Rezension zu »Katzentisch« von Michael Ondaatje

Katzentisch

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 304 S. · ISBN 9783446238589
Sprache: de · Herkunft: nl

Alles, was neu im Leben war, sollte so sein.

Rezension vom 16.02.2012 · 13 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Eine Schiffspassage von Colombo nach England dauerte 1954 ungefähr 21 Tage und war sicher für die allermeisten Passagiere ein beeindruckendes, unvergessliches Erlebnis. Durch den Indischen Ozean, den Golf von Aden, das Rote Meer, den Suez-Kanal und das Mittelmeer ging die Reise. In Port Said, Aden und anderen exotischen Häfen legte das Schiff an. Wie überwältigend mussten all die neuartig-fremden Eindrücke erst für drei elfjährige Jungen sein, die ohne ihre Eltern allein losgeschickt wurden!

Die drei unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht: Cassius ist hochmütig, spöttisch, kühn; täglich aufs Neue stiftet er die anderen zur Übertretung irgendwelcher Verbote an. Der stille Ramadhin dagegen leidet an Asthma und an einem Herzfehler. Und Michael •der Ich-Erzähler), Spitzname "Mynah", teilt eine enge Kabine in der dritten Klasse mit Mr. Hastie, der dort des Nachts mit drei anderen Männern Karten spielt.

Wiewohl alleine reisend, steht Michael doch unter Beobachtung. Zwei Frauen haben ein Auge auf ihn: Miss Flavia, eine Bekannte des Onkels, bei dem Michael in Colombo gelebt hatte, erkundigt sich nach seinem Befinden, wenn sie – was höchst selten eintritt – aus der 1. Klasse den Weg zu ihm findet. Viel häufiger begegnet er seiner entfernten Cousine Emily. Die große Plattensammlung, die Wildheit und der ungezähmte Geist der jungen Dame bezaubern Michael, und er spürt ein erstes Begehren, eine Intimität, die sich für ihn so nie wiederholen wird.

Dem bisschen Kontrolle können sich die Jungen auf dem großen Passagierdampfer "Oronsay" mit Leichtigkeit entziehen. Hier sind sie frei wie die Möwen und reizen ihre Grenzenlosigkeit reichlich aus. In der Dunkelheit treiben sie sich überall herum, erforschen alle Decks, Gänge, Treppen, Räume. In den hochhängenden Rettungsbooten versteckt, mampfen sie gemütlich das aus der 1. Klasse geklaute Frühstück – und beobachten manch geheimes Stelldichein an Deck.

Eine Person erweckt ihre besondere Neugierde: ein in Ketten geschlossener Mann, der, von Wachen begleitet, für kurze Zeit aus den dunklen Tiefen des Schiffsbauchs hervorgeholt wird. Was mag dieser Gefangene wohl verbrochen haben?

Beinahe zu weit treiben sie ihre Abenteuer, als Cassius und Michael in das Auge eines Taifuns blicken wollen. Sie lassen sich dazu an der Reling festbinden und entgehen nur durch einen beherzten Rettungseinsatz der Mannschaft knapp dem Tod. Als der Kapitän sie zu sich zitiert, erzählen sie ihm schon wieder eine haarsträubende Lügengeschichte.

Man kann sich wirklich nicht beklagen, was an Freizeitbeschäftigung und Unterhaltung an Bord geboten wird. Die Jungen vergnügen sich im Schwimmbad, und am Abend tritt eine Akrobatiktruppe auf. Zu den Mahlzeiten finden sich die etwa 600 Passagiere auf den Decks ihrer Klasse ein. Michael sitzt weitab vom Zentrum der besseren Gesellschaft am unattraktiven "Katzentisch". Ein illustres Trüppchen von neun Leuten unterhält sich hier in trauter Runde: ein Botaniker, ein Schneider, ein ehemaliger Schiffsabwracker, ein Literat, eine alte Jungfer, die Jungen und der Pianist, der zumeist dumme, obszöne Witze zum Besten gibt.

In England wird Michael von seiner Mutter erwartet. Erinnern kann er sich nicht an sie, denn sie ging fort, als er drei Jahre alt war.

