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Rezension zu Luca D'Andrea: »Der Tod so kalt«

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Der Tod so kalt

Thriller · DVA · · Taschenbuch · 480 S. · ISBN 9783421047595
Sprache: de · Herkunft: it

Bewertung: 4 Sterne
Obsessionen

Rezension vom 02.04.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ein zäher Bursche ist er, der junge Drehbuchschreiber, den Annelise Mair in Amerika kennen­gelernt und geheiratet hat. Gegen alle Widrig­keiten hat Jere­miah Salinger es geschafft, gemein­sam mit seinem Partner Mike McMellan eine TV-Doku-Serie zu konzi­pieren, zu reali­sieren und lukrativ zu vermark­ten. Aber nach der vierten Staffel muss etwas Neues her. Für eine kreative Pause ziehen Anne­lise, Jere­miah und die 2008 geborene Tochter Clara im Dezember 2012 in Anne­lises Heimat, nach Südtirol.

Kein Zugereister hat es einfach in den abge­legenen Bergdörfern jener Region, wo seit Urzeiten jeder Tag den widrigen Gegeben­heiten des Geländes und den Natur­gewalten abge­rungen und vor durch­ziehen­den Feinden vertei­digt werden musste, wo seit Gene­ratio­nen Familien auf­steigen und für ein paar Jahr­zehnte den Ton angeben, während andere ab­steigen, wo uralte Tradi­tionen das Mitein­ander und den Jahres­ablauf bestim­men, wo sich Miss­trauen und Ver­schwiegen­heit als Tugenden bewährt haben und wo hinter jeder Haustür düstere Geheim­nisse gehütet werden.

Dank seiner Familienbande bekommt »der Ameri­kaner« (oder einfach »Salinger«) leichter Einblick. Schwieger­vater Werner, ein knorriger verwit­weter End­sieb­ziger, gehört zum inners­ten Kreis der (fiktiven) Gemeinde Sieben­hoch. In den Sechziger­jahren ahnten er und eine Handvoll Freunde, welche Bedeutung dem Berg­steigen und dem ein­setzen­den Touris­mus zukommen würde, und gründe­ten den »Berg­rettungs­dienst Dolomiten«. Aus dem impro­visier­ten Frei­zeit­engage­ment der jungen Männer ist eine professio­nell geführte Organi­sation mit Hub­schrauber und Notarzt geworden, deren Aktivi­täten bei Salinger gleich eine neue Projekt­idee zünden: Eine factual-Serie soll den packenden Alltag der »Mountain Angels« auf die Bild­schirme der Welt bringen.

Mike im fernen Amerika trägt das Konzept mit, doch eine Katastrophe beendet die viel­ver­sprechen­den An­fänge der Produk­tion. Am 15. Septem­ber 2013 gerät Salinger bei einem Hub­schrauber­absturz in eine Glet­scher­spalte, sein Leben scheint verloren. Im Dunkel jenes Gefäng­nisses ergreift die Wahn­vorstel­lung Besitz von ihm, dass eine mysteriöse »Bestie« ihr Spiel mit ihm treibe. Noch lange nach seiner Rettung suchen ihn Alb­träume heim, und er beschließt, in Sieben­hoch ein Sabbat­jahr einzu­legen.

Mit diesem Plan macht Salinger Annelise glücklich, denn sein rastloser Eifer belastet sie schon lange, und er wünscht sich auch selbst mehr Zeit für sein aufge­wecktes, kluges Töchter­chen. Aber fataler­weise kann er sich nicht aus seiner Haut befreien. Trotz aller Vorsätze und Ver­sprechun­gen verfängt er sich in einer neuen Obsession, die den zentralen Hand­lungs­strang des Romans ausmacht. Er erfährt von einem brutalen Massaker, dem 1985 in einer ungewöhn­lich heftigen Sturm­nacht in der wilden Schlucht des Bletter­bachs drei junge Leute aus Sieben­hoch zum Opfer fielen. Zwar gab es Verdäch­tige, aber die polizei­lichen Unter­suchun­gen brachten weder verwert­bare Indizien noch Beweise zutage.

Salinger verbeißt sich umso heftiger in den Fall, je undurch­dringlicher das Dickicht aus vorge­täusch­ter Unwissen­heit, Ab­lenkungs­versuchen, Verstockt­heit Ver­tuschung und unver­hohle­nen Dro­hungen wird. Seine privaten Ermitt­lungen beginnen im Dorf, wo er über Werner das Vertrauen von dessen Freunden und deren Familien­angehöri­gen zu gewinnen versucht, führen ihn später zu Behörden und Archiven in Bozen und natürlich auch zum Tatort, dem beein­drucken­den »Grand Canyon Südtirols« mit seinen schroffen Fels­forma­tionen, berühm­ten Fossilien und unter­irdischen Höhlen­labyrin­then. Wo auch immer er recher­chiert, stößt er auf Rätsel­haftes und Wider­sprüch­liches, auf merk­würdige Schicksale, ent­täuschte Hoffnun­gen, zerstörte Existen­zen, und doch schafft er es immer wieder, neue Quellen anzu­zapfen, das Vertrauen von Infor­manten zu erschlei­chen und ihnen zu entlocken, was niemals ausge­sprochen werden sollte.

