Rezension zu »Draußen feiern die Leute« von Sven Pfizenmaier

Draußen feiern die Leute

von


In einem Städtchen bei Hannover leben neben den Einheimischen Familien aus verschiedenen Kulturkreisen beisammen. Sven Pfizenmaier erzählt mit außergewöhnlichem Witz von den besonderen Schwierigkeiten der Kinder der Zugewanderten. Zwischen der alten und der neuen Heimat fühlen sie sich hin und her gerissen.
Belletristik · Kein & Aber · · 338 S. · ISBN 9783036958743
Sprache: de · Herkunft: de

Irgendwo ankommen

Rezension vom 20.06.2022 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Das Örtchen bei Hannover ist fiktional wie seine Bewohner und die erzählten Begeben­heiten, aber gewiss repräsen­tativ. Da sind die Leute, die schon immer hier gewohnt haben, und die Neuen, die es von Sonst­woher hierhin ver­schlagen hat. Im Grunde wollen alle nur eins: ein passables Leben führen. Wenn das mal so einfach wäre …

Im Mittelpunkt dieses außerordentlichen, faszinie­renden, weil skurril-komischen und merk­würdig anrüh­renden Debüt­romans stehen Russland­deutsche, die ihre alte Heimat mit ihren Werten und Tradi­tionen nicht vergessen wollen und können, zumal die hier vorge­fundene Realität nicht immer ihren Erwar­tungen ent­spricht. Ihre Kinder aber möchten Russland hinter sich lassen und in der neuen Heimat Fuß fassen. Ihr jugend­liches Lebens­gefühl drängt sie zu dem, was hier »in« ist, was »die anderen alle« machen: Medien, Musik, Mode, Jargon, Drogen.

Sven Pfizenmaier, 1991 in Celle geboren, gibt Proble­men eine konkrete Gestalt, die als Phänomen der zweiten Genera­tion von Migranten­familien seit Langem bekannt sind, systema­tisch erforscht und oft thema­tisiert wurden, vor allem in Groß­britan­nien. Die erste Genera­tion – die eigent­lichen Einwan­derer – weiß in der Regel, was sie will (Arbeit, Geld, bessere Lebens­bedin­gungen, geräusch­lose Anpassung) und was sie erwartet (eine Existenz am Rande der Gesell­schaft, Recht­losig­keit, wenig Chancen, Hoffnung auf eine bessere Zukunft). Ihre Kinder sitzen dagegen zwischen allen Stühlen. Sie wollen mehr und anderes, erhalten aber wenig, und das von allen Seiten.

Für sein Porträt verstärkt der Autor den Aspekt der Fremdheit noch mit seinen erzähle­rischen Mitteln. Er spitzt das, was man an Charak­teren, Erschei­nungs­bildern und Lebens­verhält­nissen in der Realität antreffen mag, derart zu, dass seine Figuren und ihre Welt außerhalb dessen landen, womit sich die altein­gesesse­nen Nieder­sachsen, ob jung oder alt, noch zu arran­gieren vermögen. An gutem Willen mangelt es ihnen nicht, aber es stellen sich zu große Schwierig­keiten in den Weg.

Der Autor nimmt die Nöte seiner halberwachsenen Protago­nisten ernst, auch wenn er Auswüchse und bizarre Ver­irrungen als solche offenlegt. Da kommt es zu urkomi­schen Szenen, grotesken Charak­terisie­rungen, bitter­bösen Spitzen, aber die Personen werden nicht zu Lach­nummern degra­diert. Das ist natürlich eine Gratwan­derung.