Wer möchte nicht gerne einer dieser Jungen gewesen sein und solch eine fantastische Reise erlebt haben? Aber Michael Ondaatjes Buch "Katzentisch" ist kein bloßer Abenteuerroman. An der Oberfläche liest es sich wie ein Märchen, voll wunderbarer Vergleiche und Metaphern, doch steckt viel mehr darunter; es besticht durch seine Vielschichtigkeit. Erst durch diese Reise wird Michael zu dem Mann, der er heute ist. Nur auf dem Schiff ist er noch "Mynah" •ein anderer Name für den Beo, den sprachbegabten und leicht zu zähmenden Vogel aus Südostasien), ein Beobachter und Erzähler auf dieser Reise, deren Bedeutung er in seiner heutigen Rückschau erkennt: Sie hat seinem Leben die Initialzündung und eine Richtung gegeben.

Ein weiterer Passagier, der englische Lehrer Mr Fonseka, der sich nur mit seinen Büchern beschäftigt, eröffnet Michael die Welt der Literatur; später wird Michael selbst Schriftsteller.

Fiktion und Biographisches scheinen nicht nur hier offensichtlich ineinanderzufließen. In seiner Danksagung widmet Michael Ondaatje seinen Roman "Dennis Fonseka, in memoriam", zusammen mit drei Versen wie aus einem Gedicht: "Das Schiff kam furchtlos aus dem Nebel, / und sie stiegen ein. / Alles, was neu im Leben war, sollte so sein". Aber wenige Seiten weiter betont Ondaatje in seiner "Nachbemerkung des Verfassers" nachdrücklich, dass "'Katzentisch' ein Werk der Fiktion" sei – eine rätselhafte Distanzierung nach so viel Nähe im Roman selbst.

Ondaatje entwickelt seine Figuren gemächlich. Keiner ist so, wie er sich nach außenhin gibt; jeder verbirgt ein Geheimnis. Manche Gestalt hat Tragik, andere sind hinreißend skurril, insgesamt ein Panoptikum gesellschaftlicher Außenseiter: Die alte Jungfer Perinetta Lasqueti blättert in ihren Krimis, um sie anschließend ins Meer zu werfen. Die Tauben, die sie nach England bringen soll, trägt sie in und unter ihrer Kleidung an Deck spazieren. Ein stinkreicher Baron wird von einem ayurvedischen Heiler begleitet, nachdem kein Arzt der Welt nach Colombo reisen wollte, um ihn von seiner Tollwut zu heilen – und dann stirbt er am Biss eines Hundes, den die Jungen in einem Hafen an Bord geschmuggelt hatten ... Liebe, Verführung, Enttäuschung, Mord sind nur wenige der Zutaten, die den Leser an die Handlung fesseln, bis der Roman mit einer Frage Michaels endet: "Woran lag es, dass wir alle drei den Drang verspürten, andere zu beschützen, die offenbar gefährdeter waren als wir?"

Ein Roman voller Melancholie, doch immer wieder blitzen leuchtend blaue Wellen der Heiterkeit auf. Melanie Walz hat all dies ins Deutsche übersetzt.

Michael Ondaatje wurde 1943 in Colombo •Sri Lanka) geboren, hat niederländisch-tamilisch-singhalesische Wurzeln und lebt heute in Toronto. Für seinen Roman "Der englische Patient" •1993) wurde er mit dem Booker-Preis ausgezeichnet.

Übrigens: Auf dem schönen Titelbild der Hanser-Ausgabe bewundern wir durch hohe Palmen hindurch einen majestätischen schwarz-weiß-roten Dampfer auf Reede vor einer sonnenbestrahlten Küstenstadt im Hintergrund. Das weckt Fernweh, und gleich umweht uns nostalgische Exotik. Die flächige Machart in kräftigen Farben erinnert an Reiseplakate aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts •"Cunard Line"), an Comics •"Tim und Struppi") – und an die verblüffend ähnliche Titelgestaltung von Christian Krachts neuem Roman "Imperium", ebenfalls im Februar 2012 erschienen •bei Kiepenheuer & Witsch, zehn Tage nach "Katzentisch"), ebenfalls in der südlichen Hemisphäre und noch etliche Jahrzehnte früher angesiedelt. Zeichen der Zeit? Zieht es uns weg von hier und heute? Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner ganz privaten aktuellen Lesetipps aufgenommen.


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