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Rezension zu René Freund: »Niemand weiß, wie spät es ist«

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Niemand weiß, wie spät es ist

Belletristik · Deuticke · · Gebunden · 272 S. · ISBN 9783552063266
Sprache: de · Herkunft: at

Bewertung: 3 Sterne
Die Asche meines Vaters

Rezension vom 13.03.2017 · noch unbewertet · mit 1 Kommentaren

Klaus Weilheim wusste, dass der Leberkrebs ihm nicht mehr viel Lebens­zeit vergönnen würde. Für seine Tochter Nora aber kam sein Tod mit 75 Jahren über­raschend. Die Journa­listin, 35, wusste ohnehin nicht viel über ihren verwit­weten Vater. Egal, als Einzel­kind würde sie Universal­erbin seines statt­lichen Vermögens sein – Gemälde, Aktien, eine Eigentums­wohnung mitten in Paris. Zur Testaments­eröffnung wird sie ins Notariat des Maitre Charles Didier im feinen Palais­viertel Rue du Fau­bourg Saint-Honoré ein­bestellt.

Unerwarteterweise ist eine weitere Person zugegen, der Notariats­kandidat Magister Bernhard Petrovits aus Wien, wie er sich mit ange­deute­tem Handkuss vorstellt. Und das Testament hält eine weitere Über­raschung bereit. Das Erbe ist an einen eigen­artigen Auftrag gekoppelt. »Nora Weilheim soll die Urne mit meinen sterblichen Über­resten von Paris über Wien an einen von mir zu bestim­menden Ort in Öster­reich transpor­tieren, wo meine Asche ihre letzte Ruhe finden wird. Ein Teil der Reise soll aus­schließ­lich zu Fuß erfol­gen, und zwar unter notarieller Aufsicht. Die Etappen­ziele werden von Maitre Charles Didier jeweils am Vortag telefo­nisch oder per Mail durch­gegeben.« Bei Nicht­erfül­lung geht das gesamte Vermögen an einen Pharma­konzern, der mit Versuchs­tieren experi­mentiert.

Weder Österreich noch das Wandern gehören zu Noras Favoriten. Sie ist ein kom­fortables Leben in Frank­reich gewohnt. Aus welchem Grunde will ihr Vater ihr einen derartigen doppelten Tort antun? Und was hat es mit der Klausel der notariellen Aufsicht für eine Bewandtnis? Soll der junge Bernhard im Konfektions­anzug von der Stange und mit brav geschei­teltem Haar als verlängerter Arm des Notars neben ihr durch Öster­reich trotten, um die Urne im Rucksack und ihre Schrittzahl zu über­wachen?

So sehr sich alles in Nora gegen das Projekt sträubt, drängt ihr Verstand sie doch, die miss­liebigen Bedin­gun­gen zu akzep­tieren, schon weil die Alter­native, Tier­experi­mente zu finan­zieren, ja wohl das Aller­letzte wäre. So nimmt sie nach einer Mini-Zeremonie im Krema­torium die heiße Ware in Empfang, steckt sie in eine maß­geschnei­derte Kunst­stoff­tasche, und die ungleichen Protago­nisten machen sich auf den Weg. Bis Wien dürfen sie das Flugzeug nutzen, wobei »Papa in der Tüte« natürlich gehörige Probleme beim Sicher­heits­check verur­sacht.

Dann erreicht die beiden die erste Zielangabe, von Klaus zu Leb­zeiten formuliert und vom Maitre als mp4-Video auf Bern­hards Handy spediert. Jetzt gehe es »zum Kloster im Süd­westen«, heißt es reichlich vage, und Nora ist unge­halten: »Was ist das für ein Scheiß, geh zum Kloster im Süd­westen ... klingt ... wie aus einem blöd­sinnigen Roman von Paulo Coelho.« In den nächsten Tagen folgen noch fünf weitere Instruk­tionen, die die zwei Wanderer samt Urne auf einer Kloster­route – Heiligen­kreuz, Maria­zell, Admont – bis ins Ennstal dirigieren.

