Rezension zu »Zur See« von Dörte Hansen

Zur See

von


Kühne Befahrer der Weltmeere sind sie schon lange nicht mehr. Doch die Erinnerung an große Zeiten haben die Bewohner der Nordseeinseln umzumünzen gelernt. Jetzt strapaziert der fortgeschrittene Strukturwandel den Gemeinschaftssinn, und der Spagat zwischen dem Fortleben alter Eigenschaften und den Ansprüchen des Tourismus droht sie zu zerbrechen.
Belletristik · Penguin · · 256 S. · ISBN 9783328602224
Sprache: de · Herkunft: de

Gekenterte Walfänger

Rezension vom 29.11.2022 · 6 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Überraschend andersartig ist der Inhalt von Dörte Hansens drittem Roman. »Zur See« begeis­tert mit einem Familien­plot in einer über­schau­baren nord­friesi­schen Insel­welt, die dem Unter­gang geweiht scheint. Der Tourismus, von den wort­kargen, anspruchs­losen Menschen dort anfäng­lich als segens­reiche Ab­wechs­lung in der Ein­tönig­keit ihrer begrenz­ten Heimat begrüßt, hat sie inzwi­schen wie ein Tsunami in Zeitlupe über­flutet, ihr Leben umge­krempelt, ent­wurzelt. Die Ursachen und Auswir­kungen seziert die Autorin in ihrer bekannten meis­terlich präzisen, schlicht­weg faszinie­renden Sprache, die 250 Seiten lang ohne einen Dialog auskommt, aber übervoll ist von bild­prallen For­mulie­rungen, die das Vor­stellungs­vermö­gen der Leser perma­nent inspi­rieren, heraus­fordern, berei­chern. Dörte Hansen, 1964 in Husum geboren, weiß, wovon sie erzählt. Sie hat ein tiefes Verständ­nis des Menschen­schlags, ihr Herz schlägt für die Bewohner, und unseres kann nicht anders als es ihm gleich­zutun.

Schauplatz des Romans ist ein nicht näher benamtes Eiland – es steht stellver­tretend für wohl alle Nordsee­inseln. Die ungenaue Verortung ist ein Stil­mittel, das sich wieder­holt – »irgendwo in diesem Haus«, »Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt.« – und schon der erste Satz sagt: »Auf einer Insel­fähre, irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland, gibt es einen, der die Leinen los- und festmacht, und immer ist er zu dünn angezogen für die Salz- und Eisen­kälte eines Nordsee­hafens.«

»Zur See« erzählt von der Gemein­schaft der Insel­menschen. Nachbarn und Verwandte sind seit Jahr­hunder­ten Augen- und Ohren­zeugen intimsten Erlebens. »Man kann sich hinter Knochen­zäunen nicht ver­stecken.« Geheim­nisse können keinen Bestand haben. Man teilte ähnliche Schick­sale: wochen­langes Warten auf die Männer, die zur See fuhren, Erinne­rungen an die »Ertrun­kenen, von einem Mast Erschla­genen, Verschol­lenen, Erfro­renen und an Skorbut Gestor­benen«, »Chroniken des Wartens und Allein­seins, der Winter­hoch­zeiten, des Kinder­sterbens und der Witwen­schaft, vermut­lich einge­stickt in Tauf­kleider und Bett­bezüge, eingenäht in Trachten­säume, einge­klöppelt in die Spitzen­decken, für die Töchter«.

Die rauen, unberechenbaren tempi passati, die bangen Ängste leben fort im Gemüt der Menschen, doch das, was einstmals so etwas wie Ordnung und Ruhe in ihr Leben gebracht haben mag, ist dahin. Mit der unge­ahnten Touris­tenflut ist die moderne Zeit über die einst iso­lierten Inseln hereinge­brochen und hat Probleme ganz anderer Art ange­schwemmt. Der soge­nannte Struktur­wandel hat das Eigen­leben der »Insel­leute« zum Beispiel an die Rand­stunden ihrer Tage abge­schoben – nur morgens, bis der Ansturm der Fremden herein­bricht, und abends, wenn die Tages­gäste wieder weg sind, können sie sie selbst sein.

