Rezension zu »Fräulein Nettes kurzer Sommer« von Karen Duve

Fräulein Nettes kurzer Sommer

von


Zwischen dominanten Männern, stickenden Cousinen, Geistesgrößen, spießigen Verwandten und rebellischen Studenten ringt das eigenwillige, kantige junge Fräulein Annette von Droste-Hülshoff um Anerkennung in einer Zeit des Wandels.
Belletristik · Galiani · · 592 S. · ISBN 9783869711386
Sprache: de · Herkunft: de

Skandal im gebirgichten Westfalen

Rezension vom 24.11.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Fast sechshundert Seiten hauptsächlich Konversationen. Eine weit verzweigte frei­herr­liche Sippe und ihre zahlreiche bürgerliche und blaublütige Bekannt­schaft. Salons und Parks auf Landsitzen des niederen Adels und ein paar Wohnungen und Kneipen provin­zieller Städte. Das alles zwei Jahrhun­derte entfernt. Und dann die Protago­nistin: Annette von Droste-Hülshoff, das blassgrüne, spitzge­sichtige Fräulein mit den beidsei­tigen Zwirbel­locken auf dem Zwanzig­mark­schein. Wer jemals Schüler war, dem sträuben sich die Nackenhaare, wenn er an die Reclam-»Judenbuche« zurückdenkt. O schaurig war’s …

Alles ziemlich uncool also. Dass man Karen Duves neues Opus trotzdem genüsslich verschlingt, dankt man am Ende begeistert und bereichert einer Virtuosin präzisen, unter­halt­samen, gehalt­vollen und hinter­gründi­gen Erzählens, die einen unerhörten Plot zu Lasten des Fräuleins in einer ver­meint­lich harmlos-eleganten Verpackung präsentiert.

Annette (»Nette« en famille) ist die zentrale Figur dieses Romans, der aus ihrem zwanzigsten bis vierund­zwanzigs­ten Lebensjahr (1817 bis 1821) erzählt. Aber zu sagen hat sie nicht viel in seiner Welt, schon weil sie jung, weiblich und ledig ist. Ihr Platz ist bei den Frauen, da darf sie sticken, schwärmen, albern sein, soll sich ansonsten aber anständig benehmen und auf einen Heirats­antrag warten. Nettchen jedoch lauscht wiss­begie­rig den Männer­gesprä­chen (das Haus ist ständig voller Besucher) und wirft ungefragt ihre Meinung ein. Dass ihre Beiträge geistreich, ihre Repliken messer­scharf sind, interes­siert niemanden. Dass sie aber zu schnippi­schen, provokanten, gar ungehörigen Formu­lierun­gen neigt, stößt auf Missfallen. Dann ärgern sich ihre mehr oder weniger gleich­altri­gen Onkel und Vettern, wider­sprechen ihr, weisen sie zurecht oder plaudern einfach an ihr vorbei weiter, als wäre sie Luft. Sieht sie ein, allzu dreist gewesen zu sein, befallen sie Reue und Selbst­zweifel, und sie zieht sich ein Weilchen ganz brav in den Käfig der Konven­tionen zurück – bis sie wieder der Hafer sticht.

So gilt Nette als überspanntes Wesen, weitab vom Ideal der »anmu­tigen Einfach­heit«, und der äußere Eindruck macht sie nicht gefälliger. Sie hat extrem kurz­sichtige Glubsch­augen und einen farblosen Teint, »auf ihrem Hinterkopf wippte ein Vogelnest aus Zöpfen, und die Haare hinter den Ohren hingen in der Form gedrehter Hobelspäne am straff gekämmten Haupt«, sie bewegt sich »mit großen unweib­lichen Schritten«, ihr Verhalten ist unkon­ventio­nell. Welches Fräulein hat man je allein mit einem Berg­hämmer­chen losziehen sehen, um Mineralien zu sammeln?

