Rezension zu »Stoner« von John Williams

Stoner

von


William Stoner wandelt sich vom armen Farmerjungen zum engagierten, sensiblen Literaturprofessor. Doch er ist kein Genie, kein Erfolgsmensch und keine Kämpfernatur. Gegen seine Widersacher und das Schicksal verliert er. Seine Stärke ist, alles zu ertragen.
Belletristik · dtv · · 384 S. · ISBN 9783423282093
Sprache: de · Herkunft: us

Das Leben nehmen, wie es ist

Rezension vom 04.02.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

William Stoner, von dem John Williams in seinem erst postum gefeierten Roman erzählt, wird 1891 als einziges Kind armer Farmer in Missouri geboren. Kaum dass er laufen kann, müssen seine kleinen Hände in Haus und Hof mit zupacken. Das harte, ent­behrungs­reiche Dasein der Familie prägt seinen Charakter früh­zeitig und nach­haltig.

Obwohl die Eltern davon ausgehen, dass William sein Leben ebenfalls auf der Farm verbrin­gen wird, darf er nach seinem High­school­abschluss 1910 die Univer­sity of Missouri besuchen, um Land­wirt­schaft zu studieren. Nebenbei belegt er einen Ein­führungs­kurs in engli­scher Literatur, und hier wächst seine wahre Leiden­schaft. Die Rückkehr in eine karge, rustikale Existenz auf dem elter­lichen Stück Land erscheint ihm bald undenkbar. Der Vater, von der Arbeit gebeugt und vorzeitig gealtert, billigt die Entschei­dung seines Sohnes. Fortan wird William seine Eltern nur noch ge­legent­lich besuchen und das Anwesen nach deren Tod verkaufen.

Die Erzählung konzentriert sich nach dieser Vorstel­lung der Ausgangs­situation räumlich, inhalt­lich und thema­tisch auf den universi­tären Bereich. Wir bleiben mit dem Protago­nisten dem Campus-Geschehen, den Studenten, den Dozenten, den Gegen­ständen der Seminare verbunden. Der strebsame, nicht sonder­lich kontakt­freudige Student macht seinen Abschluss als Magister der Literatur­wissen­schaft, wird Assistenz­profes­sor und bleibt auf dieser akademi­schen Stufe bis zu seinem Lebens­ende.

Im Jahr 1919 heiratet er seine große Liebe Edith Bostwick, eine Tochter aus gutem Hause. Doch die Beziehung schlägt in tiefe Ent­täu­schung um. Wie alle anderen Schick­sals­schläge, die William noch treffen werden, erträgt er sie mit Gleichmut, seinem zentralen Wesens­merkmal.

1932 erlebt William eine kurze Phase intensiven, leiden­schaft­lichen Glücks mit der Dokto­randin Katherine Driscoll. Zwar erträgt seine frus­trierte Ehefrau, um ihren Status und die Fassade zu wahren, seine Affäre mit der wesent­lich jünge­ren Frau, doch es ist die Univer­sität, die ihn zu einer Lösung drängt, damit ihr guter Ruf keinen Schaden nimmt. Während William bereit wäre, seine Ehe für Katherine aufzu­geben, hat diese längst selbst eine Entschei­dung getrof­fen und die Univer­sität verlassen.

Nun konzentriert sich William in einer Art Rückzug ganz auf seine Lehr­tätig­keit. Mit Hingabe müht er sich, die Studenten für Literatur zu begeis­tern. Doch nicht jeder schätzt den kauzigen Dozenten, den seine zuneh­mende Schwer­hörig­keit belastet und der schnell altert.

Auch mit seinen Kollegen hat William manche Schlacht zu schlagen. Insbeson­dere Hollis N. Lomax, später Leiter der Fakultät, entwi­ckelt sich zu einem hart­näcki­gen Wider­sacher über Jahre hinweg. Er unter­stellt William mensch­lich schäbige Grund­haltun­gen, schiebt ihn an den Rand des akademi­schen Betriebes ab und möchte ihn früh­zeitig in den Ruhe­stand versetzen – für den enga­gierten Lehrer William eine undenk­bare Option. Als bei ihm Krebs diagnos­tiziert wird, muss er seine Berufs­tätig­keit aufgeben. Die Bilanz seines Lebens schätzt er realis­tisch ein: Er hat wenig erreicht, ihm ist nicht viel geglückt, sein Ansehen ist durch­wachsen, doch er ist sich treu geblieben.

William Stoners Wesen erklärt sich aus den einfachen und mitleid­losen Umständen, in denen er groß wurde und aus denen er sich in höhere geistige und ästhe­tische Sphären empor­arbei­tete. Der nackte Über­lebens­kampf bestimmte das Farmleben, und es blieb keinerlei Raum, um elter­liche Liebe als wärmendes Gefühl spüren zu lassen, ge­schweige denn über abstrakte Ideale und Kunst zu reflek­tieren. Simpler Pragma­tismus – die Zufälle des Lebens nehmen, wie sie kommen, aus jeder Situation das Beste machen – bestimmt auch Williams Weg durch seinen privaten Dschungel als streb­samer Studie­render, als fried­lieben­der Mensch, der, anders als seine beiden Freunde, nicht frei­willig in den Krieg zieht, als Kollege, der einen schweren Stand hat.

