Rezension zu »Cloris« von Rye Curtis

Cloris

von


Nach einem Flugzeugabsturz muss eine feine ältere Dame all ihre Kultiviertheit ablegen, um sich durch die Wildnis zurück in die Zivilisation zu schlagen. Gemeinsam mit einem Unbekannten – Schutzengel oder Verbrecher? – wird ihr Weg zu einer Entdeckungsreise in ein unbekanntes Ich.
Belletristik · C.H. Beck · · 352 S. · ISBN 9783406755354
Sprache: de · Herkunft: us

Aufbruch in ein neues Leben

Rezension vom 31.01.2021 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mrs Cloris Waldrip war eine »Plaudertasche« und geistig vital. Im Altenheim hörte man der 92-Jährigen gerne zu, wenn sie 2006 aus ihrer Vergan­genheit erzählte. Ihre Geschichte mochte ungläu­biges Staunen auslösen, aber sie hatte sich tatsäch­lich als Knüller in den Medien nieder­geschla­gen – nicht zuletzt weil die Heldin der dramati­schen Ereig­nisse damals schon 72 Jahre alt war. Wichtiger als die Abenteuer selber sind der Erzäh­lerin aber die Erkennt­nisse, die sie so spät in ihrem Leben noch daraus ziehen durfte: »Es ist schon erstaun­lich, dass eine Frau den Herbst ihres Lebens erreichen kann, nur um festzu­stellen, dass sie sich selbst bislang im Grunde gar nicht recht gekannt hat.«

Schon damals – im Spätsommer 1986 – hält sich Cloris wohl nicht zu Unrecht für »ein Relikt der Vergan­genheit«. Hinter ihr liegen 54 Ehejahre mit Richard (den sie durch­gängig »Mr Waldrip« nennt), »ein freund­licher Mann mit einem Vogel­gesicht«. In einem texani­schen 2000-Seelen-Dorf führt das kinderlos geblie­bene Paar ein beschau­liches Leben im Ruhestand. Jetzt findet Mr Waldrip es aber an der Zeit, die erste Reise ihres gemein­samen Lebens zu unter­nehmen. Extra­vaganzen haben ihnen von jeher fernge­legen, so würde ein Kurztrip nach Montana genügen. Einer Übernach­tung im Big Sky Motel in Missoula soll als krönender Abschluss ein Rundflug über den Bitter­root National Forest folgen.

Es kommt zu einer Katastrophe. Die zweimotorige Cessna stürzt mitten im Wald ab, Cloris klettert blut­über­strömt aus dem in Stücke geris­senen Wrack und braucht eine Weile, bis sie die bizarren Umstände erfasst und inter­pretiert hat. Der Pilot sitzt im Freien, noch immer ange­schnallt auf seinem Sitz, sein Körper vom Aufprall grausam zuge­richtet, und stirbt unter Wahn­vorstel­lungen, während sie Mr Waldrip erst nach einer Weile auf einer hohen Fichte entdeckt, verblutet, tot, für sie uner­reichbar. Geistes­gegen­wärtig spricht Cloris mehrere Hilferufe ins Mikrofon des Funk­gerätes, bevor es seine Funktion einstellt.

Auf einigen Umwegen erreicht der Notruf die abge­legene Waldhütte von Forest Ranger Debra Lewis, die hier seit ihrer Scheidung elf Jahre zuvor ein iso­liertes Dasein genießt, erfüllt von reichlich Rotwein, ihrer Lieblings­sendung im Radio (»Fragen Sie Dr. Howe«) und aus­giebigen Wannen­bädern. Erst als die Vermiss­tenmel­dung der Ehefrau des Piloten mehr Klarheit schafft, organi­siert man, so gut man kann, eine Such­aktion mit Heli­kopter-Unter­stützung, doch sie ist mühselig und lang­wierig und wird immer wieder abge­brochen.

Rye Curtis debütiert mit einem originellen Plot, einer außer­gewöhn­lichen Protago­nistin und einem Set wunder­barer Figuren, und er beweist das Talent, daraus eine spannende, schier unglaub­liche Abenteuer­geschichte zu gestalten, die sich ermüdungs­frei über 77 Tage erstreckt. Die Handlung wird alter­nierend in zwei paral­lelen Erzähl­strängen präsen­tiert: Ich-Erzäh­lerin Cloris schildert ihre Erleb­nisse in der Wildnis, während wir aus Debra Lewis’ Perspek­tive (in der 3. Person) über die Rettungs­aktion und weitere Umstände auf dem Laufenden gehalten werden. Für gute Unter­haltung und Abwechs­lung sorgt eine Vielzahl unter­schied­licher Akteure, gezeich­net mit einfühl­samer Empathie und subtilem, zartem Humor. Darunter sind etliche ambi­valente und in sich zerris­sene Charak­tere, geschei­terte Exis­tenzen, verlas­sene Ehemänner, auch skurrile und zuge­spitzt überzeich­nete Figuren wie der hoch­näsige FBI-Agent, der dem ausge­büxten Krimi­nellen »Arizona Kisser« nachspürt, die verwirrte Scho­schonin Silk Food Maggie, spinnerte Geister­sucher, die nachts mit Video­kamera im Wald herum­streunen, oder Teenager, die auf ihren Drogen- und Sex-Eskapaden das Schutz­gebiet verschan­deln. So wechselt beim Lesen von abwech­selnd grotesken, makabren, amüsanten und tragisch durch­tränkten Szenen ständig unsere Stimmung.

