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Rezension zu Viet Thanh Nguyen: »Der Sympathisant«

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Der Sympathisant

Spionageroman · Blessing · · Gebunden · 528 S. · ISBN 9783896675965
Sprache: de · Herkunft: us

Bewertung: 5 Sterne
Ich habe nichts getan

Rezension vom 24.10.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Autor Viet Thanh Nguyen wurde 1971 in Südvietnam geboren, floh kurz vor dem Fall Saigons mit Eltern und Bruder in die USA, promo­vierte später in Berkeley in Anglistik und ist somit weit­gehend als Amerikaner geprägt. Aber seiner vietname­sischen Wurzeln war er sich immer bewusst. Sie spiegeln sich in seinem 2016 erschie­nenen, jetzt von Wolfgang Müller über­setzten Debüt­roman »The Sympathizer« Viet Thanh Nguyen: »The Sympathizer« bei Amazon , der nicht nur erhebliches Aufsehen erregte, sondern auch gleich mit dem Pulitzer-Preis ausge­zeichnet wurde.

Nun gibt es bereits genug beachtliche und ernst zu nehmende Literatur und Filme über das dunkle Kapitel des Vietnam-Krieges. Doch alle kreisen im Wesent­lichen um die Traumata, die Amerika erlitten hat. Viele Werke setzen den erbar­mungs­losen amerika­nischen Vernich­tungs­aktionen Bilder vom Herois­mus des patrio­tischen US-Soldaten entgegen, der die Freiheit eines fernen Landes unter Einsatz seines Lebens vertei­digt. Sein Feind ist der Vietcong, anfäng­lich kleine revolu­tionäre Partisanen­gruppen des kommunis­tischen Nordens, schlecht ausge­rüstet, aber geschickt im Guerilla­kampf im Dschungel, wo sie nahezu unsicht­bar und nicht weniger erbar­mungs­los agieren. Weder die Entlaubung ganzer Land­striche noch die Vernich­tung ziviler Dörfer kann ihren Vormarsch nach Süden stoppen.

Als die kommunistischen Truppen Ende April 1975 die südviet­name­sische Haupt­stadt Saigon einnehmen, setzt ein drama­tischer Exodus ein. Soldaten und Zivil­isten, die Bezie­hungen, Schmier­gelder oder Kraft genug haben, drängen in die letzten Armee­hubschrau­ber, die unter heftigem Beschuss Saigon verlassen. Erschüt­ternde Fernseh­bilder von der Evakuie­rung tragen Amerikas Schmach um die Welt.

Viet Thanh Nguyens Roman ist erstaunlicherweise der erste, der die Vorgänge aus der Sicht eines Vietname­sen schildert. Aber er zeichnet nicht einfach ein Gegenbild zu den amerika­nischen Epen, sondern ein komplexes Bild der Wahrheit, die umso schwerer zu fassen ist, als sie aus der schillern­den Perspek­tive einer viel­fach gebroche­nen Persön­lichkeit berichtet wird. »Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern, [...] ein »Mann mit zwei Seelen«, so bekennt sich der Prota­gonist ohne Namen gleich in den Eingangs­sätzen zu seiner dubiosen Rolle.

Mit der Selbstbezichtigung beginnt der Mann seine Niederschrift, ein gefor­dertes Geständ­nis, das er als Häftling in einem kommunis­tischen Um­erziehungs­lager zu verfassen hat. Der Süd­vietna­mese kam nach Kriegs­ende in Amerika mit revan­chisti­schen Gruppen in Kontakt und wurde beauf­tragt, eine Hand­voll Männer in das Vereinte Vietnam einzu­schmug­geln, wo der Wider­stand gegen das neue Regime angesta­chelt werden soll. Dass es sich dabei um ein »Himmel­fahrts­kom­mando« handeln würde, war allen klar; dass es tatsäch­lich eines wurde, dafür sorgte der Anführer selber, indem er das Vorhaben an den Vietcong verriet.

Trotz dieser Tat muss er im Lager seine wahre Gesin­nung beweisen. Um der Erwar­tungs­haltung des Komman­danten entgegen­zukom­men, biegt er die Wahrheit kräftig zurecht. Denn natür­lich passt es besser zu einem aufrech­ten Klassen­kämpfer, dass er in Saigon sein Dasein in einer streng bewach­ten Einzel­zelle habe fristen müssen, als zu enthüllen, dass er als rang­hoher Mitar­beiter der Geheim­polizei in einer noblen Villa samt eigener Putzfrau resi­dierte.

Doch ein feiger Duckmäuser ist der Erzähler nicht. Durchaus »aufmüpfig« beharrt er auf gewissen Haltungen – um den Preis, länger in Haft bleiben zu müssen. So weigert er sich, bestimmte Formulie­rungen aufzu­schreiben, die von ihm erwartet werden, etwa das pauschale Geständnis, er sei »vom Westen infiziert«, oder Parolen wie »Lang lebe Partei und Staat. Folgt dem glor­reichen Beispiel Ho Chi Minhs. Lasst uns eine wunder­bare, perfekte Gesell­schaft bauen!« Derlei »Klischees« zu Papier zu bringen erachtet er als ein »ebenso großes Verbrechen wie einen Menschen zu töten«. Zu gestehen, dass er einen Doppel­mord begangen hat, bereitet ihm dagegen keine Sorgen, denn die Opfer waren Klassen­feinde. In Einzel­haft und unter Folter bedrängt, endlich ein richtiges (anti­revolutio­näres) Verbrechen zu gestehen, insis­tiert er darauf, »nichts« getan zu haben. Damit verdrängt er aber seine Mit­verant­wortung an einer brutalen Gewalt­orgie.

