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Rezension zu Jean-Philippe Blondel: »Liebeserklärung«

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Liebeserklärung

Belletristik · Deuticke · · Gebunden · 160 S. · ISBN 9783552063334
Sprache: de · Herkunft: fr

Bewertung: 4 Sterne
Ganz in Weiß mit grauen Pünktchen

Rezension vom 30.03.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Vor der Kamera: alles Gold, alles Show. Wenn sich zwei Liebende das Ja-Wort geben, um einander in guten wie in schlechten Zeiten beizu­stehen, gilt das als »der schönste Moment im Leben eines Paares«. Damit hat die Feier eigent­lich genügend Bedeu­tung und Würde. Aller­dings scheint das heutzu­tage vielen Paaren nicht zu auszu­reichen. Sie pimpen den Tag zum Happe­ning und Status­symbol, um Anver­wandte, Freunde und Gäste gehörig zu beein­drucken. Eine ganze Dienst­leister­branche bietet sich an, den Traum von Roman­tik, Liebe und Idylle zu insze­nieren und jede Idee, das Event einzig­artig zu prägen, zu organi­sieren. Da am Hoch­zeits­tag die Devise »Geiz ist geil« ins Gegen­teil gedreht wird, lässt sich viel Geld ab­grei­fen.

Das Filmteam, das alles festhält, in bestes Licht taucht und für Öffent­lichkeit und Ewig­keit auf DVD schneidet, spielt eine nicht zu unter­schätzen­de Rolle im Gesamt­arrange­ment. Die Wohl­fühl­spezia­listen müssen jeden Augen­auf­schlag der Prota­gonisten mitbe­kommen, anderer­seits den »Tisch der Aus­gesto­ße­nen« meiden, wo die Leute sitzen, die einzu­laden man »lieber ver­gessen hätte«, das Regi­ment der domi­nanten Schwieger­mutter aus­blenden, die Schläge­rei am Ende der Feier höflich igno­rieren und schließ­lich das polierte Produkt mit schnul­ziger Melodien­soße weich­zeichnen.

Hinter der Kamera: viel Arbeit, alles Routine. Hoch­zeits­filmer Corentin beginnt seinen beruf­lichen Alltag am Samstag­morgen. »Frisieren, Ankleiden des Braut­paars, Standes­amt, Tausch der Ringe, die Gruppen­auf­nahme, die Kirche von außen, der Sekt­empfang und einige Sekun­den darüber, wie es dann weiter­ging«. Erst am frühen Montag­morgen kann er tief durch­atmen, wenn er seine Aus­rüstung zusam­men­packt und sich erschöpft nach Hause schleppt. Corentin macht den Job, mit Hoch­saison von Mai bis Septem­ber, nun schon mehrere Jahre, und die sich wieder­holen­den Abläufe lang­weilen ihn. Aber alles ist besser als der Lehrer­beruf, zu dem ihn seine Eltern stets gedrängt haben. Seit er das Ge­schichts­studium ge­schmis­sen hat, meidet er sie und den immer­gleichen Disput. Mehr Verständ­nis fand er bei seinem Paten­onkel Yvan, 52. Der kinder­lose Jung­geselle bot ihm vor ein paar Jahren die Gelegen­heit, in sein Geschäft einzu­steigen, und das war dem Studien­ab­brecher will­kommen.

Dennoch ist Corentin, 27, noch nicht so richtig in seiner Lebens­spur ange­kommen. Keine junge Frau ist auf Dauer zufrie­den in einer lockeren Bezie­hung im Standby-Modus mit einem wort­kargen Typen ohne Ehr­geiz und ohne sichere Zukunft. Daher über­rascht es Corentin nicht, als er den Zettel seiner aktu­ellen Kurz­zeit­partne­rin findet, dass alles »ein Irr­tum gewesen« sei.

Wie elend Corentin tatsächlich drauf ist, erfahren wir erst ziem­lich am Schluss des Romans. Vor dem Strudel des Abgrunds rettet ihn der originelle Einfall einer jungen Braut. Aline möchte ihrem zukünf­tigen Lebens­partner eine Liebes­erklärung in die Kamera sprechen. In der Intimität der Auf­nahme­situa­tion blüht Aline auf, »leuchtet im Halb­dunkel«, verzau­bert den Mann hinter der Kamera durch ihre Erschei­nung und die Wahr­haftig­keit ihrer Offen­barun­gen. Corentin ent­wickelt daraus ein Konzept. Wie Aline sollen sich weitere Kunden vor seiner Kamera frei und ver­trauens­voll öffnen. Alexandre, sein bester Freund aus Schul­zeiten, macht den Anfang und richtet uner­wartet unver­blümte Sätze an Corentin selbst. Er hält ihm vor, dass er einer sei, »der seine Mit­men­schen auf Distanz hält«, und fragt ihn, ob er denn einen »besten Freund oder einen Ver­trauten [habe], irgend­ein Ohr, das dir in Nächten der Ver­zweif­lung zuhört«. Damit trifft er Corentins Dilemma im Kern.

In den drei darauffolgenden Monaten zeichnet Corentin vierzig weitere mono­logische Selbst­portraits auf, darunter die seiner Eltern und seines Onkels. Auch Mutter Pascale spricht un­ange­nehme Wahr­heiten aus, wenn sie etwa bedauert, dass ihr Sohn »wenig Glück« in der Liebe habe, zu »bequem« sei und es sich »zu einfach« mache, indem er sich auf den Be­obachter­posten zurück­ziehe. Wenigstens Yvan baut seinen Neffen wieder auf (»Du bist einer der wich­tigsten Menschen in meinem Leben.«) und lobt sein Talent, Menschen dazu zu bringen, ihm »Dinge an­zuver­trauen«.

Tatsächlich waren die vielen Filmportraits, wie Corentin nach dem Sommer seinem Freund Alexandre gesteht, seine letzte Rettung, als er Hilfe bitter benötigte, aber nirgend­wo finden konnte. Die vielen »stummen Fragen, die mir meine Gegen­über gestellt haben,« gaben ihm Einblicke in das Leben der Sprecher und bedeuteten ihm »Weg­zehrung« in einer schlim­men Lebens­phase. Sollte er je wieder in ein solches Tief ab­gleiten, werde er sich die Auf­nahmen erneut ansehen.

»Mariages de Saison« Jean-Philippe Blondel: »Mariages de Saison« bei Amazon , Jean-Philippe Blondels neuester Roman (Anne Braun hat ihn über­setzt), ist im Vorder­grund der Ereig­nisse, vor der Kamera, eine komö­dianti­sche, bis­weilen ge­rade­zu filmreife Schil­derung meh­rerer turbu­lenter Hoch­zeits­zeremo­nien, deren aufge­bausch­tes, fassaden­haftes Brim­borium zart ironisch aufs Korn genom­men wird. Auf Rosen gebettet ist keins der Paare, viel­mehr piekst bereits die eine oder andere Dorne, ehe der gemein­same Lebens­weg seinen Anfang nimmt. Dahinter aber muss der sensible Prota­gonist Corentin seinen Weg finden, und das kom­plemen­tiert die Vorgänge mit einer ernsten, berüh­renden, melan­choli­schen Note. Die Mono­loge sind, kursiv abge­setzt, in die Handlung einge­floch­ten, unter­brechen sie, lassen inne­halten. Als Letzter im Reigen stellt sich Corentin der Kamera. Seine Offen­barung trifft uns als Über­raschung – das Geständ­nis einer verletz­ten Seele, die den Boden unter den Füßen verloren hatte und sich wieder stabil­isieren konnte.

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