Rezension zu »Jack Taylor und der verlorene Sohn« von Ken Bruen

Jack Taylor und der verlorene Sohn

von


Krimi · Atrium · · Taschenbuch · 297 S. · ISBN 9783855350483
Sprache: de · Herkunft: ie

In ainm an Athair ...

Rezension vom 25.06.2011 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Jack Taylor, dem Protagonisten der Krimireihe des irischen Autors Ken Bruen, hat das Leben bisher arg zugesetzt. Dies und seine irische Seele prägen seinen Charakter, seine Verhaltensweisen, seine Emotionen. In der Vergangenheit war er von Dämonen besessen, ertränkte sich in Alkohol, hatte ständig eine "Lulle" zwischen den Zähnen, und so manche harte Droge wird ihn auch kaputt gemacht haben. Nun hat er auch noch ein halbes Jahr in der Psychiatrie zugebracht. Er hatte sich Jeff und Cathy, seinen besten Freunden, als Babysitter angeboten, war dann aber nur einen Augenblick unaufmerksam, als deren dreijährige Tochter Serena auf eine Fensterbrüstung kletterte ... Dass das Kind seinetwegen tödlich verunglückte, wird Jacks ewiges Trauma, aber auch die Beziehung zu und zwischen Serenas Eltern zerbricht daran. Jeff wird zum ziellosen Penner, Cathy verlässt Galway.

Schon lange ist Jack nicht mehr im Polizeidienst; nun sucht er einen Job als Objektschützer oder nimmt seine immer schon halbherzig ausgeführte Privatermittlertätigkeit wieder auf.

Durch den ganzen Roman zieht sich das leidvolle Thema der Pädophilie von Priestern mit abhängigen Messdienern. Schon 1953 hatte Pater Joyce seine Freude an drei kleinen Jungen. Besonders schlimm ist, dass seine Haushälterin, eine Nonne, von seinen Liebesspielen gewusst, aber immer geschwiegen hat, da sie es nicht wagte, sich gegen einen Priester zu stellen. Stattdessen tröstete sie die Kinder mit Schokolade. Selbst die Mütter der betroffenen Kinder standen den katholischen Priestern näher, duldeten keine bösartigen Unterstellungen und drohten mit Prügeln.

Im Jahr 2003 findet man den abgetrennten Kopf von Pater Joyce im Beichtstuhl. Wer ist der Killer? Einer der drei ehemaligen Messdiener? Ganz Dublin ist in Aufruhr. Die Jagdsaison auf Geistliche nimmt hiermit ihren Anfang. Ein Drogenboss setzt eine stattliche Summe als Kopfgeld auf den Mörder aus.

Pater Malachy, der zwei Jahre zuvor selber vor Gericht stand, aber freigesprochen wurde, wendet sich an Jack Taylor, bittet ihn dringend um Hilfe, wünscht eine diskrete Ermittlung, bei der die Namen der Opfer geschützt bleiben sollen.

Nun erwartet man eine knallharte Aufklärung, bei der der ekelhafte Schmutz kaum wegzukehren ist, aber Ken Bruen will dem Leser viel mehr mitteilen. Der kriminalistische Plot wird zur Nebensache. Irland, die idyllische immergrüne Insel mit einem Klima, das täglich alle Jahreszeiten durchläuft, erlebt gerade einen wirtschaftlichen Boom, die Globalisierung krempelt alles um. Galway, die Kleinstadt, in der jeder jeden kannte und man sich gegenseitig half, gibt es nicht mehr. Soeben wurde sie zur schmutzigsten Stadt des Landes gekürt. Nun muss sie Immigranten aufnehmen. Die katholische Kirche, Irlands traditionelle Grundfeste, ist erschüttert durch die Wucht der Vorwürfe gegen ihre Leitfiguren. Die Männer tragen ihr Geld in die unzähligen Kneipen, die Frauen erdulden ihr familiäres Martyrium trotz allem im festen Glauben an ihren katholischen Gott. Die Selbstmordrate Irlands steigt stärker als anderswo.

Der Loser Jack Taylor ist ein Teil dieses Milieus. Immer noch führt er gewohnte Routinen aus – bekreuzigt sich, zündet eine Kerze an, murmelt das Vaterunser (irisch: "In ainm an Athair ...") ; doch schon als er noch ein Kind war, zerriss der Katholizismus seine Familie: Sein Vater hasste die Kirche, während seine Mutter mit Pater Malachy "an der Hüfte zusammengewachsen war" (S. 65). Den späteren Lebenswandel ihres Sohnes konnte sie nur mit den Worten "Gott möge dir vergeben" kommentieren.

Jack Taylor hat eine schmerzlich verletzte, sensible Seele, die sich nach Liebe sehnt. Doch leider ist er ein ganz einsamer Wolf. In seiner permanent melancholisch-depressiven Grundstimmung findet er zeitweise Halt in der Musik Johnny Cashs und einigen Büchern. Menschen misstraut er aus Prinzip; er kann nur sarkastisch mit ihnen umgehen. Wie sehr muss er sich selber hassen, wenn er jeden Blickkontakt mit einem Spiegel meidet ...

Ken Bruens Krimis erhielten zahlreiche Preise, wie zum Beispiel 2009 den Grand prix littérature policière, 2010 den Deutschen Krimipreis.


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