Rezension zu »Der Sohn« von Jessica Durlacher

Der Sohn

von


Belletristik · Diogenes · · Gebunden · 407 S. · ISBN 9783257068115
Sprache: de · Herkunft: nl

Wer Hass sät, wird Hass ernten

Rezension vom 29.03.2012 · 11 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

2004 fährt der dreizehnjährige Mitch mit seinem Großvater Herman Silverstein in dessen Heimatstadt Baden-Baden. Die beiden haben ein vertrautes, inniges Verhältnis zueinander, und dem Großvater liegt es am Herzen, seinem Enkel das Haus zu zeigen, in dem er seine Kindheit verbrachte. Nun ist es an der Zeit, seine Lebensgeschichte an die jüngste Generation weiterzugeben.

Als Einziger seiner Familie konnte Herman der Deportation der Nazis entkommen. Versteckt hinter der doppelten Wand eines Schrankes sah er durch die Ritzen, wie man seine Eltern mit Gewehrkolben schlug. In seinen Händen hielt er eine Pistole, die ein Freund der Familie hier deponiert hatte. Er konnte damit seine Eltern retten, aber der Schuss würde direkt treffen müssen ... und Herman zögerte zu lange. Die kurze Unentschlossenheit konnte er sich Zeit seines Lebens nicht verzeihen.

Nach dem Krieg heiratet Herman. Seine kleine Familie muss er geradezu manisch vor allen Unbilden des Lebens beschützen. Seine Töchter Sara und Tara sind oft aufgebracht, weil er ihnen ihre Freiheit über das Normalmaß hinaus beschneidet.

Wie soll es weitergehen, wenn Herman einmal nicht mehr ist? So nimmt er seinem kleinen Enkel, der in Amerika geboren wurde, ein Versprechen ab: "Sei stark! Schütze immer deine Liebsten. Werde ein Kämpfer!" Und Mitch wird ihm diese Bitte erfüllen; er steckt seinen Lebensplan darauf ab: Schulabschluss, ein Jahr College und anschließend Ausbildung in der US-Elitetruppe der Marines.

Als Mitch der Familie bekannt gibt, dass er in die Armee eintritt, bricht für seine Mutter Sara eine Welt zusammen. Sie kämpft um ihr Kind, will ihn nicht in einem sinnlosen Krieg irgendwo in Afghanistan verlieren. Wenn ihr Vater Herman noch lebte, so glaubt sie, hätte er sie sicher unterstützt, hat er doch am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt, den schmerzlichen Verlust der Familie zu durchleiden. Viel mehr weiß Sara allerdings nicht über die grausamen Jahre des Krieges, denn Herman hat diese Zeit zu einem Tabu gemacht.

Mitch lässt sich nicht umstimmen. Dass sein Vater Jacob diese Entscheidung bewundert, verärgert Sara sehr.

Mit Hermans Tod scheint, so empfindet es Sara, auch der Schutzschild zerbrochen zu sein, den er über der Familie auszubreiten vermochte. Bisher war ihnen das Glück hold gewesen, doch nun schlägt das Schicksal mit unvorstellbarer, erbarmungsloser Grausamkeit zu. Zunächst trifft es Sara, dann andere Familienmitglieder, und besonders Tochter Tess wird über das, was man ihr angetan hat, nur mit ihrem Bruder Mitch sprechen können. Ist das alles nur Zufall – oder steckt etwas anderes dahinter?

Die Autorin entwickelt nun einen atemberaubenden Krimi, in dessen Verlauf Sara gleichzeitig das ihr bis dahin unbekannte Leben der Großeltern und Eltern erforscht. Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein in Form von Verbrechen, die gegen Saras Familie verübt werden. Sie werden zu unschuldigen Opfern eines Sohnes, der die Abscheu des Vaters – eines verurteilten Naziverbrechers – in jeglicher Form von Demütigung zu spüren bekam. Überzeugt, dass es für ihn nie so gekommen wäre, wenn man tatsächlich alle Juden ausgerottet hätte, gibt er seinen Hass weiter ...

Jessica Durlachers Buch "Der Sohn", 2010 erschienen und jetzt von Hanni Ehlers aus dem Niederländischen übersetzt, ragt durch sein Konzept und die Bearbeitung – Historie verwoben mit der Fiktion eines aktuellen Krimis – aus der Masse der Neuerscheinungen heraus. Literarisch ist der Roman innovativ, zeitgemäß und seriös. Die Figuren sind mit ihren Emotionen – Liebe und Eifersucht, Angst und Ekel, Wut und Hass – authentisch und hautnah gestaltet. Der überzeugende kriminalistische Handlungsstrang mit der Ohnmacht der Opfer, den unerwarteten Wendungen, den schockierenden Offenbarungen bis hin zum spektakulären Auftritt Mitchs wird jeden Leser bis zum Schluss fesseln.

Der niederländische Originaltitel lautet "De held". Der deutsche Titel "Der Sohn" ist etwas leiser, aber doch gut gewählt, denn auch er erweist sich als offen: Söhne (und Väter) spielen in diesem Roman die zentralen Rollen; in welchem Sinn man sie "Helden" nennen kann, müssen Sie am Ende selbst entscheiden.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner ganz privaten aktuellen Lesetipps aufgenommen.


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