »Außen hart und innen ganz weich« konnte Mann leben, dabei hatte die Frauen­rechte­bewe­gung längst die Axt an das Fundament maskulinen Selbst­verständ­nisses gelegt. Ihre Prota­gonis­tinnen mussten mit harten Bandagen kämpfen, um überhaupt ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass Frauen in der Familie, der Arbeitswelt und im Staat nichts zu melden hatten, solange die Männer sie nicht mitspielen ließen.

Fünfunddreißig Jahre später ist die weibliche Emanzi­pation keineswegs perfek­tioniert, aber wenigstens insti­tutiona­lisiert. Gleich­stellungs­beauf­tragte, Quoten-, sogar Sprach­regelun­gen und selbstbe­wusste Anti­diskrimi­nierungs­aktionen mit breitem Rückhalt wie #MeToo haben verfestigte Rollen­bilder ausgehebelt und sind der Männer­domi­nanz auf den Pelz gerückt. Dabei ist das aus früheren Zeiten gewohnte, hierar­chisch definierte »harmonische Zu­sammen­leben« der Ge­schlech­ter in die Brüche gegangen und lässt die Männer orientie­rungslos zurück. Wann ist ein Mann heutzu­tage ein Mann?

Der Münchner Kommissar Martin Kühn steckt in genau dieser Krise. Er ist zum dritten Mal Protagonist in einem Roman von Jan Weiler – nach »Kühn hat zu tun« (2016) Jan Weiler: »Kühn hat zu tun« bei Amazon und »Kühn hat Ärger« [› Rezension] – und dazu ein Repräsen­tant seiner verun­sicherten Männer­generation.

Dass er als Vertreter des »starken Geschlechts« nirgendwo mehr etwas zu sagen hat, macht ihm schwer zu schaffen. Er ist erst 45 Jahre alt, achtzehn davon mit Susanne verheiratet, fühlt sich eigentlich auf der Höhe der Zeit und muss doch erkennen, dass sich die Vorzeichen in seiner Ehe verändert haben. Die Zeiten seines »Patriar­chats« sind längst vorüber. In den Augen seiner Kinder Nico und Alina ist er ein »analoger Greis«, der ein tristes Dasein ohne Internet, Mobil­telefon und Online-Kaufhäuser fristet. In familiärer Runde ist er ein geduldeter Langeweiler, dessen altbackene Witze allenfalls gnädig belächelt, eher aber mitleidlos bespöttelt werden. Kein Zweifel: Sein Weg führt abwärts, während Susanne an Selbst­bewusst­sein gewinnt und aufwärts strebt.

An diesem Befund konnte auch ein kleiner Seiten­sprung nichts ändern. Die Episode mit einer durch­setzungs­starken Kollegin hatte ihm zwar bewiesen, dass seine männ­lichsten Teile bei Bedarf noch parat stehen, doch zurück blieben ein »ambi­valentes Schuld­gefühl« sowie die Einsicht, dass es wohl vorbei ist mit dem Sex-appeal: schlaffe, fahle, neuerdings fleckige Haut, Haare an bisher Babypopo-sanften Stellen, unüber­sehbare »Biertitten« oberhalb der Bauch­wölbung und auf der Nase ein Lese­brillen­gestell.

Aber Martin Kühn ist nicht der Typ, der seinen Platz so einfach räumt. Stärkung für sein Ego, für seine Attrak­tivität bei Susanne und für sein Ansehen im Kom­missa­riat (wird er endlich befördert?) verspricht er sich von der »Ferdie-Caparacq-Diät«, die gerade inter­national gehypt wird. Caparacq ist eine Galions­figur traditio­nellen männ­lichen Rollen­verständ­nisses. Er diagnos­tiziert in der heutigen Gesell­schaft eine »Enteierung« des Mannes und eine »Ver­schwan­zung« der Frau und leitet daraus einen Mix aus kernigen Ratschlägen und Diätplänen ab. Zwar fordern sie dem Manne äußerste Disziplin ab (»Weck die Bestie, Du Sau!« hat der Männer­versteher sein Buch betitelt), doch lockt das Ziel, dass er am Ende aller Qualen ein selbst­sicheres, attraktives Auftreten sowie seine natur­gewollte Dominanz wieder­erlangen werde.