Hat der kleine Ort auf dem flachen Land überhaupt das Potenzial, um für irgend jemanden eine neue Heimat zu werden? Aus der Luft betrach­tet ist er »ein Faden­kreuz«. Aus einem »Kreisel im Zentrum [fließt] eine Straße in jede Himmels­richtung […] wie Kapil­laren von den vier Haupt­verkehrs­arterien«. Außer einer Volksbank, einer Polizei­station und einer Schule gibt es keine Attrak­tionen, die den Bewohnern aus diversen Kultur­kreisen Glück verheißen könnten. Satis­faktion verschaf­fen sich viele von ihnen insbe­sondere, indem sie Indivi­duen anderer Gruppen piesacken. Zumindest vermag ein kurz­weiliger Reigen wenigs­tens die Lange­weile zu vertrei­ben: Russen verab­reden sich mit Albanern zum Schlagen, »die Albaner mit den Türken, die Türken mit den Kurden, die Kurden mit den Deutschen, die Deutschen mit den Russen«. Auf dem alljähr­lichen »Zwiebel­fest« erweist sich, dass der disparate Mikro­kosmos das Leben durchaus zu genießen weiß, wobei die Jugend gern kiffend herum­lungert oder sich zu einer Garagen­party absondert.

Die meisten der Helden in diesem Habitat sind maskuline Halb­wüchsige. Aber Timo, der zentrale Prota­gonist, fällt schon insofern aus dem Rahmen, als er die Oberstufe der Gesamt­schule besucht und kurz vor dem Abitur steht. Auch wegen seines eigen­artigen Erschei­nungs­bildes ist er ein Außen­seiter. Wie bei Spät­pubertie­renden nicht unüblich, mag er seinen Körper selber nicht. Er »hat die Glied­maßen einer Pflanze, ranken­artige Arme und Beine, blass grünliche Haut und orange­gelbes Haar, das wie eine Blüte auf dem Kopf leuchtet. Sogar seine Bewe­gungen erinnern an die nieder­sächsi­sche Vege­tation«. Mobbing begleitet ihn seit Jahren. Nur Jenny hat kein Problem, mit einem »Pflanzen­menschen befreun­det zu sein«. Auch die sehr gute Schülerin ist nicht sonder­lich beliebt, aber seit ihre jüngere Schwester Flora verschwun­den ist, hat sie gewich­tigere Sorgen.

Ein weiterer bemerkenswerter Mitschüler ist Richard Holder. Der nimmt es mit der Anwesen­heits­pflicht in der Schule nicht so genau. Zwischen­drin verlässt er den Pausenhof und raucht eine Runde Gras, um »sich soweit runter­zukiffen, bis er genauso gelang­weilt war wie die anderen«. Dabei hat er schon seit Kinder­garten­zeiten eine Aus­strah­lung, die den Menschen in seiner Umgebung jegliche »Energie aussaugt«.

Den Erziehungsberechtigten bleiben angesichts solchen Nach­wuchses nicht viele Optionen. Selbst der stets bemühten Frau Holder »fallen die Augen zu, wenn ich dich sehe«. Am freien Wochen­ende sucht sie deshalb gern das Weite und lässt den Jungen mit sich selbst zurück. Das würde sich Evgenija Waldmann nicht erlauben. Zu groß sind ihre Sorgen um die seelische Gesund­heit ihrer Tochter Valerie. Die Waldmanns waren schon Mitte dreißig, als sie, ohne ein Wort Deutsch im Gepäck, hierher kamen. In dem Haus, das sie sich bauten, hängen überall Erinne­rungs­stücke, die ihre kasachi­schen Wurzeln konser­vieren. Hier wurde Valerie geboren. Jetzt schläft und träumt, träumt und schläft das Mädchen, Woche um Woche. Die Ärzte, die Evgenija konsul­tiert hat, reden von Traumata und verschrei­ben Medika­mente.

