Rezension zu »Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten« von Jonas Jonasson

Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten

von


Der bekannte Hundertjährige Allan Karlsson kommt zurück, um die Welt zu retten.
Belletristik · Bertelsmann · · 448 S. · ISBN 9783570103555
Sprache: de · Herkunft: se

Siri, ist die Welt noch zu retten?

Rezension vom 29.11.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das hat er sich anders vorgestellt. Mit den vor ein paar Jahren nicht ganz sauber erworbenen Millionen wollte Allan Karlsson einen geruhsamen Lebensabend in einem Luxushotel am Strand von Bali genießen. Doch das Geld rinnt durch die Finger. Der berühmteste Hundert­jährige aller Zeiten und sein junger Kumpel Julius Jonsson (66) müssen über Nachschub nachdenken.

Ihr erster Coup (mit dem Ausstieg aus dem Fenster) war auch für dessen Schöpfer und den Verlag aus­gespro­chen einträglich, weswegen sie die Idee einer Fortsetzung der Geschichte ebenfalls im Herzen tragen. Ein Win-Win-Win-Projekt also, das Held und Autor in einem entspannten Gespräch erörtern: »Möchten Sie nicht doch noch eine Runde nachlegen, bevor ich so richtig alt bin?« Und so kommt es dazu, dass Jonas Jonasson seinen Prota­gonis­ten aus dem sub­äquato­rialen Ruhestand ins Weltge­triebe zurückholt.

Hinzu kommt ein moralisches Bedürfnis des Autors, sich seines Helden zu bedienen. Der Planet hat sich weiter­gedreht und sich dabei, wie es aussieht, nicht zum Besseren entwickelt. Heute ist »die Welt defizitärer … denn je«, fasst Jonasson die jüngste politische Entwicklung zusammen und fühlt sich unwohl dabei, einfach nur zuzusehen. Irgend jemand muss doch mal »die Dinge beim Namen … nennen«. Und Allan ist genau der Richtige, um sich unbefangen, furchtlos und mit Chuzpe einzu­mischen. Dabei geben sich beide keinen Illusionen hin: Auch das neuerliche litera­rische Bemühen (»Hundraettåringen – som tänkte att han tänkte för mycket« Jonas Jonasson: »Hundraettåringen – som tänkte att han tänkte för mycket« bei Amazon , übersetzt von Wibke Kuhn) wird »die Welt sowas von überhaupt nicht« verbessern.

Lassen wir das pessimistische Vorge­plänkel hinter uns, folgen wir Allan, wie er anlässlich seines 101. Wiegen­festes mit Julius in einen Heiß­luft­ballon steigt und führerlos aufs Meer hinaus gen Australien getrieben wird. Bevor wir mit ihnen die Bruch­lan­dung durchleiden, muss erwähnt werden, dass Allan neuerdings über ein Hitech-Teil »mit einem ange­knabber­ten Apfel« verfügt. Kennen­gelernt hat er es bei seinem Geburts­tags­party-Ehren­gast Harry Belafonte, geschenkt bekam er es vom beflissenen Hotel­direk­tor, und seither ist es »sein liebster Besitz«, verwöhnt es ihn doch mit Bildern, Filmen, Musik und sogar einer Gesprächs­partne­rin namens Siri. Allerdings beansprucht ihn das Wunderding zeitlich derart, dass er keinen rechten Bock mehr hat auf wirklich wichtige Beschäf­tigun­gen, wie etwa die Spitzen­politiker der Welt zu treffen.

Aber wat mutt, dat mutt. Jonas Jonasson ist seinem gelungenen Erzähl­konzept treu geblieben und scheucht seinen Prota­gonis­ten quer über vier Kontinente (Australien und die Antarktis bleiben verschont) zu Begegnungen mit Donald Trump und Steve Bannon, Margot Wallström und Angela Merkel (»die Katze mit den neun Leben«), Kim Jong-un und Wladimir Putin (nebst Gennadij Aksakow, seinem fiktiven Berater) und ihres­gleichen. Dabei bekommen wir nicht nur die neuesten Dönekes aufgetischt, sondern auch, wie die Russen mit Hilfe sozialer Netzwerke und gezielt gestreuter Fehl­informa­tionen Einfluss auf die Wahlen diverser Länder zu nehmen versuchen, wie der nord­korea­nische Aufsteiger die inter­natio­nalen Atomgesetze umschifft und den Twitter-Präsidenten bis zur Weißglut provoziert, und natürlich allerlei kaum glaub­liche fake news des reichen Mannes im Weißen Haus.

