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Rezension zu John le Carré: »Das Vermächtnis der Spione«

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Das Vermächtnis der Spione

Spionageroman · Ullstein · · Gebunden · 320 S. · ISBN 9783550050121
Sprache: de · Herkunft: gb

Bewertung: 4 Sterne
Die Sünden der Vätergeneration

Rezension vom 29.11.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Peter Guillam hüpft nicht mehr wie früher, sobald der »Circus« pfeift. Es reicht, den Flug nach London am nächsten Tag zu nehmen, sich in Ruhe von Catherine, seiner vertrauten Gefährtin, zu verab­schieden und sie in bewährter Weise mit der lapidar-wasser­dichten Begrün­dung zu vertrösten, dass wieder jemand gestorben sei. Nach ein paar Tagen würde sie der Pensio­när auf seinem Bauern­hof in der Bretagne wieder in die Arme schließen können.

Folge leisten muss er immer noch, wenn der MI5 (alias »Circus«, »Zentrale«, »Service«, »Box«) ruft. Während der Zeit des Kalten Krieges war Peter die rechte Hand von George Smiley, damals Chef des briti­schen Geheim­dienstes. Jetzt soll er bei dessen Nachfol­gern in einer uralten Angelegen­heit Stellung nehmen.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Was einmal eine Art Zuhause an der Themse für ihn war, ist restlos verändert. Der herunter­gekom­mene »viktoria­nische Schand­fleck« mit »wurm­stichi­gen Holz­treppen« und »Gestank­gemisch aus kaltem Zigaretten­qualm, Nescafé und Deodo­rant« ist einem »Spionage-Freizeit-Park« gewichen. Nirgendwo klappern mehr Schreib­maschi­nen oder quietschen Akten­wagen. Die Mit­arbei­ter tragen legere Kleidung und schauen gelang­weilt drein. Der Ton ist locker, jovial, distanz­los: »Hi, Peter, wie schön.« In einem klinisch weißen Büro empfängt ihn enthusias­tisch ein »bebrilltes Privat­schul­bürsch­chen«, das sich als Geheim­dienstan­walt »Bunny« vorstellt. Mit Kollegin Laura, ebenfalls Anwäl­tin, Spezial­gebiet Ver­gangen­heit, wird er den Kollegen aus alter Zeit fortan begleiten. Dem ist herzlich zuwider, als »Pete« ange­spro­chen zu werden, aber so etwas scheint nieman­den ernsthaft zu interes­sieren. Ohnehin tut er sich schwer mit dem zwischen leger und angriffs­lustig pendeln­den Umgangs­ton dieser beiden jungen Vertreter des mächtigen Geheim­dienstes Ihrer Majestät.

Endlich geht es zur Sache. Dem Service drohe, so »Bunny«, ein parla­mentari­scher Unter­suchungs­ausschuss, der die verdeckte Operation »Windfall« aus den frühen Sechzi­gern aufklären solle. Damals wurde der MI5-Außen­dienst­ler Alec Leamas zusam­men mit einer Frau auf der Ostseite der Berliner Mauer erschossen. George Smiley müsste die Hinter­gründe kennen, doch der ist ebenso unauf­find­bar wie die Akten des Falls.

Die Aufarbeitung der Historie ist für die heutige Generation ein »Mega­trend«, eine Art »National­sport« geworden. Die unbe­scholte­nen Jungen fordern schonungs­lose Aufklärung über suspekte Aktivitä­ten der Väter­gene­ration (»auch wenn sie damals nicht als Sünden galten«), öffent­liche Schuld­zuweisun­gen und Ausgleichs­zahlun­gen. Darum kämpfen auch zwei Nach­kommen der beiden Mauer­opfer, und edel gesinnte »Bürger­rechts­anwälte in offe­nen Sandalen« unter­stützen sie dabei. »Bunny« wähnt sich in den Gefilden Shake­speare­scher Tragö­dien: Die Gespenster der Opfer tauchen aus dem Nebel auf und klagen in Gestalt ihrer Nach­kommen die Verschwö­rer an.

Wer hier tatsächlich angeklagt und zu Fall gebracht werden soll, damit der Service am Ende für die Öffent­lich­keit unbeschol­ten da steht, ist unserem Ruhe­ständ­ler von Anfang an klar: er selber. Aber als Spion der alten Schule hat er von der Wiege an gelernt, »zu leugnen, zu leugnen ... und wieder zu leugnen«, und es ist ihm ein Vergnügen, mit den beiden Green­horns in der »Zentrale« Schlitten zu fahren. Über die Opera­tion »Windfall« enthüllt er nur so wenig, wie unbe­dingt nötig ist, und dabei kommen ihm seine Zipper­lein wie Schwer­hörig­keit und löchrige Erin­nerun­gen sehr zupass.

