Rezension zu »Das Geschenk« von Sebastian Fitzek

Das Geschenk

von


Milan Berg hat (neben vielen aktuellen Nöten) ein Langzeitproblem an der Backe: Er ist Analphabet. Fatal, dass ein Mädchen in Lebensgefahr ausgerechnet ihm einen Hilferuf schreibt.
Psychothriller · Droemer · · 368 S. · ISBN 9783426281543
Sprache: de · Herkunft: de

Das Böse im Blut

Rezension vom 17.11.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Welcher Begriff kommt heutzutage wohl jedem als erster in den Sinn, wenn das Stichwort »Weihnachten« fällt? Das wird der sein, mit dem Sebastian Fitzek seinen neuesten Thriller betitelt hat. Er korres­pon­diert auch trefflich mit der Saison, in der das Buch in den Schau­fenstern präsentiert wird. Immer dichtere Menschen­scharen werden sich in den nächsten Wochen in den Buch­hand­lungen tummeln, mit nur einem verzwei­felten Gedanken im Kopf: »Ein Geschenk muss her!« Und was liegt da näher als den Gegenstand zu ergreifen, auf dem die erlösenden Worte prangen: »Das Geschenk«.

Hoffentlich ist sich jeder Spontankäufer im Klaren darüber, was er da unter den Weih­nachts­baum zu legen gedenkt. Bei manch zart besaitetem Patenkind oder Groß­mütter­chen könnte das literari­sche Schätzchen blankes Entsetzen auslösen. Denn dieser Autor kennt keine Hemmungen. Seine Werke sind durch und durch blutrünstig, grausam und schamlos. Nach kaum drei Seiten hat man schon die erste Massen­vergewalti­gung hinter sich gebracht – die schauder­liche Begrüßung für den Protago­nisten in der JVA Berlin-Tegel. Drei­hundert­fünfzig Seiten haben er und wir noch vor uns.

Glücklicherweise kann der abgebrühte Kleinkriminelle Milan Berg (28) die in Aussicht gestellte Fort­führung seiner Folter­qualen abwenden, indem er den zudring­lichen Mit­bewoh­nern seine Vorge­schichte auftischt. Empfind­samen Fitzek-Novizen verschafft das eine Ver­schnauf­pause ohne neuerliche Sadismen, während abgebrühte Fans sich vorerst langweilen werden. Milan sitzt wegen einer infamen Ver­brechens­masche ein. Erst wählt er sorgfältig ein Opfer aus, dann ruft er es an. Als vorgeb­licher Polizist warnt er es vor einem Psycho, der dem Kommis­sariat leider durch die Lappen gegangen sei. Schließlich taucht er mit über­gestülp­ter Sturmhaube auf, nimmt sein Opfer als Geisel und erpresst ein Lösegeld.

Doch bei Andra Sturm gerät er an die Falsche. Die Kellnerin im »All-American Diner« ist gut vorbereitet, als Milan sie kurz vor Feierabend bei der Abrechnung überrascht. Kurzerhand brät sie ihm den bereit­gehal­tenen Base­ball­schläger über den Schädel – aus Milans Sicht »Liebe auf den ersten Hit«. Im wahren Leben hätte Andra jetzt die Polizei gerufen, aber in Fitzeks Fiktion kommen sich die beiden näher. »Ein hübscher Kerl wie du mit so einer kreativen Intelligenz. Wieso machst du so einen Scheiß und hast keinen normalen Beruf?« Das sind Andras erste Worte, als Milan auf dem Büro-Sofa wieder zu sich kommt, und sie treffen den Nagel auf den Kopf.

Denn mit »kreativer Intelligenz« hat sich Milan seit Schulzeiten durchs Leben gemauschelt. Sein Haupt­anlie­gen: vertuschen, dass er weder lesen noch schreiben gelernt hat. Die Hausauf­gaben ließ er von Mitschülern anfertigen, vor Diktaten drückte er sich, mit Formularen konnte er nichts anfangen, auf Bewerbungen musste er verzichten. Mangels Zugang zu Hartz IV und richtigen Jobs versuchte er, seinen beschei­denen Lebens­wandel auf die krumme Tour zu finan­zieren.

Mit Andra könnte sich sein Schicksal wenden. Sie setzt sich bei ihrem Chef für ihn ein, und der, beeindruckt von Milans foto­grafi­schem Gedächtnis, stellt ihn tatsächlich ein. Aber die große Chance, sich jetzt endlich mutig als Analphabet zu outen und sein Manko zu beheben, vermag Milan nicht zu ergreifen. Die jahrelange Scham hatte sich »wie ein Tattoo … in seinem Gemüt festgesetzt«.