In seiner Besessenheit kennt Salinger keine Skrupel. Dreist täuscht der begnadete Ge­schichten­erfinder und Schau­spieler die Be­fragten über seine wahren Inten­tionen (Tat­sächlich trägt er sich mit dem Gedanken, einen Film über das Massaker zu drehen.), und selbst seine Ver­sprechen gegenüber Anne­lise und Clara bricht er am laufen­den Band, um sich Frei­räume für seine Nach­forschun­gen zu ver­schaffen. Nicht einmal zu sich selbst ist er immer ehrlich. Er leidet unter seinen Traumata, muss sich mit Medika­menten beruhi­gen, kassiert immer heftigere Prügel, aber nichts hält ihn auf. Die leeren Hüllen verwor­fener guter Vorsätze (»Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass ich sie liebte. Ich behielt es für mich.«) pflastern seinen Weg.

Trotz seiner Schwächen ist dieser Protagonist eine sympathische Figur, denn er verfolgt sein Anliegen, der Gerech­tigkeit auf die Sprünge zu helfen, hart­näckig und klug, er glänzt durch Geistes­gegen­wart und Ge­witzt­heit, ist ein sensibler Ehemann und einfühl­samer Vater, und er ist zu Selbst­ironie fähig. Wenn es der skepti­schen, aber lang­mütigen Anne­lise zu bunt wird, hält sie ihrem Mann vor Augen, wie er die Existenz seiner Familie und sein eigenes Wohl­ergehen aufs Spiel setzt. Dann wird er ganz charmant und ein­sichtig, verspricht das Blaue vom Himmel herunter – bis ein Hinweis, ein Einfall das Feuer seines Forschungs­drangs neu entflammt.

Salingers Ich-Erzählung ist bis zu den letzten Seiten packend und unglaub­lich windungs­reich, aber ihr Funke zündet nicht am Anfang. Die ersten ein­hundert Seiten bereiten groß­flächig den Boden für das, was sich auf den rest­lichen 380 Seiten abspielt. Es geht um die Vorge­schichte, die ameri­kanischen Film­pro­jekte, Südtirol, die Charak­tere, ihre Verflech­tungen unter­einander und der­gleichen – nett zu lesen, aber noch ohne Thrill. Regel­mäßig wieder­keh­rende ominöse Voraus­verweise auf spätere uner­hörte Gescheh­nisse halten den hoff­nungs­vollen Leser vorläufig bei der Stange.

Wenngleich »La sostanza del male« Luca D'Andrea: »La sostanza del male« bei Amazon (übersetzt von Verena von Koskull) inter­national als Debüt­werk vermark­tet wird, ist der Autor kein Anfänger. Er hat bereits zwei Bücher veröffent­licht, die aller­dings unbe­achtet blieben. In einem Inter­view mit der Zeitung La Repubblica nennt er auch sich selbst »un ossessivo«, der fleißig Material sammelt, alles pingelig doku­men­tiert und erst zu schreiben beginnt, wenn im Konzept jedes Mosaik­stein­chen an seinem rich­tigen Platz sitzt. Das sorg­fältige Hand­werk erzeugt keinen litera­rischen Höhen­flug, zahlt sich aber aus, indem alles perfekt zu­sammen­passt: viel­fältige, schil­lernde Charak­tere; drama­tische Szenen; ungewöhn­liche Schau­plätze mit unter­schied­lichster Atmosphäre (darunter Gothic, Familien­idylle und filmreife Action); eine origi­nelle Sprach­gestal­tung. So wird der Leser mit maxima­lem Genuss durch den span­nenden Plot gelenkt, und am Ende bleibt keine einzige Frage offen.

Im Verlauf seiner Recherchen eröffnen sich dem Protago­nisten immer neue Theorien zum Tather­gang. Da bleibt kaum jemand unver­dächtig, nicht einmal die leib­haftige »Bestie«. So aben­teuer­lich manche Version erscheint, sind doch alle so über­zeugend herge­leitet, dass man sie im Kontext zu akzep­tieren bereit ist. Schließ­lich kann Salinger keiner etwas vor­machen, Irratio­nalis­mus ist seiner Natur fremd, und auch der Autor hat Vergnügen am Spiel mit dem Zweifel.

Luca D'Andrea ist keiner, der sein Pulver achtlos verschießt, sondern sein kost­bares Material ökono­misch und mit maxi­malem Effekt aufbe­reitet. Wenn die Spannung einen neuen Gipfel erreicht, unter­bricht er gern, um als retardie­rendes Moment eine Neben­episode, ein Stück­chen Vorge­schichte oder einen Exkurs einzu­schieben. Und der gebür­tige Bozener hat viel Interes­santes mitzu­teilen, über geolo­gische und meteo­ro­logische Besonder­heiten, Bergbau, »Ötzi« im Archäologie­museum seiner Heimat­stadt, die gespens­ti­schen Krampus-Bräuche und andere alte Tradi­tionen der Berg­täler. Stereo­typen bleiben nicht aus, werden aber durch sanfte Ironie aufge­brochen.

Was erwartet man von einem Thriller? Hoch­spannung, Monströ­ses und Dämoni­sches, immer neue Über­raschun­gen, wenn man sich auf siche­rem Grund wähnt, Zwei­kämpfe auf Leben und Tod, Ritter­lich­keit, durch­dringende, verzwei­felte Schreie im nächt­lichen Gewitter­sturm ... Dieses Buch, das alle Erwar­tun­gen bis zur letzten Seite erfüllt, habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2017 auf­genommen.


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»Der Tod so kalt«
von Luca D'Andrea
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