Rezension zu »Berliner Zimmer« von Sepp Mall

Berliner Zimmer

von


Belletristik · Haymon · · Gebunden · 188 S. · ISBN 9783852187211
Sprache: de · Herkunft: at

Spurensuche im Jetzt und im Damals

Rezension vom 09.05.2012 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Erst als sein Vater gestorben ist, wird Johannes, dem Ich-Erzähler, plötzlich bewusst, dass er einen Teil der ihm unbekannten, unwiederbringlichen Vergangenheit für immer verloren hat. Im Gegensatz zum älteren Bruder Gregor hat Johannes das elterliche Haus und die Heimatstadt in Südtirol nach dem Abitur verlassen. Zusammen mit der dreizehnjährigen Tochter Alma lebt und arbeitet er als Lehrer in unverbindlicher Distanz zur Familie, die sich gerade mal zu den jährlichen Feiertagen notwendigerweise zusammenfindet.

Gregor steht dem Vater näher; er tritt in dessen Fußspuren, wird Politiker und strebt das Amt des Bürgermeisters an. Als der Vater an einem Hirntumor erkrankt, zieht sich Gregor zurück, versenkt sich in seine Aufgaben für die Öffentlichkeit, die ihm kaum Zeit für Krankenhausbesuche und Arztgespräche lassen. So reist Johannes an – oft in Begleitung seiner Tochter – und trägt die alleinige Verantwortung.

Einfühlsam beschreibt der Ich-Erzähler den Verfall des einstmals ordnungsliebenden, autoritären Vaters. Zeit seines Lebens war er ein stiller, nicht sehr mitteilsamer Mann gewesen, und so lässt er auch die Krankheit mit allen Behandlungen über sich ergehen. Wohin sie ihn führt, ist ihm klar: Einmal erwähnt er seinem Sohn gegenüber, er habe sich soeben "das Dunkel" vorzustellen versucht – "für später"; sein Sohn könne dies noch nicht verstehen. Alma ist eine kluge Beobachterin. Sie ist fest davon überzeugt, dass ihr Großvater genau weiß, wie es um ihn steht, und umso mehr ärgert sie, dass man ihm nicht die Wahrheit sagt.

Alma ist es schließlich, die ihren Vater wachrüttelt, ihm Fragen stellt: "Hast Du gewusst, dass er [Großvater] bei den Nazis war? [...] Hat er jemanden umgebracht in diesem Krieg?" (S. 41 f.). Doch Johannes weiß nichts aus jener Zeit, und seine Mutter hat alle Akten, Alben und sonstige Unterlagen vernichtet. Jetzt ist sie an Demenz erkrankt; keiner will es wahrhaben. Der mittlerweile leicht depressive Gregor hat sich bei ihr verkrochen – und weiß von einer Frau in Berlin.

Dieser Spur folgt Johannes, als sich ihm anlässlich der Teilnahme an einem Schulkongress in Berlin die Gelegenheit bietet. Und tatsächlich findet er Klara, die Liebe seines Vaters, die nur einen einzigen Tag währte. Bis heute hat Klara auf ein Zeichen gewartet; gern hätte sie den damals 18-jährigen Soldaten Erwin mit dem seltsamen Dialekt wiedergetroffen ...

Sepp Mall fesselt den Leser von Beginn seiner kleinen Erzählung an durch seine feine Beobachtungsgabe und vor allem seine Phantasien, die er mit präziser Wortwahl ausbreitet. Bereits die Eingangsszene weitet sich ins Surreale: Der Dauerregen "über unserer Stadt", so malt es sich der Erzähler aus, führt uns geradewegs in eine Zukunft auf dem Wasser, voller Lastkähne, Boote und Fähren ... Diese Vision wird unterbrochen von einer nicht minder gespenstischen Szene: Ausgerechnet Gregor, der rationale Machtmensch, scheint seinen Verstand verloren zu haben. Ein penetrantes Klingeln an seiner Tür entsetzt ihn – denn der da vor der Tür steht und Einlass fordert, sei niemand anders als der Vater – der doch seit zwei Monaten verstorben ist.

Eingestimmt und vorbereitet durch derlei Beobachtungen, Begebenheiten, Szenerien, erwartet uns schließlich eine überraschende, beeindruckende Art der verfremdenden Stilisierung und Perspektivierung. Der Erzähler lässt den Vater doppelt wieder ins reale Leben zurückkehren. Als junger Soldat erlebt er den Bombenhagel Berlins; gleichzeitig wird er als alter, kranker Mann in einem Berliner Krankenhaus sterben. Simultan erzählt Mall die Handlung auf vier Ebenen in zwei ineinanderfließenden Zeitperioden.

Eine sicher außergewöhnliche Art, Abschied zu nehmen. Johannes geht es wie vielen von uns. Wir leben als selbstbestimmte Individuen unsere Interessen aus, werden durch einen Beruf und vielleicht eine Familie eingebunden. All das füllt uns restlos aus. Erst nach dem Tod eines Angehörigen empfinden wir nicht nur dessen physischen Verlust, sondern erleben zum ersten Mal die Notwendigkeit der Suche nach etwas, das wir festhalten können. Was bleibt, sind oft nur Andenken, Erinnerungen und Fragen nach der Vergangenheit: Wie war dieser Mensch, als er selber jung war?


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