Die Anweisungen sind begleitet von ernsten Gedanken, die der Vater einfühl­sam für seine Tochter formu­liert, die sie aber nicht wie gewünscht erreichen. Bald schon gehen seine »Weis­heiten und Andeu­tungen« Nora gehörig »auf den Sack«. Dabei war so eine aus­giebige Wande­rung mit seiner Tochter immer der Wunsch­traum des Vaters gewesen. Beim Durch­schreiten der beein­drucken­den Natur- und Kultur­land­schaft hätte er ihr gern vermittelt, wie er sich nach dem Unfall­tod seiner Frau als einsamer Mann und allein­erzie­hender, liebender Vater fühlte, wie er nach einem Sinn im Leben und nach Offen­barungen eines höheren Wesens suchte. Als Gründe, warum er seine Absicht nicht realisiert hat, nennt er bedauernd, dass er Seele und Geist nicht aus­reichend fort­ent­wickelt habe; vor allem hätten ihn zeit­lebens »Angst vor der voll­kom­me­nen Hingabe«, »Angst vor dem großen Ver­trauen« gehindert. Erst in seiner letzten Nachricht, einem hand­geschrie­benen Brief, enthüllt Klaus sein Kern­problem, das ihn davon abhielt, sich seiner Tochter inner­lich zu nähern: Er ist ein Kriegs­kind von Kriegs­eltern, die selbst niemals Gefühle zeigten und ihren Kindern keine Gefühls­regungen durch­gehen ließen. Die einzige länger zu spürende Berührung durch die Hand der Eltern war eine Ohrfeige. »Zähne zusammen­beißen« lautete die Über­lebens­devise. So hatte Klaus nicht lernen können, seine Tochter zu um­armen, ihr Liebe und Vertrauen zu schenken.

Überzeugt hat mich dieser Roman nicht, weder in der Figuren­charakteri­sierung noch im Plot noch stilistisch. Nora, als freie, aber erfolg­lose Journa­listin, chaotisch, stur­köpfig, stolz und »klug« gezeich­net, fällt haupt­sächlich durch ihre un­sensible, arrogante Art auf (die ich mit »Klugheit« nicht verbinden kann); ihr Begleiter, der Jura­student Bern­hard, ist weit­gehend aus Klischees zusammen­gesetzt (Pedant, Asket, Veganer, Blumen­freund), die mäßig lustige Szenen gene­rieren (wenn er etwa stets mit den ultima­tiven Haus­frauen­tipps bei der Hand ist oder Nora nach­hakt, wie denn Veganer­tum und Blowjob zusammen­gehen). Am Ende harrt hin­sicht­lich seiner Rolle eine Über­raschung, doch man konnte sich schon vorher aus­rechnen, wie es kommen könnte.

Einzig der verstorbene Vater sorgt in seinen Video­bot­schaften für Tiefe. Jeden­falls hat er mehr Nach­denk­lich­keit zu bieten als seine ober­fläch­liche Tochter, und gleichzeitig ist ihm klar, dass sie keine rechte An­tenne dafür hat (»Hallo, mein liebes Kind ... Es tut mir so leid, dass ich dich erschrecke ...«). Er hat sein gesamtes Leben mit einer Lüge gelebt. Nur über den post­humen Umweg kann er sich ihr stellen und spät Verant­wortung über­nehmen. (Da wartet erzähl­technisch noch ein span­nendes Geheim­nis auf seine Auf­lösung.)

So schlingert der Roman zwischen seinen unter­schied­lichen, wahr­schein­lich unverein­baren Ansprüchen dahin: das schmerz­hafte Scheitern einer Lebens­lüge ernsthaft zu gestalten; zwie­spältige Charak­tere zu ent­larven; einen Plot zu ver­folgen, der wie ein Road­movie wendungs­reich voran­schreitet, Spannung erzeugt und seine Prota­gonisten vorführt. Der Ton ist ein perma­nentes Kontrast­programm: Während sich der Vater alle Mühe gibt, seine Nöte und Anliegen in Worte zu fassen, kommen die Erleb­nisse (etwa mit der Urne) und Unter­haltun­gen der beiden Wanderer oft kaum über platte Situations­komik hinaus.

Einerseits ist die Handlung nah an die moderne Alltags­realität der Orte, Verkehrs­mittel, Technik und Ein­stellungen (Trauer) gebunden, anderer­seits fehlt schon dem Grund­konzept die Über­zeugungs­kraft: Würde jemand wie Klaus Weilheim – »ein gebil­deter, kulti­vierter Mensch, viel­leicht sogar ein Mann von Welt« –, nach­dem er ein Berufs­leben voller Erfolge gemeistert hat, sein wichtigstes persön­liches Anliegen tat­säch­lich so um­ständ­lich aufbe­reiten und dann auch noch darauf ver­zichten, das Ergeb­nis selbst zu erleben?

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Kommentare

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Zu »Niemand weiß, wie spät es ist« von René Freund wurden 1 Kommentare verfasst:

Dieter Brehm schrieb am 14.03.2017:

nun, die Buchidee spricht mich jedenfalls an. Obschon sie nicht besonders realitätsnah scheint - originell ist sie schon. Das Buch kommt auf meine Liste.

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