Rezension zu »Die Frauen, die er kannte« von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt

Die Frauen, die er kannte

von


Kriminalroman · Rowohlt · · Taschenbuch · 725 S. · ISBN 9783862520206
Sprache: de · Herkunft: se

Psychopathen unter sich

Rezension vom 14.08.2012 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Dank seines restlos verkorksten Charakters ist der Psychologe Sebastian Bergmann selber ein Fall für den Psychiater. Schon immer hatte er flüchtige außereheliche Verhältnisse mit anderen Frauen. Aus einer dieser Beziehungen ging die Tochter Vanja hervor, deren Mutter ihr den Namen des leiblichen Vaters niemals preisgegeben hat. Seit Sebastian Ehefrau und Tochter bei einem Tsunami in Thailand verlor, belasten ihn Albträume und Depressionen. Jetzt sucht er erst recht Zuflucht bei anderen Frauen, und das sind so viele, dass er sich kaum an Gesichter oder Namen erinnern kann.

Mittlerweile ist Vanja dreißig Jahre alt und eine der Top-Ermittlerinnen der Reichsmordkommission in Stockholm. Aber sie bemerkt nicht, dass sie permanent von einem Stalker verfolgt wird – nämlich von Sebastian, ihrem fünfzigjährigen Vater, der ihr jetzt nach Jahren nahe sein und seiner leidgeprüften Seele etwas Balsam geben möchte.

Doch Gutes hat er nicht im Sinn. Von Hass getrieben, setzt er alles daran, einen Keil in Vanjas Familie zu treiben. Auf ihren Pflegevater hat er, in der Hoffnung, in seinem Lebenslauf etwas Kriminelles zu entdecken, einen befreundeten ehemaligen Polizisten angesetzt. Glaubt Sebastian tatsächlich, auf diese Weise Vanjas Liebe erzwingen zu können?

Er ist ihr nicht einmal sympathisch, denn sie kennt ihn aus einem Fall einige Jahre zuvor, den die Reichsmordkommission nur mit seiner Hilfe lösen konnte. Unerträglich für alle, spielte er sich als egomanischer, rechthaberischer, nicht teamfähiger Profiler auf. Damals analysierte er den Fall des Serientäters Edward Hinde und gab die entscheidenden Hinweise, um ihn hinter Gitter zu bringen. Hinde hatte nach immer denselben Ritualen Frauen vergewaltigt und bestialisch getötet. Der spektakuläre Fall um einen hyperintelligenten Täter bot Sebastian Bergmann genügend Stoff, um mehrere fachwissenschaftliche Bücher zu veröffentlichen.

Nun ist ein Nachahmungstäter angetreten, der die Morde Hindes bis ins Detail kopiert. Was seine Opfer verbindet, ist, dass sie alle mit Sebastian Bergmann Sex hatten. Kein Wunder also, dass dieser sich ins Aufklärungsteam drängt, wo er nur bedingt geduldet wird. Viele, viele Seiten füllen die beiden Autoren, bis die Elitetruppe der Reichskommission in Kooperation mit dem Psychologen endlich die schon längst für alle Blindschleichen erkennbare Verbindung zwischen Original und Nachahmer aufdeckt.

Wenn sich die zwei Frauen und zwei Männer des Reichsmordkommissionsteams nicht gerade weidlich über ihre Befindlichkeiten oder ihre Beziehungsprobleme auslassen, arbeiten sie derart dilettantisch, dass es schon weh tut. Wie, zum Beispiel, gelingt es dem alten Fuchs Hinde, aus seiner Hochsicherheitszelle heraus Kontakt zur Außenwelt zu halten? Aus unzähligen Filmen und Krimis kennen wir viele geschickte Variationen. Doch um Hinde auf die Schliche zu kommen, brauchen sowohl die schwedischen Ermittler als auch der dummdödelige neue Gefängnisdirektor Thomas Haraldsson, der sich von seinem gefährlichsten Gefangenen um den Finger wickeln lässt, unerträglich lange Zeit. Man denke nur: Hinde hat in seiner Hochsicherheitszelle einen eigenen PC, aber Internetzugang – nein, den hat er nicht; das hat der Sicherheitsexperte des Gefängnisses, wie er den Ermittlern versichert, gründlich überprüft ... Wer mag denn so etwas glauben?

Und was hat die Psychopathen zu ihren Taten getrieben? Wie so oft müssen wieder sexuelle Gewalt und Missbrauch in der Kindheit herhalten. Ja, diese Zusammenhänge gibt es natürlich, aber manchmal wünscht man sich halt als Romanleser eine phantasievollere, individuellere Alternative als die Standardlösung aus dem Lehrbuch. Auch die Auflösung des gesamten Dramas folgt bekannten Bahnen.

"Die Frauen, die er kannte" (schwedischer Originaltitel "Lärjungen", übersetzt von Ursel Allenstein) ist ein Krimi, den man bald wieder vergessen hat. Weder Plot noch Spannungsaufbau noch die handelnden Figuren haben das gewisse Etwas, um das Buch des Autorenduos Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt aus der Masse ähnlicher Werke herausstechen zu lassen.


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