Dieses Ereignis bildet eine der markanten Schlüssel­szenen für die Intention des Autors. Hehre Ideale wie Unab­hängig­keit und Freiheit werden von allen Parteien der politi­schen Aus­einander­setzung für eigene Vorteile miss­braucht. In Vietnam galt das für »Imperia­listen« und »Revolu­tionäre«: Kaum hatten sie das Land einge­nommen, setzten sie ein diktato­risches Regime ein, das den propa­gierten Idealen Hohn sprach. Millionen Menschen starben seit jeher in sinn­losen Kriegen für »Dinge [, die] weniger als nichts wert sind«, und nichts spricht dafür, dass das vergeb­liche Sterben ein Ende fände.

Wer und wie dieser doppelgesichtige Protagonist in seinem innersten Kern ist, ist nicht fassbar. Schon von seiner Geburt her emp­findet sich der Sohn eines französi­schen Priesters und einer vietname­sischen Mutter als »Bastard«, in dessen Brust zwei Herzen schlagen, der zeit seines Lebens kultu­rell zwischen Ost und West hin und her gerissen bleibt. Der Hölle Saigons entkommen, findet er sich in Kalifor­nien, wo die vietname­sischen Flücht­linge wenig willkommen sind. Allzu unüber­sehbar erinnern sie an die »schmerz­hafte Nieder­lage« der Nation. So fristen die Exilanten ein ärmliches Dasein. Ernied­rigt und desillu­sioniert träumen nicht wenige davon, in ihr Heimat­land zurückzu­kehren und die alten Verhält­nisse wiederher­zustellen. Dass mitten in seiner Gruppe ein Spion agiert, ahnt ein General, ohne zu wissen, dass es sich dabei um seinen innigsten Vertrauten handelt. Aus dessen doppelter Ver­pflich­tung – für die neuen kommu­nisti­schen Macht­haber in Vietnam und gleich­zeitig für ihre Feinde im Exil – entwickelt sich die knisternd spannende, wendungs­reiche Handlung des Romans.

Der Agent selbst scheint unfähig zu wahrer Solidarität oder auch nur persön­lichen Grund­satz­ent­schei­dungen. Der freie amerika­nische Lebens­stil sagt ihm ebenso zu, wie ihn dessen Unver­bindlich­keit abschreckt. Er verrät die Hoff­nungen seiner exilierten Lands­leute an die Kommu­nisten und im selben Atemzug seine eigenen kommu­nisti­schen Ideale zugunsten der west­lichen Konsum­gesell­schaft. Er foltert und tötet, wie man es von ihm verlangt, und wird in Gefangen­schaft selbst gefoltert, bis er gebrochen ist.

Anders als manche Vietnam-Filme setzt Viet Thanh Nguyen nicht auf die Horror­wirkung asiati­scher Brutalität. Drasti­sche Gewalt­beschrei­bungen sind selten und im Ton kühl distanziert. Mit süffisan­tem Unterton seziert er dagegen den American Way of Life. Manche Passagen – etwa zur »Disney-Ideologie« – kommen wie eine zynische Polit­satire daher. Dem Holly­wood-Geschäft gilt ein ganzer Handlungs­strang. Ein bekannter Film­regisseur (man denkt unweiger­lich an Francis Ford Coppola und Oliver Stone) plant den ultima­tiven Vietnam-Film »Das Dorf«, ein monströ­ses Epos über weiße Helden, »die gute gelbe Menschen vor schlechten gelben Menschen retteten«. Da er selbst Kriegs­gesche­hen nur aus den Filmen seiner Kind­heit kennt, engagiert er als »techni­schen Berater für Authen­tizität« aus­gerech­net unseren »Maulwurf«. Bei den Dreharbeiten auf einer philippi­nischen Insel ist Authen­tizität dann aber nur so weit erwünscht, dass »der Durch­schnitts­ameri­kaner sich seines eigenen Glücks bewusst wurde«. Die vom Berater bereitge­stellten Komparsen (eine Hundert­schaft armseliger boat people aus einem Flücht­lings­lager) brauchen nur die »Rolle der Unglück­lichen« zu spielen. Das wahre Kriegs­grauen der Abschlach­tungen, die schmerz­erfüllten Schreie der Zivilisten in Todes­angst wolle, so der Regisseur, niemand hören. »Das geht den Leuten am Arsch vorbei.« Der »Techni­sche Berater« knickt ein und leistet mit der Beschrän­kung auf Äußer­lich­keiten seinen Beitrag zur Propa­ganda: »Schaut her, wir haben auch ein paar Gelbe mitmachen lassen. Wir hassen sie nicht. Wir lieben sie.« Statt eines echten Anti­kriegs­films ist dieses Spektakel »nur ein Sequel zu unserem und das Prequel zum nächsten Krieg, zu dem Amerika berufen war«.

Und in der Tat haben ja Filme wie Apocalypse Now und Die durch die Hölle gehen nichts an Amerikas Militär­politik zu ändern vermocht. Trotz des verlore­nen, inzwischen als »Abnut­zungs­krieg« statt als »Ver­nich­tungs­krieg« be­schönig­ten Desasters sind die USA seither in zahl­reiche Krisen­regio­nen ein­mar­schiert, immer unter der Doktrin, den Ländern die Freiheit zu bringen.

Auch Viet Thanh Nguyens anregender Roman wird daran wenig ändern.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Herbst 2017 aufgenommen.


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»Der Sympathisant«
von Viet Thanh Nguyen
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