Im Mittelpunkt des Plots steht die Familie Sander. Mutter Hanne, Vater Jens und ihre erwach­senen Kinder Ryckmer, Eske und Henrik bewohnen das schönste Haus im Dorf. Es ist sorgsam restau­riert und ausge­stattet, hat niedrige Decken und natürlich ein Reetdach. Was für eine Idylle! Doch nach kaum zehn Seiten ist der schöne Schein schon zer­bröselt. Die tüchtige Hanne tut ihr Bestes, sie kennt keinen Still­stand, sie ist auf alles vorbe­reitet, sie hortet Lebens­mittel für ein halbes Jahr. Folglich kann sie auch nichts schrecken. Verhin­dern kann auch sie nicht viel.

Ryckmer beispielsweise, das älteste der Kinder, war einmal Kapitän eines großen Tankers. Was damals geschah, möchte er endlich vergessen. Dann ist er wieder zu Hause einge­zogen, wurde zum Deckmann auf der Insel­fähre degra­diert und gibt mit seinen Messing­knöpfen an der Jacke und Ring im Ohr den grimmigen alten Seebären für die Fremden. Am Abend und an den Wochen­enden betäubt er sich bis zum Delirium. Hanne sorgt dafür, dass er nicht völlig verkommt, morgens einiger­maßen nüchtern seinen Dienst auf der Fähre antreten kann, aber mehr als das Notwen­digste tut sie nicht.

Das Zerreißen der Familie Sander setzte mit dem Eintref­fen der ersten »Badegäste« in den Sieb­ziger­jahren ein. Die meisten bleiben mindes­tens zwei Wochen, spielen in der »guten Stube« Karten mit den Beher­bergern, schreiben zu Weih­nachten Karten, kehren jeden Sommer wieder und ent­wickeln sich so zu zahlenden Wahl­verwand­ten,

Aber auch die Gastgeber müssen einen Preis zahlen – und keinen geringen. Dass alle mithelfen müssen, die Lasten von Juni bis August zu tragen, ist für Hanne eine Notwen­digkeit, aber kein Problem. Sie geht voran, um den Gästen ein Erholungs­paradies zu schaffen. Der Ehemann wird zu Gunsten des Wohl­befin­dens der Gäste vernach­lässigt, die Kinder müssen ihre Zimmer an kleine Fremde abtreten und werden in Spitz­boden und Abstell­kammern ausquar­tiert. Sie müssen »parat stehen«, um Wünsche der Gäste zu erfüllen oder »mal in der alten Tracht ein Lied zu singen oder ein paar Verse in der Insel­sprache aufzu­sagen«.

Kein Wunder, dass der Zirkus den Kindern zuwider ist. Ryckmer verab­scheut den »säuse­ligen Ton« der Mutter, wenn sie »gästisch« spricht. Tochter Eske fühlt sich »vorge­führt wie ein dres­siertes Inseltier«, die gesamte bezahlte Gast­freund­schaft mit rühr­seligem Abschied­nehmen ist ihr uner­träglich. Ihr Urteil steht fest: Die Mutter habe Mann und Kinder »wegge­ekelt«, sie trage die Haupt­schuld am Zerfall. Für den kleinen Henrik, ein spätes »Wunsch­kind«, bleibt keine Zeit. Der kleine Unruhe­geist läuft so nebenbei mit (»im toten Winkel großge­worden«). Heute sehnt sich Hanne, die ihn so lange übersehen hat, nach seiner Umarmung – als Vergewis­serung, dass »ihr vergeben worden ist«.

Henrik musste erst einige Irrwege durch­laufen, bis er als Dreißig­jähriger endlich sein Glück fand. Täglich wandert er mit seinem Hund den Strand entlang und sammelt auf, was ihm gefällt. Die Fremden haben aus den wunder­samen Gebilden einen Hype kreiert und ihn zum »Treibgut­künstler aus dem Kutter­schuppen« stili­siert, und seine »Drift­wood Art« (von Kunst­sach­verstän­digen zur »Arte povera der Nordsee« geadelt) wird ihm aus den Händen gerissen. Der Rubel rollt, aber wohl fühlt sich Henrik selber nicht so recht.