Da erwächst Peter Guillam in Christoph Leamas, dem Rächer seines Vaters Alec, schon ein anderes Kaliber. Der Mann hat sogar gerade Catherine heimge­sucht und über seinen Verbleib ausge­quetscht. (Gut, dass er sie in seine Machen­schaften nie einge­weiht hat.) Aber schon ihre unschul­dige Andeu­tung »Trauer­feier in London« setzt Christoph auf die richtige Fährte zum einstigen Partner und Freund seines Vaters. Um Auf­arbei­tung der Ver­gangen­heit geht es dem Herrn mit Boxer­statur und langem Vorstrafen­register aller­dings nicht. Seit drei Jahr­zehn­ten im welt­weiten Dia­manten-, Drogen- und Waffen­geschäft unter­wegs, hat der »Glücks­ritter« nun seine »Gold­mine« gefunden: den Verant­wortli­chen für den Tod seines Vaters.

John le Carré braucht man niemandem mehr vorzustellen. Als David John Moore Cornwell wurde er 1931 geboren, arbeitete selbst für den MI5 und hat seit den Sechziger­jahren vielfach preisge­krönte und verfilmte Spionage­romane veröffent­licht. Sein dritter George-Smiley-Roman, »The Spy Who Came In From The Cold« (1963, dt.: »Der Spion, der aus der Kälte kam«), liefert nun die inhalt­liche Vorge­schichte zum aktuellen Best­seller »A Legacy of Spies« John le Carré: »A Legacy of Spies« bei Amazon(»Vermächtnis der Spione«, brillant über­setzt von Peter Torberg). Infolge­dessen erwachen nicht nur die fiktio­nalen Figuren, sondern auch die Umstände des Kalten Kriegs zu neuem Leben. George Smiley, Chef der Abtei­lung Verdeckte Operatio­nen und begna­deter Strippen­zieher, ließ seinen Mitar­beiter Alec Leamas in die DDR einschleu­sen, wo ihm die ost­deutsche Abwehr, die ja auch nicht gerade auf der Wurst­suppe herum­schwamm, einen cleveren Gegen­spieler entgegen­stellte. Wer dann genau welche Ver­antwor­tung für die späteren Todes­schüsse an der Berliner Mauer trug – im Visier natürlich: George Smiley (»Rädels­führer«) und Peter Guillam (»Lauf­bursche«) –, das möchten nicht nur Sohn Christoph und der Leser heraus­bekom­men, sondern die gesamte Öffent­lich­keit soll es erfahren.

Aus diesem Kern entwickelt John le Carré seinen Spionage­roman für heutige Verhält­nisse geradezu gemütlich. Statt mit knisternder Spannung – von Action ganz zu schweigen – überzeugt der Altmeister des Genres durch eine raffi­nierte Konstruk­tion seines Plots und durch geschlif­fenes, oft hinter­gründiges, süffi­santes Formu­lieren. Als amü­sante Beilagen serviert er gern Kuriosi­täten aus dem Agenten­alltag. Wer hätte gedacht, dass »ein rosa Baby­fäust­ling« auf einem Zaun­pfahl am Weges­rand nicht etwa einem Säugling aus dem Schlitten gefallen und nun den Eltern zum freudigen Wieder­finden bereitge­steckt worden war, sondern leib­haftigen Kurieren mit der Lizenz zu allem Mögli­chen als Kommuni­kations­mittel dient? Hübsch ostal­gisch auch die Zufalls­begeg­nung mit einer Gruppe Sorbinnen (»Geschützte Art in der DDR«), die mit ihren Kiepen voller Gurken zum Handeln in der Haupt­stadt unterwegs sind.

Im Wettlauf der Ideologien treten Ost und West gegen­einan­der an. Die Nach­richten­dienste sind ihre Geheim­waffe, deren tech­nische und psycholo­gische Methoden jenseits unserer Vorstellungs­kraft liegen. »Quellen« und »Unter­quellen« werden angeworben, Maulwürfe, Spitzel, Verräter und kaltblü­tige Mörder treiben zum Wohle des jewei­ligen Systems ihr untergrün­diges Unwesen. Nicht wenige verdienen ihr Brot gleich bei beiden Seiten. Wie bieder dagegen die Nomen­klatur der Deck­namen, die man als Spezial­agent über sich ergehen lassen muss: »Narzisse«, »Tulpe«, »Mai­blume« (»Daffodil«, »Tulip«, »May­flower«). All dies führt der Autor präzise und differen­ziert vor, hält aber gruselige Details dezent unter der Decke.

Als Insider kann John le Carré aus dem Vollen schöpfen, als Brite hat er eine Ader für Sarkas­mus. Spione, die »Erbsen­zähler ihrer Majestät«, sind, anders als ihre Regie­rung glauben mag, kein Allheil­mittel, sondern selber »die verfluchte Krankheit. Voll­idio­ten, die vollidio­tische Spielchen treiben und sich für die aller­klügs­ten beschis­sens­ten Klug­scheißer des Univer­sums halten«. Von höchsten Stellen abgeseg­net, operieren sie herum, um den Weltfrie­den zu retten, erzeugen gewaltige Kol­lateral­schäden aller Art und töten zahl­lose Kollegen und Unbetei­ligte, und am Ende ist die Mensch­heit keinen Deut besser dran als vorher.

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