Rezension zu »Die Verlockung« von Andrea Camilleri

Die Verlockung

von


Belletristik · Nagel & Kimche · · 160 S. · ISBN 9783312009961
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Rom

Unsicherer Boden unter den Füßen

Rezension vom 13.03.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Nimmermüde scheint der Neunzigjährige, ungebrochen seine Kreativität und uner­schöpf­lich seine Fanta­sie. Aller­dings bietet ihm seine sizilia­nische Heimat (wie das ganze Land Italien) mit ihrer reichen Kultur und Geschichte (und vielen, vielen unge­lösten Proble­men bis in die Gegen­wart) jede Menge Stoff für neue Romane. Wenn Andrea Camilleri am Ende seines kleinen Büch­leins »La relazione« Andrea Camilleri: »La relazione« bei Amazon (2015), das jetzt in der Über­setzung von Karin Krieger auf Deutsch erschien, treuherzig versichert, alles sei »von vorn bis hinten frei erfunden … basiere jedoch auf realen Fakten«, darf man ruhig hoch­rechnen, dass sich das Erzählte ohne weiteres genau so in der Realität zuge­tragen haben könnte. Wie schon oft widmet sich der Altmeister dem Treiben der gefräßigen, nimmer­satten Hydra namens Mafia, gegen die offen­kundig noch immer kein Kraut gewachsen ist. Wenn­gleich die Polizei­apparate in den letzten Jahr­zehn­ten immer wieder spekta­kuläre Fest­nahmen zelebrie­ren konnten, läuft in Wirt­schaft und Politik nichts ohne Korruption und organi­siertes Verbrechen. Wer dagegen angeht, muss damit rechnen, seines Postens enthoben oder unsanft aus dem Weg geräumt zu werden. »Die Verlockung« illustriert all dies in einer tragikomischen Geschichte.

Mauro Assante ist Wirtschaftsprüfer in Rom, gewissenhaft, unbe­fangen und unbe­stechlich. Fleißig hat er in der Banca Santamaria recher­chiert und seinen Finanz­bericht inzwischen fast fertig­gestellt. Für das Finish ver­sichert er sich absoluter Ruhe, trennt alle Kommu­nikations­geräte von ihren Netzen, zieht gar die Vorhänge ein wenig zu, damit er nur ja nicht abgelenkt werde, wenn er ab­schließend jedes Verb, jedes Adjektiv, jede Syntax der kom­plexen Beweis­führung auf Präzision und Stringenz über­prüft. Dass Muttina, seine geliebte Ehefrau, mit dem kränk­lichen Söhnchen Stefano zu ihren Eltern ins Trentino gefahren ist, kommt ihm da sehr gelegen. Ist der Bericht abge­geben, wird er ihnen nach­reisen.

Doch alle Abschottung ist zwecklos. Mauro ahnt nicht, dass er von rätsel­haften Mächten fern­ge­steuert, seine Ruhe gestört, seine Kon­zentration behindert, seine Selbst­sicher­heit unter­miniert wird. Dass die ält­liche Baro­nessa aus der Wohnung über ihm den Stroh­witwer zum Abend­essen einlädt und am Vorabend nochmal klingelt, um an die Verab­redung zu erinnern, ist lästig, aber nicht so beun­ruhi­gend wie die Tat­sache, dass er bei der Rück­kehr vom Büro seine Wohnungs­tür unver­schlossen findet. Mauro, bislang die personi­fizierte Fehler­losig­keit, tröstet sich mit der Erklärung, schon sehr in Hektik gewesen zu sein. Aber dann verschwindet seine Brille, und der Frieden ist wieder dahin. Noch eine ganze Serie weit schwerer wiegende und an schreck­liche­ren Folgen reiche Zwischen­fälle erwarten den Mann. Während wir einen Quer­schuss nach dem anderen staunend und amüsiert zur Kenntnis nehmen, ist Signor Assante ange­sichts seiner unerklär­lichen Pechsträhne zur Rat­losig­keit verdammt.

Während Mauros gewohnter Seelenfrieden zu zerbröseln beginnt, kann er wenigstens auf das Ver­ständ­nis seines Chefs zählen. Der leitende Inspektor Biraghi beruhigt ihn: »Lassen Sie sich alle Zeit, die Sie brau­chen.« Natür­lich ist das Augen­wische­rei, denn jeder Zeit­auf­schub ist den Herren aus der Vorstands­etage der Banca Santa­maria und ihren freund­schaftlich verbun­denen mächtigen Politi­kern will­kommen, um in aller Ruhe ihre Schäf­chen ins Trockene zu bringen.

Mauros endgültiger Nervenzusammenbruch rückt unauf­halt­sam näher, die Schwierig­keiten nehmen überhand und drohen, ihn Arbeits­platz, Karriere, Kopf, Kragen und Gesund­heit zu kosten. Muttina ruft regel­mäßig an und erkundigt sich nach seinem Wohl­ergehen, doch wie könnte er ihr erklären, was ihm geschieht? Zumal als eine hin­reißende Blondine auftaucht – sicher eine Ver­wechs­lung, aber doch eine schöne Gabe des Himmels, wie Mauro glaubt – und ihm in seiner über­großen Not ver­ständnis­volle offene Ohren und ihn zärtlich umfan­gende Arme schenkt.

Natürlich sind die Ereignisse, die den armen, für einen erfolg­reichen Profi in leitender Stellung viel zu gut­gläubi­gen Naiv­ling an den Rand des Unter­gangs schliddern lassen, stark über­zogen, ebenso wie die Machen­schaften der intriganten Über­macht nicht für bare Münze genom­men werden können. Andrea Camilleri bevor­zugt hier die Waffe geist­reichen Humors und scharfer Zu­spitzung, um ernste Missstände bloß­zu­stellen, und bietet damit amüsant fabu­lierte, hinter­gründige, wenn auch etwas schema­tisch ange­legte Unter­haltung.


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