Ehemann Jens Sander hatte sich als erster von der Familie abgesetzt und in ein schwan­kendes Pfahlhaus draußen auf dem »Driftland« zurück­gezogen. In der Einsam­keit ist der Mann zum unbe­rechen­baren, eigen­brötle­rischen »Tatter­greis« geworden. Er redet mit den Vögeln, aber seine drei Kinder, die einmal »irgendwie aus ihm heraus­gewach­sen sind, wie wilde Triebe eines Baumes«, sind ihm fremd geblieben.

Ab und zu legt ein Versorgungsschiff an und wirft Lebens­mittel, gele­gentlich auch Wissen­schaftler, Tier­zähler oder Land­ver­messer an Land. Wenn sich aber Touristen den Sand­bänken nähern, wird er aggressiv und vertreibt sie. Auch Jens, der »König ohne Land«, wird nicht verhin­dern können, dass das Umwelt­amt eines Tages seine »Prinzen « schickt und er abdanken muss.

Mit feinem Gespür beobachtet Hanne, wie sich die Insel, ihre Bewohner und ihre Besucher mit den Jahren verändert haben. Die Touristen haben jeden Anstand abgelegt und nehmen sich jede Freiheit heraus. Vor dem außer­gewöhn­lichen Sander-Haus gaffen sie hinein, manch ein Makler mit Kalkül im Blick, denn der Immo­bilien­hype lockt reiche Städter auf die Insel. Die Fremden benehmen sich wie Eroberer statt wie Gäste, und so bringt man ihnen auch kein herz­liches Will­kommen mehr entgegen: »Die Gesetze der Gekränk­ten gelten wohl auf allen Inseln: nie zu freund­lich zu Touristen sein. Nicht lächeln. Nicht mit ihnen plaudern. Ihre Fragen höchstens einsilbig beant­worten. Weil man die Hand, die einen füttert, nicht noch küssen muss.« Auch die cleveren Gewinner brauchen die Kund­schaft nicht zu verzär­teln. Die Familie Brix, die das Monopol auf Pferde­kutschen hält, quetscht ihre Gäste doppelt aus. Die greifen, wenn es mal wieder regnet, dankbar zu den im Shop feilge­botenen Capes, die aussehen »wie die Kutten eines nassen Bettel­ordens, Ornate ihrer Selbst­kasteiung«.

Natürlich gibt es kein Zurück in die Blütezeit, aber Stolz und Marken­pflege gebieten es, die Tradition hochzu­halten. Wenn Hanne die Fremden durch das Insel­museum führt, trägt sie selbst­verständ­lich die aufwän­dige Tracht mit »bestick­ter Schürze … Perlen­haube … Brust­schmuck aus verzier­tem Silber «. Imposant »wie ein deko­rierter General« präsen­tiert sie darin auch sich selbst, die Kapitäns­frau »im Gewand der Tüchtigen«. Dann erzählt sie von Helden­taten, verherr­licht die »Walfang­zeiten« – für Tochter Eske »nichts als Mythen und Folklore für die Gäste«.

Die Touristen ernten bissigen Spott und weise Kommen­tare der Autorin: »Alle Inseln ziehen Menschen an, die Wunden haben, Aus­schläge auf Haut und Seele. Die nicht mehr richtig atmen können oder nicht mehr glauben, die verlassen wurden oder jemanden verlassen haben. Und die See soll es dann richten, und der Wind soll pusten, bis es nicht mehr wehtut.« Trotz mancher Ironie und humor­vollen Passagen klingt als Grundton Des­illu­sion durch: »Manchmal, nicht sehr oft, ver­schwin­den Schiffe auf den Meeren, und sie werden nie gefunden.«

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblings­bücher im Herbst 2022 aufgenommen.


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