Leider hat sein Unvermögen schlimme Folgen auch für andere. An einer roten Ampel hält ihm ein Mädchen im Auto nebenan einen beschrie­benen Zettel entgegen. Obwohl er die »Hiero­glyphen« nicht entziffern kann, signali­siert ihm die offen­sicht­liche Panik der etwa Dreizehn­jährigen, dass sie sich tödlich bedroht fühlt. Ein »gemeinsames Band, gewebt aus psychischen Grausam­keiten«, verbindet ihn mit ihr. Er informiert Andra über seinen Verdacht, eine Entfüh­rung beobachtet zu haben, und die beiden gehen der Sache nach.

Damit nimmt die Handlung des Psychothrillers gewaltig Fahrt auf. Zwischen­durch erfahren wir, aus unter­schiedli­chen Perspek­tiven zurück­blickend, Szenen aus Milans Kindheit. Es sind verstörende Details über Tier­quälerei, Ver­gewalti­gung, Brand­stiftung und Mord, die suggerieren, dass in ihm das Böse schlechthin stecke. In seinem eigenen Gedächtnis wabern jene Ereignisse nur nebel­verhan­gen, zumal er zeitweise im Koma gelegen hatte. Mit jeder Episode aus der Ver­gangen­heit und jeder neuen Wendung in der Gegenwart gesellen sich neue Personen, neue Motive, neue Hand­lungs­fäden hinzu, um sich am Ende irgendwie zu einem Charakter­bild zusam­menzu­fügen – oder im Nirwana zu verlieren. Dem Leser schwirrt jedenfalls der Kopf, aber schlimmer ergeht es Milan, der im Zentrum dieses Strudels zum Spielball aller geworden ist. Die einen wollen helfen, die anderen haben Böses im Sinn.

Übrigens – das sei doch noch richtiggestellt – hat der Titel mit Weihnachten nichts zu schaffen. Vielmehr überreicht ein geheimnis­voller Alter eines Abends im »All-American Diner« unserem Pro­tagonis­ten eine kleine Papp­schach­tel mit Pillen darin als »Geschenk«. Wenn Milan das Medikament täglich einnehme, »werden Sie vielleicht wieder lesen können«, sagt er dazu. So verrückt der Mann Milan erscheint, so gibt ihm doch zu denken, dass er seinen Namen und sein Geheimnis kennt. Dann erinnert sich Milan an ein Abenteuer­buch aus seiner Jugendzeit. Es erzählte von zwei Kindern, die eine codierte Sprache aus Buchstaben und Zahlen erfanden. Milan und seiner damaligen Jugend­freundin gefiel das, und sie benutzten das Buch und den Code, um vertraulich miteinander zu kommuni­zieren.

Sebastian Fitzeks Markenzeichen findet man auf vielen Seiten und in allen Hand­lungssträn­gen. Es sind seine fantasie­voll detail­lierten Ausfüh­rungen über körperliche Qualen, psycho­pathi­sche Obses­sionen, zugerich­tete Leichen, allesamt irrwitzige Szenen für des Lesers Kopfkino. Wozu etwa sammelte der Opa einst auf seinen Wald­spazier­gängen lebende Zecken ein? Darauf muss man erst einmal kommen: Wenn Oma ihren Haushalt nicht richtig in Ordnung hielt, strafte er sie, indem er ihr die Tierchen ins Müsli rührte. War ein Hemd schlecht zusam­menge­faltet, fesselte er seine Ange­traute, klebte ihre Augen­lider oben fest und plat­zierte die Biester auf ihre Augen­äpfel.

Spätestens bei solch aberwitzigen Delikatessen sadisti­scher Fantasie ahnt man, dass der Autor nicht ernst meinen kann, was er da an Unvor­stellba­rem zu Papier bringt. Vielmehr, so scheint es, amüsiert er sich selbst am meisten bei dem raffi­nierten Spiel, das er mit seinen Lesern treibt. Die treuen Fans wollen mit allen Sinnen in Welten einge­taucht werden, die man glück­licher­weise nicht in unserer Realität verorten muss, und sie genießen dort einen Schauder, den andere Leser nicht nach­voll­ziehen können und wollen. Es handelt sich aber nur um ein ober­flächli­ches Dekor, hinter dem nichts weiter steckt – weder ein literari­sches noch ein gesell­schafts­bezoge­nes Konzept. Im Nachwort verklau­suliert Fitzek die Namen derer, denen er Dank schuldet, im Code seines Pro­tagonis­ten und wünscht uns »viel Spaß« beim De­chiff­rieren, fügt aber gleich hinzu, dass sich ja doch nur »arme Irre« dieser Mühe unter­ziehen würden.

Jedem Fitzek-Neuling, der dieses »Geschenk« unterm Baum findet oder es sich tapfer gönnt, sei eine robuste Ader für dessen eigen­willige Ironie gewünscht. Sie ist nicht jeder­manns Sache.


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