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Rezension zu John Williams: »Augustus«

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Augustus

Historischer Roman · dtv · · Gebunden · 480 S. · ISBN 9783423280891
Sprache: de · Herkunft: gb

Bewertung: 5 Sterne
Nur ein Mensch

Rezension vom 07.12.2016 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

»Schick den Jungen nach Apollonia«, schreibt Gaius Julius Caesar im Jahr 45 v. Chr. an seine Nichte Atia. Der »Junge«, das ist ihr Sohn, der bald acht­zehn­jäh­rige Gaius Octa­vius, der soeben von einem Spanien-Feldzug an der Seite des mächtigen Groß­onkels zu ihr zurück­gekehrt ist. Schon bei seiner Geburt hatte Caesar ihn zu seinem Nach­folger auser­koren. Jetzt geht es zur Sache. Atia hat, was ihren Sohn betrifft, nichts mehr zu sagen; Caesar bestimmt seinen weiteren Werde­gang und hat »Vor­keh­rungen« für seine Aus­bildung und Ertüch­tigung getroffen.

In Apollonia, einer griechisch geprägten Stadt (im heutigen Albanien gelegen), werden sich bessere Ärzte als in Rom um die Leiden des schwäch­lichen, krän­keln­den jungen Mannes kümmern, Philo­sophen sollen sein erbärm­liches Griechisch auf­möbeln und die unter­ent­wickelte Rhe­torik auf­peppen, und als Kum­panen sind auch schon drei junge Kampf­gefährten abgeordnet (Marcus Vipsa­nius Agrippa, Quintus Salvi­dienus Rufus, Gaius Cilnius Maecenas).

Einer, der als dictator perpetuus unumschränkt über ein Weltreich herrscht, braucht kein Blatt vor den Mund zu nehmen. So würzt Caesar seinen Brief an Atia mit ein paar unver­blümten Herab­lassungen gegen ihren Gatten, Gaius Octa­vius' Stief­vater (»ein solcher Narr, dass ich ihn fast schon wieder mag«). Der ge­bärde sich in Rom als Geck und schmiede »mit seinem Freund Cicero Pläne gegen mich«, aller­dings auf so dilet­tantische Weise, dass Caesar sich wünscht, »alle meine Feinde wären so unfähig. Ich würde sie zwar weniger bewun­dern, wäre dafür aber sicherer«.

Was für ein Geniestreich ist dem 1994 verstorbenen amerikanischen Autor John Williams mit seinem vierten und letzten Roman »Augustus« gelungen! 1971 erschienen, erhielt er 1973 den National Book Award for Fiction und wurde dann für Jahr­zehnte vergessen, ebenso wie seine Vor­gänger, »Nothing but the Night« (1948), »Butcher's Crossing« (1960 [› Rezension]) und »Stoner« (1965). 2003 wurde das Buch wieder­ent­deckt und neu aufgelegt (»Augustus« John Williams: »Augustus« bei Amazon und kommt jetzt erstmals in deutscher Über­setzung (von Bern­hard Robben) in die Buch­läden.

Doch wozu noch eine Lebensgeschichte von Kaiser Augustus, der doch in der Liga der Impera­toren ohne­hin zu den A-Promis zählt, nach dem ein Monat benannt ist und der sogar in der Bibel einer Erwäh­nung würdig befunden wurde? Weil John Williams keine weitere wissen­schaftlich korrekte und umfas­sende Biografie zu verfassen im Sinn hatte, sondern ein belletris­tisches Bild des Menschen Gaius Octa­vius und seines Lebens­werkes. Ent­standen ist ein Brief­roman, wobei den fiktio­nalen Briefen verschie­dener Absen­der und Adressaten eine Vielzahl weitere Dokumente beigefügt sind, insbe­sondere Tagebuch­einträge, Proto­kolle von Senats­sitzungen, Militär­depeschen, Propa­ganda­schriften. Aus der Fülle der Perspek­tiven und der Materi­alien setzt sich das viel­schichtige Porträt einer überaus beein­drucken­den Persön­lichkeit und ihrer Zeit zusammen. An viele Namen und Ereig­nisse erinnert man sich vielleicht aus dem Geschichts­unterricht. Doch während ihre Vermitt­lung an das dortige puber­täre Audi­torium meist schwer fällt, werden hier die Menschen lebendig, politische Zu­sammen­hänge transparent.

Indem der Autor seinen Verfassern einen entstaubten, frischen Schreib­stil in die Federn diktiert – ohne jemals flapsig oder flach zu werden –, unterhält die Lektüre auf an­spruchs­volle, bis­weilen amüsante Weise, und fasziniert gleich­zeitig den Nicht-Histo­riker wie den Kenner der histo­rischen Materie. Man kann von diesem süchtig machen­den Lecker­bissen einfach nicht mehr ablassen.

