Rezension zu »Die Wahnsinnige« von Alexa Hennig von Lange

Die Wahnsinnige

von


Moderne (feministische) Interpretation der Königin Johanna I. von Kastilien als Opfer ihrer übermächtigen Eltern (los Reyes Católicos), ihres Ehemannes (Philipp der Schöne), ihres Sohnes (Karl V.) und des (durchweg männlichen) Machtapparates des spanischen Weltreichs
Historischer Roman · Dumont · · 208 S. · ISBN 9783832181277
Sprache: de · Herkunft: de

Arme Königin

Rezension vom 26.01.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Königskinder sind noch nie zu beneiden gewesen. Aber mit Juana, die 1479 als Prin­zessin geboren wurde, kann man nur Mitleid haben. Das Mädchen hatte Eltern von so heraus­ragender welt­politi­scher Bedeutung, und so viele wider­strei­tende Inter­essen­gruppen zerrten und schubsten von allen Seiten, dass ihr wenig Spielraum für ein Eigenleben blieb. Als »wahn­sinnig« gebrand­markt, musste sie 46 ihrer 76 Lebens­jahre in Gefangen­schaft zubringen, drang­saliert und gefoltert.

Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange erzählt das Leben dieser unglück­lichen Königin Johanna I. von Kastilien aus heutiger Sicht und relati­viert dabei deren Beinamen »la loca« (»die Wahn­sinnige«, präziser »die Närrische«). Sie porträ­tiert sie als eigen­willige, emotio­nale, impul­sive und wenig anpas­sungs­bereite Frau und Regentin, deren Lebens­umfeld ihr derart zusetzt, dass sich Verzweif­lung und Wut Bahn brechen. Wie im Europa jener Zeit nicht anders zu erwarten, geben einfluss­reiche Männer den Ton an, getrieben von starken persön­lichen Macht­inter­essen und/oder denen ihrer Institu­tionen. Johannas auffäl­liges Wesen (»Ich bade grund­sätzlich nicht. Ich beichte nicht. Ich esse nicht. Ich gehorche nicht. Und ich bin keine Mutter.«) macht es ihnen leicht, sie öffent­lich zu diskredi­tieren und aus dem Weg zu räumen. Die feminis­tische Perspek­tive liegt der Autorin neben dem persön­lichen Schicksal ihrer Titel­figur am Herzen.

Johannas Eltern waren die bis heute gerühmten »Katholi­schen Könige« Isabella I. von Kastilien (1451-1504) und König Ferdinand II. von Aragón (1452-1516). Sie führten ihre beiden Reiche gemeinsam und legten damit das Fundament für das spätere König­reich Spanien. Sie förderten die Expedi­tionen eines Kolumbus und stellten damit die Weichen für das gewaltige Kolonial­reich mit unermess­lichen Reich­tümern, über das ihr Enkel Karl V. herrschen würde. Die streng religiö­sen Herrscher vertrie­ben die Mauren nach Jahrhun­derten von der iberi­schen Halbinsel (»Recon­quista«), verfolg­ten unnach­giebig Juden und Muslime in ihrem Reich und führten die Inqui­sition ein. Für ihren Glaubens­eifer verlieh ihnen der Papst den Ehren­titel »los Reyes Católicos«.

Es ist verständlich, dass sich das weit­sichtige Monarchen­paar für die Fort­führung seiner Politik eine fähige Nachfolge sichern will. Als drittes ihrer Kinder wird 1479 Johanna geboren und nach dem frühzei­tigen Tod der Geschwis­ter zur Thron­folgerin. Alexa Hennig von Lange schildert, wie das Mädchen unter dem Kuratell ihrer macht­besesse­nen Mutter Isabella, »der Gläubig­sten aller Gläubigen«, zur Herr­scherin geformt werden soll, jedoch Wider­stand leistet. Johanna verspürt keinerlei Wunsch, jemals zu regieren, lehnt höfisches Zeremo­niell ab, teilt den fanati­schen Glauben ihrer Mutter nicht (»eine zukünf­tige Monarchin, die nicht beten und nicht beichten wollte und nur selten im Alten Testament las«) und hasst die von ihr insze­nierten Schau­prozesse, um Ketzer hinrich­ten zu lassen. Weder mit Strenge noch mit Züchti­gungen ist der wider­borstigen Tochter beizu­kommen.

Ein erfolgreicher Schachzug in der royalen Macht­politik ist im Jahre 1496 die Verhei­ratung der Siebzehn­jährigen mit einem Habs­burger, dem ein Jahr älteren Sohn des römisch-deutschen Königs und späteren Kaisers Maxi­milian I.. Zwischen Johanna und Philipp, seit 1482 Herzog von Burgund und als »der Schöne« charak­terisiert, entbrennt eine leiden­schaft­liche Liebe. Aber sie hält Philipp nicht von seinen Eskapaden ab, was bei Johanna Nerven­zusammen­brüche, rasende Eifer­sucht, Enttäu­schung und Oppo­sition auslöst. Weder Philipp noch ihre kalt­herzige Mutter haben dafür das geringste Ver­ständnis. Vielmehr sperrt Isabella sie ein, so dass sie ihrem Mann nicht in sein Herzogtum Burgund nach­reisen kann. Während sich Johanna ihres vollkom­menen Ausge­liefert­seins bewusst wird, spricht ihre Mutter ihr jegliche Fähigkeit zu herrschen ab. Der einfluss­reiche Bischof Juan Rodríguez de Fonseca bestätigt den mütter­lichen Eindruck ihrer Unzuläng­lichkeit und führt den Beweis dazu: Johanna sei »ihrem Mann verfallen«, »eifer­süchtig«, »melan­cholisch«, »unein­sichtig«, »nicht steuerbar«, »geistes­krank«, »wahn­sinnig«.