Damit Allan-Karlsson-Novizen Anschluss finden und eine ungefähre Ahnung bekommen, wie dieses Unikum zu dem wurde, von dem sie hier lesen, springt die Erzählung gelegent­lich zurück in seine früheren Lebens­phasen und deren Zeitge­schehen.

Er war Laufbursche in einer Sprengstofffabrik, wo sich manche nach der »roten Revolution« sehnten, andere vor der »gelben Gefahr« ängstigten. Den einfach tickenden Allan konnte das nicht aus der Bahn werfen, und auch ohne sein Zutun wurde bald »Braun zur häss­lich­sten aller Farben«, bis sich der Wind weiter drehte und die Ära der bunten Blumen folgte, in der jeder jeden liebte, außer Allan, der mochte nur seine Katze. Was sollte er sich bekümmern? Alles zu ertragen genügte ihm schon. So tat er gut daran, all dem Chaos in der Welt den Rücken zu kehren und sich nur noch um sich selbst zu kümmern, wurde hundert Jahre alt und hat sein Gehirn noch ganz gut beisammen (abgesehen von ganz normalen Erinne­rungs­lücken, ins­beson­dere in brisanten Situationen).

Ohne sich um Details des überbordenden Handlungs­gesche­hens zu kümmern, sei verraten, dass der Hundert­einjäh­rige und sein Gefährte von einem nord­koreani­schen Con­tainer­schiff aufgelesen, in das Reich Kim Jong-uns verfrachtet und dort als Kern­waffen­exper­ten hofiert werden. Sein beein­drucken­des Fachwissen verdankt Allan seiner blühenden Fantasie – und Siri.

Das Erfolgsrezept des schwedischen Autors zündet erneut: Er lässt einen einfachen Geist über die politische Bühne der Welt schliddern. Ob mit dem furcht­erregen­den Diktator, mit Staaten­lenkern, Militärs, Geheim­dienst­lern, Kriminellen und üblem Gesocks, Allan plaudert mit allen unverfroren und ohne Berüh­rungs­ängste drauf los und kann sich im Verlauf seiner Odyssee, bei der eins ins andere greift, irgendwie aus jeder Bredouille retten. Mit leichter Feder fabuliert Jonasson von gruseligem Realge­schehen (etwa der Geschichte Koreas seit dem Mittelalter), spinnt feine Geschichten aus purer Fantasie zusammen und verwebt das Ganze zu einem wunderbaren, ent­spannen­den Unter­haltungs­roman.

Humor, Traurigkeit, Ungerechtigkeiten, Freundschaft, Liebe und Spannung sind im Hand­lungs­verlauf gut verteilt, gewürzt mit einer Menge Toten. Jonassons süffisante Ironie macht Politik zu einem profanen Irrwitz. Held Allans frischer und raf­finier­ter Umgang mit den Mächtigen der Welt entlarvt sie als normale Menschen. Indem er ihnen forsch auf Augenhöhe ent­gegen tritt, holt er sie vom Sockel und demaskiert sie allesamt als Kaiser ohne Kleider. Schade nur, dass sich die Herr­schaf­ten den fiktionalen Spiegel nicht selber vorhalten werden. Es wäre zu schön, wenn die Welt ein paar ihrer Defizite abbauen dürfte.

Ob sich Allan nach getaner, aber wiederum fruchtloser Arbeit noch einmal überreden lässt, in die Welt zu ziehen, das weiß allein sein Schöpfer. Und der wird es schwer haben, den inzwischen einhundert­zweijäh­rigen Technik-Freak von seinem neuesten Hobby, dem Twittern loszueisen.


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