Die Struktur des Romans folgt klassischen Mustern: drei Bücher, gerahmt von Prolog und Epilog. Das erste Buch be­handelt die un­sichere Phase der intrigen­reichen Macht­kämpfe nach Gaius Iulius Caesars Er­mor­dung (44 v. Chr.). Wider Erwarten und gegen alle Wahr­schein­lichkeit kann der junge, immer noch kränk­liche und politisch uner­fahrene Octa­vius seine vom Großonkel vorbe­reitete Macht­position während der Trium­virate gegen etablierte Polit­profis behaup­ten, bis es ihm schließ­lich (mit dem Sieg in der See­schlacht von Actium 31 v. Chr.) gelingt, seinen Erz­rivalen Marcus Antonius aus dem Feld zu schlagen und den römi­schen Bürger­krieg zu beenden. Beleuch­tet wird diese Phase geschick­ten, aber oft rätsel­haften Taktie­rens mit Freund und Feind auch in der freund­schaft­lichen Korres­pondenz zwischen dem Geschichts­schreiber Livius (»mein lieber Livy«) und Octa­vius' lang­jährigem Ver­trauten Gaius Cilnius Mae­cenas. Ersterer interes­siert sich brennend für jedes Detail aus der gemein­samen Zeit, an das sich Mae­cenas erinnert. Schien ihm Gaius Octa­vius in Apol­lonia noch ein »unbe­darfter Jüngling«, der »keinen großen Eindruck auf mich machte«, so ist er »heute der Herrscher der Welt«.

Seit 27 v. Chr. darf sich Gaius Octa­vius »Augustus« (»der Er­habene«) nennen, 2 v. Chr. erhält er den Titel pater patriae (»Vater des Vater­landes«). Indes handelt das zweite Buch von seiner Rolle als Familien­vater und seinen privaten Bezie­hungen. In ausführ­lichen Tagebuch­auszügen seiner einzigen Tochter Julia wird das schwierige Verhältnis zwischen ihr und dem Vater deutlich. Sie war nichts als eine Schach­figur in seinen Macht­spielen. Ganz wie es ihm günstig schien, verlobte er das Kind, verhei­ratete die junge Frau drei Mal und verbannte die Unfüg­same mit dem lieder­lichen Lebens­wandel schließlich auf die Insel Panda­teria (Vento­tene). Weitere Doku­mente schildern private Begeg­nungen zwischen Freunden, Denkern, Künstlern und Politikern aus dem engsten Kreis um Octa­vius. Zwischen Klatsch und Tratsch, der Dicht­kunst und Intrigen sind alle möglichen Themen vertreten.

Im dritten Buch sehen wir Augustus am Ende seines Lebens. In einem aus­führ­lichen Brief an Nikolaus von Damaskus blickt der Sechs­und­siebzig­jährige im August des Jahres 14 n. Chr. zurück und in die Zukunft. Zwar hat er das Imperium vergrößert und gesichert, die Justiz reformiert und den Römern Wohl­stand und vierzig Jahre Frieden gebracht. Aber er bedauert, dass die traditio­nellen Tugenden durch die Bürger­kriegs­wirren zerstört wurden. Und im Gegen­satz zu den Werken der großen Dichter Ovid, Horaz, Vergil (»die frei­esten und folglich warm­herzigsten Menschen«) wird sein Reich – das »Poem«, dessen Elemente er geschaffen und anmutig geordnet hat – nicht ewig währen. Schon seinen Nachfolger, Stief- und Schwieger­sohn Tiberius, hält er nicht für fähig, das Erreichte zu sichern.

Die Figuren, die uns auf diesen fast 500 Seiten begegnen, sind im Anhang unter der passenden Überschrift »Who's Who im alten Rom« zu­sammen­gestellt. Ihre Namen sind noch heute bekannt; in diesem Roman erwachen sie zu frische­rem Leben als in den zwei Jahr­tausen­den zuvor. So ätzt der Ehrgeizling Marcus Antonius, im Jahr 44 v. Chr. Konsul, in seinem »Bericht über die neusten Trivia­litäten« für den Militär­befehls­haber in Make­donien (»Sentius, Du alter Schwengel ...«), dass »Octa­vius, dieses Milch­gesicht«, samt »drei Kerlen im Gefolge« ohne Termin­absprache in seinem Haus vorge­sprochen habe. Nachdem Marcus Antonius die vier jungen Männer gehörig warten ließ, habe Gaius Octa­vius Caesar (der ererbte Beiname ist sein größtes Kapital) sein Ansinnen vorge­tragen und vom einfluss­reichen Freund des Onkels höflich, aber bestimmt Rat eingeholt. Marcus Antonius weist ihn arrogant in seine Schranken, ohne zu ahnen, dass der »nicht sonder­lich beein­druckende Wicht« einst ihn und seine Geliebte Cleo­patra vernich­ten wird.

Am Ende seines Lebens sehen wir den ersten römischen Kaiser Rückschau halten. Er denkt an seine Unter­richts­stunden in Apol­lonia zurück, gesteht die emotionale Leere, als ihn dort die Nachricht von der Ermor­dung seines Onkels erreichte, und das »Hochgefühl«, das ihn überkam, als es ihm gelungen war, »in mir die ange­messe­nen Empfin­dungen von Trauer und Verlust zu wecken«. Damals wurde ihm klar, dass sein »Schicksal schlicht darin bestand, die Welt zu ändern«. Im Alter erkennt er, der die Welt neu geprägt hat, seine Grenzen, seine Endlich­keit, die Vergeb­lichkeit seiner Illusionen – er ist ein Mensch wie jeder andere. Damit teilt er das Los der anderen Prota­gonisten der John-Williams-Romane. Wie sie begreift er »die schreck­liche Tat­sache [...], dass er allein ist, getrennt von allen anderen, und dass er niemand sonst sein kann als dieses arme Geschöpf, das er nun mal ist«. So formu­liert Daniel Mendel­sohn in dem auf­schluss­reichen Nach­wort, das er für die ameri­kanische Wieder­veröffent­lichung von 2015 verfasst hat und das in die deutsche Ausgabe aufge­nommen wurde.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2016 aufgenommen.

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»Augustus«
von John Williams
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