Rezension zu »Der Geiger« von Mechtild Borrmann

Der Geiger

von


Kriminalroman · Droemer · · Gebunden · 304 S. · ISBN 9783426199251
Sprache: de · Herkunft: de

Wieviel Mensch bleibt?

Rezension vom 13.01.2013 · 16 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Ein Wahnsinn, dieser Schluss! Mechtild Borrmanns Roman "Der Geiger" kulminiert auf den letzten zehn Seiten, die Ereignisse überschlagen sich. Bis dahin hat man sich die Auflösung ganz anders zusammengereimt. Also jagt man die Augen über die Zeilen hin dem Ende zu. Zwischendurch glaubt man, die wahren Zusammenhänge vielleicht doch nicht richtig verstanden zu haben, möchte alles noch einmal mit Bewusstsein zurückholen, blättert zurück, liest erneut. Während der ganze Roman eher einen historischen Plot hat, wird er auf den letzten Seiten zum Kriminalroman. Für Gier und Gewinnstreben muss man halt töten ...

Sascha Grenkos Leben ist nach dem furchtbaren Unfalltod seiner Eltern im Jahre 1990 aus dem Ruder gelaufen. Mit elf Jahren wurde er zum Waisen, kam erst in ein Heim, später in die Strafanstalt. Dabei sah seine Zukunft so rosig aus. Alles sollte gut werden, nachdem die Eltern endlich die Ausreisegenehmigung aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt bekommen hatten.

Jetzt ist Sascha 28, das Jahr ist 2008, und Sascha hört zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren wieder die Stimme seiner Schwester Viktoria. Am Telefon bittet sie ihn, in einer Familienangelegenheit dringend nach München zu kommen. Danach wird er sie nie wieder sprechen, denn Viktoria wird vor seinen Augen hinterrücks erschossen. Im Hotel hat sie Sascha den Schlüssel zu einem Schließfach im Hauptbahnhof hinterlassen.

Sascha findet dort eine Tasche voller Papiere: der Briefwechsel zwischen einem Anwalt und dem Innenministerium der russischen Föderation, dazu Fotos und Zeitungsausschnitte. Es geht um eine echte Stradivari-Violine von 1727, die Zar Alexander II. 1862 dem Geiger Stanislaw Sergejewitsch Grenko geschenkt hatte, Saschas Ururgroßvater. Seit Jahrzehnten gilt sie als vermisst. Der letzte Besitzer war Saschas Großvater Ilja, ebenfalls ein begnadeter Geiger, und der hat - laut Auskunft des Innenministerums - die Sowjetunion 1948 im Rahmen einer Konzertreise verlassen. Demzufolge hat der russische Staat die Stradivari also nie beschlagnahmt ...

Sascha weiß wenig aus seiner Vergangenheit. "Später" wollten ihm die Eltern alles erzählen, doch dazu kam es ja nicht mehr. Nur dass "der Name Grenko in Russland einmal einen großen Klang hatte", konnte ihm sein Vater noch mit auf den Weg geben. Nun muss Sascha im Gedenken an seine Schwester deren vergebliche Bemühungen, die edle Stradivari zu finden, fortsetzen und dazu auch die Wurzeln seiner Abstammung erforschen. Während Sascha in der Jetztzeit in Russland recherchiert, nach Alma-Ata und Moskau reist, lesen wir diverse Handlungsstränge aus der Familiengeschichte der Grenkos.

Ilja Grenko wurde 1948 nach einem Konzert in Moskaus Tschaikowski-Konservatorium verhaftet, denn man hatte den Verdacht, er plane, in den Westen zu fliehen. Im Gegenzug für die Zusicherung, dass seine Familie weiterhin ohne Repressalien in Moskau leben dürfe, unterschrieb er ein Geständnis. Ohne Prozess schickte man ihn dann für zwanzig Jahre in den Gulag nach Stalingrad.

Doch ein rechtloses Staatssystem fühlt sich nicht an Versprechen gebunden. Es dirigiert seine Bürger mit Willkür und bedient sich perfidester Methoden. Unter dem dreist gelogenen Vorwand, Ilja Grenko sei ein Dissident und habe sich in den Westen abgesetzt, werden seiner Frau Galina sämtliche Bürgerrechte entzogen, und sie wird mit ihren beiden Kinder für zehn Jahre nach Kasachstan verbannt. Sehr detailliert lesen wir von den erschütternden Umständen dort: vom erbärmlichen Elend in der Ödnis, den strengen Wintern, dem unstillbaren Hunger, den unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Lager, von der hoffnungslosen Rechtlosigkeit. Galina schafft es, einigermaßen zurechtzukommen und ihre Kinder großzuziehen, aber über die Enttäuschung ihres Lebens kommt sie nicht hinweg: dass ihr Mann sie verraten habe.

Galina und - mehr noch - Ilja sind beispielhafte Einzelschicksale, die in aussichtsloser Situation immer wieder damit konfrontiert werden, dass sie sich selbst opfern müssen, wenn sie dem anderen geben wollen. Sie erleben auf unterschiedliche Weise Gemeinsamkeiten und Sich-Verlassen-Können. Galina beispielsweise hat eine Freundin, die sich um die Kinder kümmert, während sie selber schuften muss; mit ihr teilt sie ehrliches Geben und Nehmen. Ilja macht dagegen im Zwangslager andere Erfahrungen mit Politischen, Kriminellen, Offizieren der Roten Armee. Er ist Teil der Gruppe und mitverantwortlich für deren Gedeih und Verderb. Die Normerfüllung entscheidet über die Essensration. Hier gilt "Druschba" - "Freundschaft" mit Abmachungen und Schulden, die beglichen werden müssen, ein russischer Ehrenkodex mit strengen Reglements. Wer nichts mehr leisten kann, den wirft man weg wie Abfall. Dieses System beraubt den Menschen jeglicher Gefühle für die anderen und lässt ihn zum Tier werden. Mit tiefer Scham nimmt Ilja den Verlust seiner Menschenwürde wahr.

"Der Geiger" ist ein berührender Roman über die furchtbaren Zeiten unter Stalins diktatorischem Regime, das durch Lügen, Indoktrination und menschenverachtende Methoden das Individuum bricht und Familien psychisch und physisch vernichtet. Und dennoch flackern selbst dort, wo Menschen auf das geringste Bedürfnis, den täglichen Überlebenskampf, reduziert wurden, noch immer wahre Werte wie Freundschaft, Vertrauen und Liebe als kleine hoffnungsvolle Flämmchen im Dunkeln auf.


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Kommentare

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Zu »Der Geiger« von Mechtild Borrmann wurden 1 Kommentare verfasst:

C.L. schrieb am 22.05.2014:

Rezension??? Das ist eine Inhaltsangabe mit ein wenig Interpretation.
Rezension ist hier gar nicht.

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