Als Isabella die Katholische 1504 unerwartet früh stirbt, tritt Johanna die testamen­tarisch festge­legte Regent­schaft an, und ihr schöner Ehemann wird nach dem elter­lichen Vorbild nominell ihr Mitkönig. Doch nun ent­wickelt sich eine erbit­terte Feind­schaft zwischen den Männern an der Seite der ange­schla­genen Königin, die bereits als »la loca« bekannt ist. Philipp und ihr Vater Ferdinand II. kämpfen und intri­gieren um die Vorherr­schaft, bis Philipp schon 1506 mit 28 Jahren stirbt. Für kurze Zeit will Johanna eigen­ständig herrschen, kann ihre politi­schen Vorstel­lungen aber nicht gegen Ferdinand und die Kirchen­fürsten durch­setzen. Zwar bleibt sie bis zu ihrem Tod (1555) formell als Königin anerkannt, doch ihr Vater hat das Macht­vakuum für sich ausge­nutzt und führt fortan die Regie­rungs­geschäfte. 1509 lässt er seine Tochter in ein Klarissen­kloster bringen, das sie nie mehr verlassen wird.

Aus Johannas Ehe gingen sechs Kinder hervor, die ihrerseits allesamt bedeu­tende euro­päische Macht­figuren wurden, darunter Karl V. (Carlos) und Ferdinand I. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Begründer der spani­schen bzw. öster­reichi­schen Linie des Hauses Habsburg. Nach Ferdi­nands Tod (1516) machte Johanna den sechzehn­jährigen Carlos zum Mit­regenten in Kastilien, León und Aragón, vertei­digte aber ihren Vorrang als Königin, etwa indem sie alle Dekrete und Verträge an erster Stelle unter­zeichnete. Dennoch blieb sie im Grunde machtlos, im Kloster einge­kerkert (zusammen mit ihrer Tochter Katharina) und jeder Willkür ausge­liefert. Sie wurde »gefoltert, um aus mir den Wahnsinn hervor­zulocken, der angeblich der Grund für meine Gefangen­schaft ist. […] Doch ich bin ruhig geblieben. […] Meine Ruhe macht ihnen Angst.«

Alexa Hennig von Langes Roman setzt im Jahr 1503 ein. Aus zarter Distanz erzählt sie in der 3. Person und führt uns in berüh­render Weise nahe an das komplexe Wesen ihrer Titel­figur. Deren oftmals un­gewöhn­liches, störri­sches Verhalten wird weder vertei­digt noch vorge­führt, aber eben nicht einfach als Wahnsinn abge­stempelt, wie es dem patriar­chalisch geprägten Umfeld opportun war. Vielmehr akzen­tuiert die Autorin Johanna als kluge, voraus­schau­ende Frau mit Weitblick, die moderne Ansichten vertritt. Willens­stark, selbst­bewusst, kämpfe­risch und freiheits­liebend, gleich­zeitig sensibel und emotional, wendet sie sich furchtlos gegen den rigiden Regie­rungs­stil ihrer Mutter mit dem verhass­ten Zwang zu Unter­drückung und Tötung vieler Unter­tanen . Statt­dessen möchte sie als Herr­scherin ihren Traum einer freieren und friedli­cheren Welt verwirk­lichen und »ihre Beziehung zu Philipp und ihre Zukunft als gleichbe­rechtigte Ehefrau neu gestalten«, und all das »ohne Kompro­misse«. Als sie ihre Macht­losig­keit erkennen muss, schlagen ihre Gefühle um, und ebenso kom­promiss­los ent­schließt sie sich nun, den Ehe­brecher zu ver­nichten, seine Politik zu revi­dieren, ja ihn zu töten, und sehnt sogar den eigenen Tod herbei, um endlich frei zu werden.

Dem Roman ist ein (fiktiver) Brief der Königin an ihre achtzehn­jährige Tochter Katharinavoran­gestellt, in dem sie ihr Erkennt­nisse ans Herz legt, die sie gern selbst schon in deren jugend­lichem Alter gewusst hätte. Sie ermahnt sie (die neue Königin von Portugal), in sich »den Frieden und die Freiheit zu finden, wenn die Welt dabei ist, sich selbst zu zerstören. […] Die Menschen bekämpfen und ermorden sich in ihrem Streben nach Macht, Reichtum und Bedeutung«, doch dabei sei noch niemand glücklich geworden. »Mein Wider­stand gegen ihren Wahnsinn hat mich hierher­gebracht. Du kannst die Welt nicht verändern, aber Dich.«

Dies ist zwar ein historischer Roman, doch er histo­risiert nicht. Er schlägt mit seiner modernen Sprache und Perspek­tive eine Brücke in das frühe sech­zehnte Jahr­hundert und erzählt Geschichte als leben­diges, wendungs­reiches Leben einer heraus­ragenden Frauen­persön­lichkeit. Aus den inneren Höhen, die sie durchlebt, zieht sie Selbst­sicher­heit, doch die Realität zwingt sie danach rasch zu der Erkennt­nis, dass sie Illusio­nen erlegen und lediglich Spielball in einer Welt der Männer ist: Der eigene Vater, der eigene Ehemann, bestech­liche Adlige, macht­hungrige Bischöfe ziehen darin die Fäden. Verraten, hinter­gangen, gede­mütigt, einge­sperrt und gequält, hat Johanna keine Kraft, sich zu wider­setzen. War sie wirklich »wahn­sinnig«, wie sie vor ihren Unter­tanen hinge­stellt wurde? Eine einfache Antwort kann die Autorin ebenso wenig geben wie zahllose Histo­riker, die seit jeher die Quellen daraufhin studiert haben.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2020/21 aufgenommen.


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