Annette leidet selbst unter ihrer Unangepasstheit, kann und möchte sich aber auch nicht verbiegen, nur um nicht anzuecken in dem engen, kompli­zierten Korsett aus Erwartungen, Gewohn­heiten, Vorschrif­ten. Am uner­träg­lichs­ten ist ihr, dass niemand ihre literari­sche Begabung erkennen will. August, fünf Jahre älter und der bedeut­samste ihrer Onkel, der überall mitmischt, als Macher, Mentor, Meinungs­führer und Finanzier, verspottet offen ihre Gedichte und das Ritterepos »Walther«, die Cousinen inte­ressie­ren sich für anderes, und die älteren Tanten goutieren die geistlichen Verse bloß als Gelegen­heitsge­fällig­keiten. Hat sie vielleicht wirklich kein Talent? Um Gewissheit zu erlangen, giert sie nach kompetenter Rückmeldung, und sei sie vernich­tende Kritik.

August, der in Göttingen studiert, verkehrt in einem Kreis von Geistes­größen und Literaten, deren anerkann­tester Heinrich Straube ist. Könnte Annette diesen geniali­schen Menschen – ein zweiter Goethe, laut August – dazu bewegen, ihre Gedichte zu lesen, sie würde sein Urteil aufsaugen. Es bedarf vieler Monate geduldigen Abwartens, bis es endlich zu einem vertrau­lichen Gespräch kommt. Straube lobt Annettes Arbeit über­schwäng­lich. Sie zeuge »von einem starken, unver­wechsel­baren Geist … wir werden uns alle in Ehrfurcht vor ihr verneigen«, beschwört er seinen Freund August, der nicht wahrhaben will, was seine Ohren hören.

Im Jahr darauf – 1820 – verschärfen sich die Konflikte. Der frische Wind kompetenter Anerkennung beflügelt Annette. Sie erwidert die Gefühle Straubes, ihres bürger­lichen, mittellosen, hässlichen und müffelnden Bewunderers, und es kommt zu einem unbe­holfe­nen ersten Kuss. Während August sie zu Demut und Bescheiden­heit ermahnt, ermutigt Straube sie, »weniger brav« zu sein, zu ihrer rebelli­schen, »wilden Seele« zu stehen. Sie gewinnt an Selbst­sicher­heit, Attrakti­vität und männlichem Zuspruch. Als der schöne, eifernd religiöse und hinter­triebene August von Arnswaldt, ein weiteres Cliquen­mitglied, ihr Avancen macht, fürchten ihre Onkel, sie werde ihren eigenen Ruf und den der Familie ruinieren. Sie hecken einen nieder­trächti­gen Plan aus, um die nichts ahnende Nichte in ihre Schranken zu weisen. Die historische (wenn auch nicht in allen Details belegte) Desavou­ierung beendet jäh Annettes kurzes Aufblühen und wirft sie für viele Jahre aus der Bahn. Sie bleibt zeitlebens unverhei­ratet.

In einem kurzweiligen, frischen Stil voll leichter Ironie, die niemals den Respekt verliert, plaudert die Autorin von scheinbar unbe­deuten­den Ereignissen und Begegnungen. Unter der lackierten, leicht brüchigen Oberfläche freilich grummelt es, nicht nur zwischen­mensch­lich, sondern draußen, wo sich revolutio­näre Umbrüche anbahnen, die bis in unsere Zeit wirken.

»Die Lebensverhältnisse änderten sich mit bis dahin unbe­kann­ter Geschwin­digkeit«, ahnt man in Annettes Kreisen, auch wenn die Kräfte von Technik und In­dustriali­sierung noch unter­schätzt werden. Viel bedroh­licher kommt der soziale Wandel mit dem auf­streben­den Bürgertum daher, dass auf einmal Leistung, »Eigen­schaf­ten des Geistes und des Herzens« mehr zählen sollen als die Herkunft, dass die Kultur plattge­bügelt werde (»Eines Tages wird es in Kassel ganz genauso aussehen wie in Hannover oder Berlin oder Paris. Und überall wird es die gleichen Dinge zu kaufen geben.«).