Doch zurück zu Cloris, denn sie ist die beeindruckende Haupt­person. Sie steht, kaum dass sie den ersten Schock über­wunden hat, vor existen­tiellen Entschei­dungen. Soll sie, in der Annahme, ihr Funk­spruch sei vernommen worden, am Absturz­ort auf Hilfe warten oder sich in Richtung der Rauch­säulen in der Ferne auf den Weg durch eine ungewisse Einsam­keit machen? Ihre Habselig­keiten könnten niemanden zuver­sichtlich stimmen: ihre Hand­tasche, das Time Magazine, ein Streich­holzbrief­chen, Karamell­bonbons, ein Regen­schirm, ein Stiefel ihres Gatten, ein Beil, eine zerfled­derte Karte von Montana und eine blutbe­fleckte Jacke, die sie dem Piloten mühsam vom Leib gezogen hatte (»seine Gelenke knackten«). Doch Cloris fasst Mut und bricht auf.

Was folgt, sind die Herausforderungen eines drama­tischen Über­lebens­kampfes. Wie macht man Feuer? Was ist alles essbar, was keines­falls? Wie schützt man sich vor wilden Tieren? Wie vor Unwetter? Wo findet man einen sicheren Schlaf­platz? Die Umstände zwingen zu Ungeahn­tem: ihren Körper in der Natur zu entleeren, nackt im Wasser zu baden, nach und nach jede Scham aufzu­geben, alle Fesseln der Zivili­sation abzu­streifen. So wird Cloris langsam zu einer anderen Frau.

All dies beschreibt die alte Dame mit gutem Gespür für Struktur und Spannung sowie mit einer Mischung aus Sachlich­keit, Humor (ein verhal­tensge­störter alters­schwacher Berglöwe läuft rückwärts), Ironie und Sarkasmus (»Ich aß die komplette Mutter­fleder­maus und ihr ungebo­renes Junges auf und nagte die Knochen ab. […] Es fiel mir nicht ganz leicht, sie zu zerkauen, da ich ja nur die Backen­zähne benutzen konnte, seit ich meine Prothese im Fluss verloren hatte.«).

Trotz ihrer charakterlichen Reife und ihres Mutes führt ihr Martyrium sie an ihre Grenzen, bis sie bereit ist, aufzu­geben, lieber zu sterben als weiter zu leiden. Doch dann bemerkt sie einen unsicht­baren Schutz­engel an ihrer Seite. Mal entfacht er ein Feuer, mal hinter­lässt er ihr einen rohen Fisch, mal einen Kochtopf mit einem kleinen enthäu­teten Körper darin. Erst entsetzen sie diese Gesten eines geheimnis­vollen Unbe­kannten, dann flößen sie ihr neuen Lebensmut ein. Nicht zuletzt dank der Für­sorglich­keit ihres Lebens­retters (»alles was wir aßen, kochte er, bis es weich war«) ent­wickelt sich eine tiefe Verbun­denheit, die ihr schließ­lich mehr bedeutet als die Rückkehr in die Zivili­sation.

Mit »Kingdomtide« – der Originaltitel bezeichnet eine Phase im Kirchen­jahr der Metho­disten (»Trinita­tiszeit«) – ist Rye Curtis ein tiefgrün­diges Debüt gelungen (großartig übersetzt von Cornelius Hartz), das den Leser über­wältigt und lange nach­hallt. Es schildert über­zeugend die Wandlung zweier gänzlich unglei­cher Frauen. Die ältere wird unvor­bereitet aufs Äußerste gefordert, sie entdeckt in sich ungeahnte Fähig­keiten, erkennt die Ober­flächlich­keit und Belang­losig­keit ihrer vielen bishe­rigen Jahre und findet eine neue Lebens­perspektive. Ähnlich, aber gegen­läufig verlässt die tief frus­trierte Rangerin Debra Lewis den Fluchtort in den Bergen, an dem sie sich aufge­geben hatte, und schöpft neue Hoffnung, um ein neues Leben zu beginnen. Alles an diesem Roman schreit nach einer Verfil­mung – der Plot, die Protago­nistinnen und andere pitto­reske Figuren, die undurch­dring­liche, detail­liert beschrie­bene Natur­kulisse, die geheimnis­volle, bedroh­liche Atmos­phäre, der berüh­rende Schluss.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2020/2021 aufgenommen.


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