Rezension zu »Grenzgänger« von Mechtild Borrmann

Grenzgänger

von


Ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen scheitert im Nachkriegsdeutschland an der Aufgabe, seine jüngeren Geschwister zu versorgen. Sie werden in die Obhut der Kirche übergeben und durchleiden dort Unfassbares.
Historischer Roman · Droemer · · 288 S. · ISBN 9783426281796
Sprache: de · Herkunft: de

Bessere und schlechtere Menschen

Rezension vom 15.11.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Henriette Bernhard, geb. Schöning, genannt Henni, wollte immer das Richtige tun. Das wurde ihr zum Verhängnis. Im Herbst 1970 stand sie in Aachen vor Gericht, des Mordes und der Brand­stiftung angeklagt. Noch vor dem Richter­spruch hatten die Tages­zeitun­gen sie bereits verurteilt.

Hennis Geschichte trägt sich in Velda, einem Eifeldorf an der deutsch-belgischen Grenze, zu und hat ihren Mittelpunkt in den schweren Zeiten gleich nach dem Krieg. Das Mädchen kommt aus schwierigen Ver­hältnis­sen. Ihr Vater Herbert trägt schwer an seinen Kriegs­trau­mata, die ihm alle Lebens­tüchtig­keit geraubt haben. Er kann weder seine frühere Arbeit aufnehmen noch für seine Frau Maria und die vier Kinder sorgen. Trost und Rückhalt findet er in der Kirche, der Pfarrer ist seine Leitfigur.

Henni, seine vernünftige, tatkräftige, übermütige Älteste, soll, so empfehlen ihre Lehrer, zur Höheren Schule wechseln, arbeitet aber mit ihrer Mutter in einer Gaststätte, um die Familie über Wasser zu halten. Als Maria im April 1947 stirbt, sind Herbert und der Pfarrer der Ansicht, die Kinder seien in kirchlicher Obhut am besten aufgehoben. Doch Henni kämpft für deren Verbleib zu Hause, setzt sich durch und übernimmt die Ver­antwor­tung für ihre jüngeren Geschwister und den Haushalt.

Obwohl das Geld knapp ist, arbeitet der Vater, dem Gott näher steht als seine Tochter, un­entgelt­lich für die Kirche – für Henni ein Unding. Sie beschwert sich beim Bistum in Aachen, woraufhin er zwar ein kleines Küster-Salär erhält, das Mädchen aber sowohl ihn als auch den verärgerten Pfarrer zum Feind hat. Vater ohrfeigt das Mädchen und beschimpft sie als »unver­schämte und gottlose Göre«.

Dann entdeckt Henni eine lukrative Einnahmequelle. Sie schließt sich einer Gruppe »Grenzgänger« an, die für den Schwarz­markt Kaffee aus Belgien herüber­schmug­geln. Ab Herbst 1950 nimmt sie sogar ihre Geschwister mit auf die riskanten nächtlichen Moor­wanderun­gen durch das Hohe Venn. Eines Nachts ertappt sie ein Trupp von Grenzern, und einer von ihnen, ebenfalls aus Velda, erschießt Hennis kleine Schwester Johanna. Ewig werden Reue und Schuld­gefühle Henni quälen, dass sie das Kind in diese Gefahr gebracht hat.

Der schreckliche Zwischenfall beendet das von Armut, Solidarität und Abenteuer geprägte Dasein der Kinder. Der Vater rührt keinen Finger, als Henni, inzwischen siebzehn, 1951 wegen »sittlicher Verwahr­losung« in eine Aachener »Besserungs­anstalt für Mädchen« und ihre Brüder Matthias und Fried in ein Heim Trierer Ordens­schwes­tern verfrachtet werden.

Was die Jungen dort durchmachen, kann man nur als Hölle auf Erden bezeichnen. Blinde Akzeptanz der Autoritäten und bedin­gungs­lose Unter­ord­nung sind oberste Ziele der Erziehung, Angst, Schmerz und Schuld­gefühle sollen den Weg dahin bahnen. Jegliche Infrage­stel­lung wird im Keim erstickt, wobei selbst Bettnässen schon als eine Form der Ver­weige­rung bestraft wird. Was sich die Schwestern, die doch als fromm gelten, an Maßnahmen einfallen lassen, um die Kinder, die doch ihre Schützlinge sein sollten, zu besseren Menschen zu machen, wird heutzutage als Miss­hand­lung, wenn nicht Folter bewertet. Die Tragik liegt darin, dass die Opfer keinerlei Ausweg aus ihrem Leid erkennen konnten. Jeder, an den sie sich verzweifelt wenden mochten – Verwandte, Geistliche, Lehrer, Arzt –, war selber auto­ritäts­gläubig oder abhängig. Das Böse, von dem ein unreifes Kind berichtete, traute niemand einer Person zu, die ihr Leben Gott geweiht hat; es musste folglich in dem Kind selbst verwurzelt sein – und aus­getrie­ben werden.