Leider hält Martin Kühn nur wenige Tage durch, doch die Verhonepiepelung der Motivationskampagne ist genüsslich zu lesen. »Erfolg ist männlich. Sonst würde es Siefolg heißen.« Deswegen schaut Martin Kühn morgens in den Spiegel und brüllt sich mit dem Schlachtruf der Gleich­gesinn­ten an (»Ho, hu, hu, Du geiler Typ«), ehe er zum Frühstück warmen Ingwertee schlürft. In der erbar­mungs­losen Hungerwüste mutiert der Mann zeitweise zum Wolf, bis er »kurz vor der Kern­schmelze« klein beigibt.

Ehe wir’s vergessen – dies ist ja ein Krimi. Tatsächlich ist im Büro der Mord an einer jungen Tänzerin zu lösen. Während Kommissar Kühn und sein Team noch im Dunklen tappen, erfährt der Leser als Erster, wer die Täter sind und was ihr Motiv war. Der Autor nutzt auch den Kri­minal­fall, um sein gesell­schaft­liches Thema der Ge­schlechter­rollen aus einer anderen, ziemlich brutalen Perspektive zu beleuchten. Es geht um »Incels«, Männer, die unfrei­willig im Zölibat (»involuntary celibate«) leben, weil sie keine weiblichen Sexpartner finden. Sie fühlen sich als »B-Ware« und »Unberühr­bare«, leben verun­sichert und zurück­gezogen allein oder bei Muttern. Sie sehnen sich nach Frauen, würden gern eine feste Beziehung eingehen und eine Familie mit Kindern gründen, wissen aber nicht, wie sie einen Kontakt herstellen können. Selbst­sichere Frauen wirken auf sie ein­schüch­ternd, abweisend, abschre­ckend.

Bei solchen männlichen Mauerblümchen, so scheint es, haben sich die alt­herge­brach­ten Ge­schlechter­rollen invertiert. Nun bietet das Internet genügend Räume, wo Männer mit gestörtem Verhältnis zu Frauen ihre realen oder bloß einge­bilde­ten Defizite kompen­sieren können, doch besteht dort die Gefahr, dass sie sich in einer Scheinwelt verfangen, den Abstand zur Realität vergrößern und sich im Extremfall zu ge­fähr­lichen Psycho­pathen entwickeln.

Jan Weilers Roman »Kühn hat Hunger« überzeugt auf vielfache Weise. Genau beobachtend seziert er unsere chaotisch aufge­brochene Gesell­schaft, die keine Gewiss­heiten mehr zulässt, nicht einmal ver­meint­liche, fragwürdige oder überholte. So werden Frauen, die im Innersten gerne Hausfrau und Mutter sein wollen, in der Öffent­lichkeit als rück­ständige, unter­würfige Opfer eines ungerechten Patriar­chats hingestellt, während Berufs­tätige zwar als emanzi­pierter gelten, aber oft weniger verdienen als ein Mann in gleicher Position und in der Familie häufig zu wenig Entlastung finden. Der Stress, auf allen Feldern perfekt sein zu wollen, macht Frauen nachge­wiesener­maßen krank.

Ebenso verunsichert sind die männlichen Wesen, denen sich Jan Weiler widmet. Indem er tief in ihre Seele schaut, scheinen seine Sympathien auf ihrer Seite, aber er schont sie nicht. Humorvoll, süffisant, bissig-satirisch bis klamaukhaft schildert der Autor den aller Pfründe beraubten Mann. Was der auch anstellt, es ist immer falsch. Er kann noch so tapfer kämpfen, am Ende verliert er. Ver­weich­lichte Luschen stehen ganz unten, designte Machos ganz oben auf der Abschuss­liste moderner, emanzi­pierter Frauen. Die seien, schreibt Caparacq, »wie Kühl­schränke … außen hart und innen kalt«.

In diesem hintersinnigen, unterhaltsamen Roman über Schein und Sein im ziemlich konfusen Gender-Konflikt im öffent­lichen und privaten Leben unserer Gesell­schaft wird jeder Leser und jede Leserin das eine oder andere miterleben, was auch ihr/ihm schon einmal zu schaffen gemacht hat. Ein paar thematisch komple­mentäre Krimi-Elemente fügen etwas Spannungs­würze hinzu.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2019 aufgenommen.


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