Rezension zu »Im Café der verlorenen Jugend« von Patrick Modiano

Im Café der verlorenen Jugend

von


Belletristik · Hanser · · Gebunden · 160 S. · ISBN 9783446238565
Sprache: de · Herkunft: fr

Ein überschaubares Leben

Rezension vom 02.06.2012 · 13 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Das Cover dieses Büchleins führt uns nicht schlecht in die Irre. Es zeigt eine Abschiedsszene mit Sechziger-Jahre-Flair: Ein junges Paar, vielleicht am Bahnsteig stehend, küsst sich innig; die Frau hat einen rotbeschuhten Fuß angehoben, spielerisch leicht nach hinten abgewinkelt; daneben warten zwei altmodische Koffer in Pastellfarben; spätnachmittäglich-diesiges Gegenlicht, lange Schatten ...

Der Umschlag der französischen Originalausgabe (»Dans le café de la jeunesse perdue« Patrick Modiano: »Dans le café de la jeunesse perdue« bei Amazon ) – ein winziges, ödes Café in verfallener Altstadtstraße, fahle Nacht, schwarz-weiß, menschenleer – ist aufrichtiger. Denn was Patrick Modiano uns erzählt (übersetzt von Elisabeth Edl), hat wenig an Romantik, auch keine vielfältige oder uns in gespannter Erwartung haltende äußere Handlung zu bieten. Wir begleiten das kurze, unspektakuläre Leben von Jacqueline Delanque. Ihre Mutter, Geneviève, arbeitet als Platzanweiserin im Moulin Rouge, einen Vater hat es nie gegeben. Das Kind wächst in ärmlichen Verhältnissen und auf sich selbst gestellt auf. Im Lycée angenommen zu werden ist für sie ein unerreichbares Ziel. Als Teenager treibt sie sich auf den Straßen und Plätzen von Paris herum, wird zwei Mal von der Polizei aufgegriffen und wieder nach Hause gebracht. Mit einer Straßenbekanntschaft taucht sie ab in Rauschgift und Alkohol.

In welcher Trostlosigkeit Jacqueline lebt, illustriert die kleine Episode des Polizeiverhörs, eines Wendepunktes ihrer Biographie. Endlich hört ihr jemand zu. Sie genießt das neue Gefühl, sich jemandem anvertrauen zu können, für wichtig erachtet zu werden. Der Polizist notiert alles, was sie über ihr bisheriges Leben berichtet, und sie erlebt es als Befreiung, all das quasi abzulegen, abzuschließen. "Alles würde neu beginnen, von heute an."

Jacqueline, jetzt 22 Jahre alt, heiratet einen mehr als zehn Jahre älteren Mann – gewiss nicht aus Liebe, eher wegen des Zufalls, ihn kennengelernt zu haben. Schnell erkennt sie, dass ihr gemeinsamer Alltag nicht das "wahre Leben" ist. Nach wenigen Monaten verlässt sie ihn frustriert, wünscht nie mehr von ihm kontaktiert zu werden.

Ihre neue Welt wird nun die Bohème. Sie lebt von wenig Geld in Hotels, besucht regelmäßig das "Café Condé", in dem Künstler und Studenten ein und aus gehen. Schweigsam und zurückgezogen beobachtet sie aus einer dunklen Ecke des Lokals das Treiben, bis sie sich endlich einer Clique zugesellt. Eine Zeitlang lebt sie mit Roland, einem Schriftsteller, zusammen, doch auch mit ihm, der sie liebt, findet sie keinen Halt. Schließlich trifft sie für sich selbst eine Entscheidung: "Es ist soweit. Lass dich fallen."

Aus vier Perspektiven wird das Schattenleben einer jungen Frau beleuchtet, die sich selbst nur finden kann, wenn sie ausreißt. Ihre "einzigen guten Erinnerungen sind Erinnerungen an Flucht und Weglaufen". Die vier Ich-Erzähler sind ein Student, ein Privatdetektiv (engagiert von Jacquelines Ehemann, um sie wiederzufinden), Jacqueline selber und Roland.

"Im Café der verlorenen Jugend" ist ein zutiefst melancholischer Roman über eine junge Frau, die hoffnungslos scheitert an der Leere ihres Lebens und an der verzweifelten Anstrengung, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Der Autor Patrick Modiano wurde mit höchsten Literaturpreisen dotiert, allen voran dem Prix Goncourt und dem Prix der Académie française. Trotz der Lobpreisungen vieler Kritiker war ich beim Lesen dennoch nicht ganz so begeistert: In der Tat erzählt Modiano ja von einem "verlorenen" Leben, einer vergeblichen Sinnsuche in einer "verlorenen" Epoche. Doch schmeckt die kultivierte Tristesse gar nicht so bitter; bei aller bedrückenden Freudlosigkeit schwingt auch verklärende Nostalgie mit, die ich persönlich nicht recht passend finde. Stimuliert wird sie beispielsweise durch die unendlich vielen klangvollen Namen von Straßen, Plätzen, Arrondissements rechts und links der Seine; das deutsche Cover setzt ganz auf diese süße Wehmut. Und das (an sich reizvolle) Konzept der vier Erzählperspektiven führt natürlich zu reichlichen Wiederholungen – bei knapp 160 Seiten bleibt die Substanz also überschaubar.


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