Von den äußeren Umständen her nimmt Hennis Leben nach ihrer Entlassung aus dem Heim einen positiven Verlauf. Sie findet eine Arbeits­stelle, bewährt sich durch Fleiß und Pflicht­bewusst­sein, heiratet, bekommt zwei Kinder. Die Suche nach den Brüdern, über deren Verbleib sie nichts weiß, gibt sie nie auf. Doch all ihre mensch­lichen Qualitäten und Verdienste zählen nichts, als sie sich 1970 vor Gericht ver­antwor­ten muss.

Damit ist der zentrale Handlungsstrang mit seinen Haupt­perso­nen umrissen. In einem zweiten steht Hennis Jugend­freun­din Elsa im Mittelpunkt, die eine Außensicht gewährt. Sie erzählt von den Ereignissen in Velda während des Krieges und danach sowie vom Aachener Prozess. Ins­beson­dere erlaubt sie Einblicke in die schlichte Mentalität und Bos­haftig­keit der Dorf­bewoh­ner (»Anfällig für Dummheiten war die ja immer schon als Kind, und dann als junges Mädchen … Na ja, man weiß ja, wo sie an­schlie­ßend war.« – Dass Henni vor Gericht schweigt, macht es den Leuten leicht, ein Urteil zu fällen: »Wenn sie unschuldig wäre, dann würde sie sich ja wohl verteidigen«.). »Verlogenes Pack alle miteinander«, kommentiert Elsa.

Auch das Vorgehen der Presse weiß Elsa zu nehmen: »So einfach machen die sich das. Legen sich die Dinge zurecht. Hier ein bisschen was ver­schwei­gen, da ein bisschen was dazutun und fertig ist die neue Wahrheit.« Was aber ist die Wahrheit? Elsa kann nicht glauben, was man Henni vorwirft, und wohnt den Ver­handlun­gen regelmäßig bei. Dabei lernt sie einen interes­sierten jungen Jura-Studenten kennen, der über Hennis Fall eine Arbeit schreiben will – Anlass für Elsas Erzählen vom Leben ihrer Freundin.

Ein dritter Erzähler ist der Künstler Thomas Reuter. Er lebte und litt mit Hennis Brüdern im Heim und kennt die wahren Umstände, unter denen Matthias dort verstarb. Obwohl er genug damit zu tun hat, seine eigenen grausamen Erlebnisse zu bewältigen, und mit der Ver­gangen­heit nicht mehr kon­fron­tiert werden will, gibt er der Auf­forde­rung nach, als Zeuge in einem Gerichts­prozess aufzutreten, in dem Vor­komm­nisse in dem Heim aufgeklärt werden sollen.

Die diversen Erzählperspektiven und Zeitebenen kombiniert die großartige Schrift­stelle­rin Mechtild Borrmann souverän miteinander, um nach und nach ein diffe­renzier­tes Bild ihrer Prota­gonis­tin Henriette und ihrer Lebens­umstände zu entwickeln. Vor allem aber liegt ihr am Herzen, die unglaub­lichen Zustände in Kinder­heimen der Zeit – nicht nur in kirchlichen – offenzu­legen, wie sie in den letzten Jahren publik geworden sind. Die in ver­gleichs­weise sachlichem Ton gehaltenen Be­schrei­bun­gen von De­mütigun­gen, Ein­schüch­terun­gen, Be­stra­fungs­aktio­nen ist beim Lesen kaum zu ertragen. Die Autorin betont, dass es sich um Fiktion handelt, sich aber in der Realität tausendfach so zugetragen habe. Am nach­haltigs­ten beeindruckt die gelesene Erfahrung des psychischen Drucks, der auf den Kindern lastete, die Aus­sichts­losig­keit all ihrer Versuche, Verständnis und Hilfe zu erhalten, aus dem Teufels­kreis ihres Gefangen­seins aus­zubre­chen. Der entstehende Druck entlädt sich im Romanplot in Todesfällen, wobei die Bemühungen, diese aufzuklären, ein Krimi-Element einbringen und Spannung erzeugen, aber auch die Schwierig­keit des Wahr­heitsbe­griffs illustrie­ren.

Mechtild Borrmann ist ein außerordentlich beklemmender Roman gelungen, der den Leser emotional von Anfang an gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Das leisten die Be­schreibun­gen schlimmer Vorgänge in einer klaren Sprache, die ohne emotionales Tremolo auskommt. Erst am Ende ist der Leser wirklich ein Wissender, nachdem die Autorin im Gefüge der komplexen Struktur alle relevanten Details zu den Ereignissen und Per­sönlich­keiten enthüllt hat.

Auch wie Borrmann das starre soziale System der Dorfgesellschaft vor Augen führt, ist meisterlich. Auf der einen Seite geben bestimmte Autoritäts­perso­nen qua Amt, Bildung oder Besitz selbstbe­wusst die Richtlinien vor, anderer­seits übt die Gemein­schaft als solche Druck aus, indem sie konformes Verhalten erwartet, Abweichler ächtet, Stören­friede bestraft. In diesem Spannungs­feld ist die Freiheit des Einzelnen, sein Leben zu gestalten, höchst begrenzt, schon gleich, wenn er aus der Unter­schicht kommt und einen unan­gepass­ten, eigen­willi­gen Eindruck macht wie Henni.


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