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Rezension zu »La grazia« von Aldo De Benedetti

La grazia

von Aldo De Benedetti


Ein junger Landbesitzer von der Küste verliebt sich in den Bergen in eine Hirtin, verführt sie und verspricht ihr die Ehe. Unglückliche Umstände hindern ihn an der Rückkehr zu ihr. Nun ist das schwangere Mädchen entehrt, und ihre Familie sinnt auf tödliche Rache. In letzter Minute wendet sich das Schicksal des todgeweihten Verführers, der seine aufrichtige Liebe beweisen kann.
Film · · 90 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien


Wahre Liebe

Rezension vom 26.02.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Film erzählt eine melodramatische Geschichte über Leidenschaft, Verrat und Schuld, vendetta und Ver­ge­bung. Am Ende siegt mensch­liche Größe und bringt die Erlösung.

Wie vielen sardischen Filmen liegen auch diesem Motive von Grazia Deledda (1871-1936) zugrunde, die drei Jahre zuvor den Literatur­nobel­preis erhalten hatte. Schon dreißig Jahre vorher hatte die Dreiund­zwanzig­jährige die Sammlung »Racconti sardi« Grazia Deledda: »Di notte« in »Novelle I« bei Amazon veröffent­licht, aus deren erster Erzählung »Di notte« 1921 das Libretto für eine Oper entwickelt wurde: »La Grazia. Dramma pastorale in tre atti«.

Der junge Elias Desole reitet aus seiner Heimat am Meer hinauf in die unwegsamen Berge, wo er Län­de­rei­en geerbt hat. Dort begegnet er der ernsten Hirtin Simona und macht ihr schöne Augen, doch sie bleibt un­nah­bar. Aus der Tändelei wird aufrichtige Liebe; Simona gibt sich ihm am Weihnachtsabend hin, und Elias verspricht ihr die Ehe. Auf seinem Weg zurück erfasst ihn eine Lawine, er wird gerettet und er­wacht in einer futuristischen Villa. Deren Herrin, eine verruchte femme fatale und zynische Herzensdiebin, ver­führt ihn und hält ihn bei sich. Endlich gelingt es Elias, sich von ihr zu lösen, und geläutert kehrt er zu­rück in seine Hei­mat.

Inzwischen hat Simona ihr gemeinsames Kind zur Welt gebracht, das eine Amme heimlich großzieht. Aber ihr Vater kommt hinter das Geheimnis und stellt sie zur Rede. Simona selbst fordert ihre beiden Brüder zur Rache auf: »Coraggio, vendicatemi!« Sie bringen Elias zu der Entehrten. Er berichtet ihr von seinem Schick­sal, beschwört seine ungebrochene Liebe zu ihr und fleht, sein Kind umarmen zu dürfen, ehe man ihn tötet. Die dramatische Schlussszene bringt ihm Gnade, wendet durch ein Wunder – ein göttliches Zei­chen – einen tragischen Ausgang ab, und die Liebe siegt.

Dies ist ganz sicher einer der schönsten und eindrucksvollsten italienischen Stummfilme. Kaum zu glauben, dass dieses Meisterwerk aus der einzigen verbliebenen, verrotteten Kopie zu einem zweiten Leben erweckt werden konnte. Auf Initiative der Tageszeitung »L’Unione Sarda« (Cagliari) wurde 2011 die sorgfältig res­tau­rier­te Fassung »La Grazia ritrovata – dal muto al sonoro« geschaffen.

Einen wichtigen Beitrag zur Wirkung leistet die Musik, die der Pianist Romeo Scaccia schrieb: eine pro­fi­lier­te Abfolge von pathetisch schwelgenden Dramen des großen Orchesters, Tango-Einlagen, sar­di­scher In­stru­men­tal­mu­sik, jazzigen Klavier-Intermezzi und einem großartigen Schlagzeugsolo, das den Herz­schlag der Heldin bis zu ihrer schicksalhaften Entscheidung spiegelt (ca. 26’-29’).

Die Filmtechnik ist auf der Höhe ihrer Zeit: eine neben einem Reiter fahrende Kamera, Aufnahmen in einem Lawinenabgang, gestochen scharfe Bilder von großer Dynamik im Freien wie in dunklen Höhlen oder In­nen­räu­men, dazu Studiokulissen von kühner Architektur. Regisseur Aldo De Benedetti versteht es meis­ter­lich, die Gefühle des Zuschauers zu stimulieren: minutenlange Einstellungen schmachtender, grim­mi­ger oder gram­vol­ler Blicke, große Schwenks über verschneite Bergmassive, rasche Schnitte, wenn es hektisch wird. Am anrührendsten ist die Weihnachtsszene (ca. 21’-25’): Die Musikanten treten mit organetto und launeddas fröhlich-feierlich musizierend in den großen Wohnraum von Simonas Familie, alle lauschen an­däch­tig, bis der Vater um Mitternacht den Weihnachtssegen spricht und alle demütig niederknien.

Aldo De Benedetti formuliert einen deutlichen Gegensatz zwischen dem authentischen Wesen der Sarden (aufrichtig, gläubig und demütig, gastfreundlich, durchweg in Tracht, mit der Natur verbunden, in schlichten Wohnungen oder der einfachen osteria) und der modernen urbanen Zivilisation, wie sie die avant­gar­dis­ti­sche Villa oberhalb des Dorfes verkörpert – ein bizarrer Fremdkörper, gekünstelt, fas­sa­den­haft, sinn­ent­leert und von einer verderbten Herrin und ihren Lakaien bewohnt.


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