Dass die »vielen Kleinigkeiten«, die das Mädchen bedrücken, mit Zerrissen­heit und verwor­renen Heimat­gefühlen zu tun haben, ahnen viel­leicht viele, aber was soll Evgenija (die zu Esoterik neigt) konkret tun? Während Valerie im Kinder­garten und in der Schule seit jeher deutsch spricht wie die anderen Kinder, redet sie mit den Eltern russisch. Das führt zu paradoxen Situa­tionen, etwa wenn die Leute im Super­markt tuscheln und Evgenija ihr zuraunt: »Russisch darfst du hier nicht sprechen, das ist peinlich.« Später, als Valerie sich längst die »russische Zunge abzu­beißen« versucht, ver­spricht ihr die Mutter zwanzig Pfennig für jedes Wort, das die Tochter russisch spricht. Während der deutsche Freund es »cool« findet, dass sie Russin ist, gilt sie bei den russi­schen Kumpanen als ganz schön deutsch. Wie soll eine Heran­wach­sende damit fertig werden, »dass das Wort ›Zuhause‹ außerhalb des Hauses das Haus meint und innerhalb des Hauses ein anderes Land«, dass die Familie »ein Leben in der Gesell­schaft als ein Leben ohne die Gesell­schaft« führt? An einem Ort, »an dem kein wir mich mitmeint«, will sie nicht mehr sein.

Während die Waldmanns alles daran­setzen, sich zu integ­rieren, indem sie sich deutscher geben als die Deutschen, haben sich andere Familien in einem »Zwei-Welten-System« einge­richtet: »Die sowje­tische Welt, die man eigen­händig mitge­bracht hat, ist das Zuhause, und die deutsche, in die man geraten ist, liegt vor der Tür.« Drei russische Jugend­liche, die – anders als Valerie – in Kasach­stan geboren wurden, kommen damit problem­los klar. Sie sind nicht die hellsten Kerzen auf der multikul­turellen Torte, haben aber ein gesundes Selbst­bewusst­sein ent­wickelt und schon seit Beginn ihrer kleinkrimi­nellen Karriere die Aufmerk­samkeit des Dorf­wacht­meisters auf ihrer Seite.

In letzter Zeit hat der Polizist aller­dings größere Probleme auf dem Schreib­tisch und auf dem Herzen, denn es sind etliche Mädchen und Frauen spurlos ver­schwunden – vor Kurzem auch Flora, seine jüngere Tochter –, und ihm obliegt es, die Fälle aufzu­klären. Bedrängt von der Sorge, auch seine Älteste zu verlieren, erwägt er einen Deal mit den drei russi­schen Dödeln in seiner Obhut. Viel­leicht lassen sie sich darauf ein, auf seine Jenny aufzu­passen, wenn er über ihre gras­grünen Geschäfts­beziehun­gen nach Hannover hinweg­sieht?

Der Autor schöpft für Handlung und Personen­gestal­tung aus einem über­borden­den Füllhorn kreativer Einfälle. Zwischen Realismus, Über­spitzung, Witz, Karikatur, Fantastik und Ernst­haftig­keit der Analyse spielt er auch mit mythi­schen Chiffren wie dem sagen­haften Sehn­suchts­ort Avalon und arche­typischen Gestalten wie Groß­mutter Else, einem andert­halb Jahr­hunderte alten Hort mensch­licher und über­mensch­licher Weis­heiten, die mit einem einzigen Atemzug pro Tag auskommt (»Niemals in den eigenen vier Wänden ein Lied pfeifen, sonst droht die Armut.«). Irreales und Absurdes wechseln und ver­mischen sich geschmei­dig mit der harten krimi­nellen Wirklich­keit von Drogen- und Menschen­handel, effekt­voll karikiert in der Figur von »Rasputin«, dem »Super­drogen­boss«.

Und in all diesen Leseabenteuern verzaubern immer wieder über­raschende poetische Stim­mungen den durch­wachse­nen Alltag der Figuren. Wo am Orts­schild die Straßen­beleuch­tung endet, bricht nicht unbedingt hoffnungs­lose Dunkel­heit herein. Über die weiten Felder verteilt drehen sich Dutzende Windräder, und jedes »hat diese blinkende rote Lampe auf dem Kopf. Wenn der Mond nicht scheint, dann sind die Windräder […] beinahe unsicht­bar, und es bleiben nur diese roten Lampen, die nicht einmal synchron blinken, sondern jede im eigenen Takt, [und man] sieht nichts als einen Schwarm durch­einander­blinken­der Lichter, die wie von selbst in der Luft schweben.«

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2022 aufgenommen.


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»Draußen feiern die Leute« von Sven Pfizenmaier
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