Stoners Haltung zwischen Geduld, Gelassen­heit, Langmut, Besonnen­heit und Stoizis­mus verwun­dert beson­ders in seiner Beziehung zu der Frau, die er aus tief empfun­dener Liebe heiratet und die ihn sehr schnell aller Erwar­tungen beraubt. Edith Bostwick ist eine diffizile, disparate, chamäleon­artige Figur. Mag der Leser ihre anfäng­liche körper­liche Verwei­gerung als Resultat einer prüden Erziehung als behütetes Einzel­kind begreifen, so wird er (ebenso wenig wie ihr Ehemann) nach­voll­ziehen können, wie sich diese Frau dann im Verlauf ihrer Ehe entwi­ckelt. Unab­lässig verändert sie sich, schlagen ihre Verhal­tens­weisen ins jeweilige Gegenteil um. William lässt sich jedoch zu keinem Klein­krieg hinreißen. Während Edith sich allen Tätig­keiten im Haus entzieht, lädt er sich alle Aufgaben auf. Ihr einziges gemein­sames Kind zieht er groß, bis Edith ihm aus einer Laune heraus jeden Kontakt zur Tochter nimmt.

Der Protagonist zeigt manche biographische Züge seines Autors John Edward Williams (1922-1994), der an der Univer­sity of Denver Literatur und kreatives Schreiben lehrte und neben Lyrik vier sehr unter­schied­liche Romane verfasste, die alle zu seinen Lebzeiten weit­gehend unbe­achtet blieben. Nach »Nothing But the Night«, einer deprimie­renden psycholo­gischen Studie (1948), und dem Western »Butcher’s Crossing« (1960) erschien »Stoner« John Edward Williams: »Stoner« bei Amazon (1965), der nur etwa zwei­tausend Käufer fand, und schließ­lich der histori­sche Brief­roman »Augustus« (1973), der zwar den National Book Award erhielt, aber auch kein Verkaufs­erfolg wurde.

Nach seinem Tod geriet der Autor mitsamt seinem literari­schen Werk vollends in Ver­gessen­heit, bis der Literatur­kritiker Morris Dickstein 2007 in der New York Times befand, »Stoner« sei »a perfect novel«. Das löste eine Welle europäi­scher Über­setzun­gen aus, ins Deutsche durch Bernhard Robben für den Deutschen Taschen­buch Verlag. Die Erst­ausgabe von 2013 wurde 2019 neu aufgelegt und mit Aufsätzen von Alan Prender­gast, Charles J. Shields und Bernhard Robben sowie einer Zeittafel zu »John Williams – Leben und Werk« bis ins Jahr 2013 ergänzt.

Unzählige internationale Rezensenten haben »Stoner« besprochen und gewürdigt. Meine eigenen Erwar­tungen an den Roman orien­tierten sich an den zuvor gelesenen, »Butcher’s Crossing« [› Rezension] und »Augustus« [› Rezension], was eine gewisse Ernüch­terung zur Folge hatte. Denn »Stoner« erzeugt eine ganz anders­artige, abstrak­tere Lese­erfah­rung. Statt Spannung und Western-Abenteuer des Ersteren und der geradezu zärt­lichen Annähe­rung an die beein­druckende Persön­lichkeit des ersten römischen Kaisers im Letzteren bietet »Stoner« eine gerad­linige, chrono­logische Handlung voller tragi­scher Schick­sals­schläge über das traurig stimmende Leben eines Uni­versitäts­dozenten. Litera­risch interes­sierte und bewan­derte Leser werden auf vielen Seiten auf­schluss­reiche und befriedi­gende Ein­sichten entdecken – so wie Stoner in einer Unter­richts­stunde als junger Student erfuhr, was Literatur ist: »die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ«. Andere Leser werden mit eben diesen anspruchs­vollen, fach­kundig ein­gewo­benen Inhalten nicht viel anfangen können oder wollen.

Im Fazit mag ich mich den teils überschwänglichen Lobeshymnen nicht ohne Einschrän­kungen anschlie­ßen, wenn ich die akade­mischen Ebenen außen vor lasse und die Erwartung eines sprach­lich-stilis­tisch außer­gewöhn­lichen Lese­erlebnis­ses und eines packend gestal­teten Hand­lungs­ablaufs in den Vorder­grund stelle. Da gibt es be­merkens­werte, viel­schich­tige Szenen, die unter die Haut gehen, wie etwa die Ausein­ander­setzung um einen körper­lich leicht behin­derten Stu­denten des Ab­schluss­jahres. Hollis N. Lomax, Stoners klein­wüch­siger, miss­gestal­teter Vorge­setzter, preist die heraus­ragende Begabung des jungen Mannes, doch der hatte Stoners Seminar­stunde immer wieder besser­wisse­risch unter­brochen und seinen Lehrer bloß­gestellt.

Die Begeisterung für die zarte, leise, einfühlende und subtil beschrei­bende Sprache, die der Figur des William Stoner zutiefst ent­spricht, teile ich. Aber der erwartete nach­haltige Funke hat mich nicht erreicht.


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