Einig ist man sich in der Genugtuung darüber, den welschen Tyrannen überwunden zu haben. Doch auf der Suche nach einer neuen gesamt­deut­schen Identität schauen die rebel­lischs­ten Kräfte, die jungen Studenten, nicht in die in­dustriali­sierte Zukunft, sondern verschrei­ben sich der Reanimie­rung eines verloren geglaubten, besseren altdeut­schen Wesens. Die Retro-Avantgarde sammelt Märchen und Volkslieder, frömmelt, flucht »Deibel ock« und »Tebelholmer« und trägt stolz den Altdeut­schen Rock nebst schwin­gen­der Feder am Barett. In den Bruder­schaf­ten verbrüdern sich bürgerliche Empor­kömm­linge und Habenichtse wie Straube mit jungen Adligen wie August und machen pöbelnd und prügelnd die Gassen der Univer­sitäts­städte unsicher, so dass die Polizei ein­schrei­tet und die Gewalt eskaliert, auch bei anti­semiti­schen Aus­schreitun­gen. Die Ermordung des reaktio­nären Dramatikers August von Kotzebue durch den Burschen­schaf­ter Karl Sand (1819) führt über die Karlsbader Beschlüsse in einen umfassenden »Über­wachungs­staat«. Wissend, dass damit die lustige Stu­denten­zeit vorüber ist, hängt Onkel August »seine Altdeutsche Tracht in den Schrank«.

Derweilen darbt die Landbevölkerung in grauen­voller Armut. Während einiger unge­wöhn­lich kalter und nasser Jahre blieben Ernten aus, so dass viele der den adligen Grund­besit­zern zu vielfäl­tigen Diensten ver­pflich­teten Bauern und Land­arbei­ter ihre Lebens­grund­lage verloren und als Bettler durchs Land zogen. In eindrucks­vollen Bildern – und doch aus ironischer Distanz – schildert die Autorin eine solche Begegnung. »Wie aus dem Grab gerissen« kauern geschlechts­lose, schorfige Gestalten in durch­nässten Lumpen im Morast und schaben, getrieben vom »Schmerz des Hungers«, wie Tiere Fleisch von einem Kadaver. Auf­gefor­dert, die herr­schaft­liche Kutsche aus dem Dreck zu ziehen, siegt freilich »die lebenslange Gewöhnung an Leib­eigen­schaft und frommen Gehorsam über den Selbst­erhal­tungs­trieb«, und ein paar Almosen nach getaner Arbeit lösen »eine Tränenflut und nicht enden wollende Dankbar­keits­bezeu­gun­gen« aus.

Karen Duve hat für dieses Buch jahrelang recherchiert. Breit gefächert sind die biografi­schen Details und Verweise auf Wissen und Wesen der Zeit. Kühn, aber glaubhaft hat sie fiktional gefüllt, was »im Dunkeln« liegt. Ihre Sprache ist präzise, bildstark (»dann strömte es wie Brei aus der Haustür«, Hausknecht Friedrich trug »einen Dreimaster auf dem Kopf«) und bisweilen frech upgedatet (»echt das Letzte«, »nicht ganz dicht«, »Mensch, jetzt hört doch mal auf mit dem Scheiß«). Unermüdlich brillant erzählt sie von den Qualen des Reisens über Land, von ein bisschen Privat­sphäre bei vertrau­lichen Spazier­gängen und von den Eiertänzen der abendlichen Gesprächs­runden über Sensibi­lität, gute Sitten, Verwandte und Politik. Historische Promis wie die Gebrüder Grimm oder Hoffmann von Fallers­leben sind wichtige Subjekte und Objekte der Konver­sation, daneben flitzen andere durch die Handlung wie Alfred Hitchcock durch seine Filme: Carl Friedrich Gauß, ein Cousin des Freiherrn von Knigge, »der faule Brentano« oder Karl Drais (»der trotz wieder­holter polizei­licher Verwarnung mit seiner zwei­rädri­gen Lauf­maschine mal wieder auf dem Gehweg gefahren ist – und das mit einem Affenzahn«). Ein Höhepunkt sind die Kapitel über das Kuren in Bad Driburg, wo Annette an den haar­sträuben­den Auffas­sungen des Kurarztes über die weibliche Konsti­tution und an den engen Fesseln gesell­schaft­licher Konven­tionen schier verzweifelt.

Sehr cool das alles!


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