Rezension zu »Die Liebe Geld« von Daniel Glattauer

Die Liebe Geld

von


Gehobenes Boulevardtheater über das neue Image der Banken und einen Kunden, der nichts will als sein Geld abzuheben.
Komödie · Zsolnay · · 112 S. · ISBN 9783552072039
Sprache: de · Herkunft: at

Die Bank, dein Freund und Helfer

Rezension vom 04.02.2021 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Daniel Glattauer, 1960 in Wien geboren, kommt aus dem Journa­lismus, wurde mit humoris­tischen Kolumnen populär und durch unterhalt­same Romane und Theater­stücke inter­national bekannt. Seine neueste Komödie wurde am 24. September 2020 im Theater in der Josef­stadt in Wien urauf­geführt. Drei Tage zuvor hatte sie bereits in den Buchläden zum Verkauf gestanden.

Der Titel des Stücks verrätselt dessen Inhalt erfolg­reich. Geht es um (die) Liebe und auch um (das) Geld, wie sie irgendwie zusammen­hängen, oder geht es um das liebe Geld? Der verquere Artikel gibt kein Geheimnis preis.

Der Plot des Vier-Personen-Kammerspiels ist mager. Ein Herr mittleren Alters benötigt Bargeld, um seiner Gemahlin ein Geschenk zu kaufen. Doch der Geld­automat verwei­gert standhaft die Auszah­lung. Der Bankkunde sucht die Schuld zunächst bei seiner eigenen techni­schen Insuf­fizienz, bevor er sich Rat suchend in die heiligen Hallen des Geld­instituts wagt. Dort bindet man ihm gewaltige Bären auf, um die kalten Eigen­interes­sen der Geschäfts­politik zu ver­schleiern und dem Kunden statt­dessen mit blumen­reichem Wortge­klingel ein absurd verloge­nes Image der Philan­thropie unterzu­jubeln. Die starken Übertrei­bungen und dass der Bitt­steller einschließ­lich seiner Ehefrau auf die dreiste Phrasen­dresche­rei herein­fallen, machen das komödian­tische Bühnen­stück zur Groteske.

In Zeiten von Null- und Negativzinsen, in denen Spargut­haben dahin­schmelzen, speku­lative Anlage­modelle verbrannt sind und Banken nach innova­tiven Einnahme­quellen Ausschau halten müssen, rufen die Themen Geld und Geld­institute nicht nur Psycho­logen und Analysten als Berater auf den Plan, sondern sind auch ein gefun­denes Fressen für Satiriker. Wer kennt nicht die teuren Werbe­spots zur besten Sendezeit, in denen optimis­tische junge Frauen von schön bebil­derten Lebens­zielen säuseln (»Freunde finden«), um die Zuschauer am Ende in einen Hort der Menschen­freund­lichkeit zu lotsen: eine Bank­filiale! Solche Zwanzig-Sekunden-Poesie kann man problem­los als real­satiri­sche Lach­nummer rezipie­ren.

Ein schönes Thema also auch für einen amüsanten Sketch auf der Bühne. Daniel Glattauers Komödie währt freilich länger als zwanzig Sekunden, nämlich etwa einein­halb Stunden, und ich frage mich, ob ihr Konzept so lange ermüdungs­frei zu unter­halten vermag. Jeden­falls kommt der satiri­sche Esprit in der mir vorlie­genden Druck­ausgabe nicht ganz so über­zeugend rüber wie dem Wiener Theater­kritiker vom »Kurier« (»bitter­böse Banken­groteske … wunderbar irrwit­ziger, grotesker Spieß­rutenlauf eines ›kleinen Mannes‹ im Kampf um sein Geld und seine Rechte«). Was man auf der Bühne live mit-erlebt, erzeugt in gedruck­ter Form freilich nicht unbedingt die selben Effekte. Das eigene Kopfkino produ­ziert trotz Regie­anwei­sungen einen eigenen Film. Doch Höhen­flüge in »kafka­eske Ausweg­losigkeit«, wie sie die »Wiener Zeitung« lobpreist, kann ich nicht nachvoll­ziehen.

Was das Stück bietet, ist angenehme Unterhaltung. Wir finden allerlei Seiten­hiebe gegen Tücken unseres Alltags wie techni­sche Unzu­länglich­keiten, telefoni­sche Warte­schleifen, fehlende mensch­liche Betreuung (»Frau Magister Drobesch ist gerade in einer Zoom-Konferenz.«). Wir schmun­zeln über die zuge­spitzte Diskre­panz zwischen dem banalen Anliegen, an das eigene Geld zu kommen, und der arro­ganten Anmaßung der Finanz­verwalter, die es für eigene Zwecke entführen. Witzig ist, wie hilflos der Kunde dem mehr oder weniger geschick­ten Jong­lieren mit Wort­hülsen und Allgemein­plätzen ausge­liefert ist (»Ihr Geld ist derzeit nicht da … es ist … unterwegs … sozusagen auf Geschäfts­reise.«). Hübsch sind die phantasie­vollen Exkurse über Anlage­formen (»jeden­falls nicht in den Sand gesetzt«), über Aktien­kurse (»Knie­beugen in den USA … Auf und Ab«). Satire glitzert auf bei der Dreis­tigkeit, mit der die Manager den Spieß umdrehen, dem Kunden Schuld­gefühle ein­flüstern, ihn mit einem haltlosen, aber kreativen Narrativ über­rumpeln. Und natürlich sind wir gespannt, wie die Sache wohl ausgehen mag. Für die notge­drungen ausblei­bende Theater­atmosphäre entschä­digen uns manche Formu­lierungs­schätz­chen in den Regie­anwei­sungen (»Henrich verlässt mit gesenkten Schultern den Ort seines stillen Schei­terns.«).

»Die Liebe Geld« ist ein nettes Spielchen um moderne Alltags­probleme und Zeit­phäno­mene. Es berührt aktuelle Themen (auch die Stich­wörter Trump und Corona fallen), bleibt aber heiter an der Ober­fläche. Schließ­lich erwartet hier auch niemand bedeut­same Erkennt­nisse. Handlung und Dialoge sind keine humoris­tischen Knaller, aber durchaus spaßiger als der merk­würdig konstru­ierte, wider­spenstige Titel.

Und wo es schon ums liebe Geld geht: Achtzehn Euro für 105 Dialog­seiten sind kein Schnäppchen.


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