Rezension zu »Hope Hill Drive« von Garry Disher

Hope Hill Drive

von


Tiverton, ein Nest in der menschenleeren Ödnis Südaustraliens, ist keine Idylle. Auch hier schleicht sich das Böse ein, und es sind nicht nur Lappalien, die Polizist Paul Hirschhausen richten muss. Dabei wünscht er sich nichts als ein friedliches Zuhause.
Kriminalroman · Unionsverlag · · 336 S. · ISBN 9783293005631
Sprache: de · Herkunft: au

Ordnungshüter und Sozialarbeiter im Outback

Rezension vom 18.01.2021 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Seit einem Jahr ist Paul Hirschhausen Constable in Tiverton, einem Nest im wohl ödesten Flecken Süd­austra­liens. In diese von Gott verges­sene Region hat man ihn straf­versetzt, nachdem man ihm Korrup­tion und Drogen­schieberei vor­gewor­fen hatte. Erbar­mungslos lastet jetzt, kurz vor Weih­nachten, die Hitze auf der endlos weiten Land­schaft mit den »unge­nutzten Silos [ … ], deren Schatten wie breite Pinsel­striche über der Land­straße lagen [ … ], ein Well­blech­heu­schober hier, ein Stückchen rotes, hinter Zypressen einge­schlosse­nes Farmdach da. Ansonsten war die Welt bevölkert von Wind­turbinen [ … ], von Weizen­stoppeln, einem winzigen Staub­teufel auf einem Hang; viel­leicht vom Wind, viel­leicht von einem Farmer, der nach seinen Schafen sah«.

Heimisch fühlt sich »Hirsch« hier nicht. »Der Ort hielt ihn auf Armes­länge von sich«, verwei­gert ihm Anerken­nung, das Ankommen, das Zuhause, nach dem er sich sehnt. Verwun­derlich, dass er in diesem Jahr den »Santa Claus« spielen, Geschenke an die Dorf- und Farm­kinder verteilen und bekannt­geben soll, wer die beste Weih­nachts­beleuch­tung instal­liert hat. Dahinter steckt aber nur der aufdring­liche Ruhe­ständler Martin Gwynn, der überall seine Finger im Spiel hat, alles überwacht, alles besser weiß und Hirsch von Herzen zuwider ist. Ein paar ent­spannte Stunden und ein wenig Licht in sein frus­triertes Dasein bringen nur Wendy Street, Lehrerin an der High­school in Redruth, und Katie, ihre »pfiffige, lustige Tochter«.

Montags und Donnerstags patroulliert Hirsch in seinem Toyota-Dienst­wagen mit dröh­nenden Laut­sprechern durch die leere Gegend rund um Tiverton und schaut bei den wenigen Menschen vorbei, die hier draußen ein Leben ohne Perpek­tive und Hoffung fristen. Auf den verwahr­losten Farmen sieht er »ein altes, stei­nernes Plumps­klo und einen Geräte­schuppen [ … ], rostige Pflug­scharen, vergam­meltes Heu und leere Getreide­säcke«. Seine übliche Frage nach dem Befinden löst die immer gleiche Antwort aus: »Den Umständen entspre­chend.« Das sagt auch die allein­stehende Jill Kramer, nachdem sie »von ihrer Ice-süchtigen Tochter ausge­raubt und kranken­hausreif geschla­gen worden war«. So schleicht sich das Böse selbst hier ein und hält Hirsch auf Trab.

Bei Monica Fuller wurden beispielsweise ein paar Garten­geräte aus dem Schuppen geklaut. Ihr Hund hatte ange­schlagen und sich von der Kette losge­rissen. Aber sie konnte die Polizei nicht rufen, denn die Telefon­leitung war durch­trennt. Erst nach Wochen kehrte der Hund halb verhun­gert und verletzt nach Hause zurück.

Wegen eines vermeintlichen Grasfeuers rückt Feuer­wehr­mann Bob Muir aus, stellt aber fest, dass Kupfer­diebe keine Lust hatten, die Isolie­rung ihrer Beute mühselig vom Edel­metall zu trennen und sie lieber einfach abfackel­ten. Die Kriminal­techniker aus der Stadt werden vor Weih­nachten nicht mehr kommen, also muss Hirsch ran.

Zu den Sorgenkindern gehört die Flann-Sippe, die quasi einen Dauer­auftrag bei Hirsch hat. Familien­vater Stu sitzt gerade wegen Raubes ein, seine Söhne eifern ihm tat­kräftig nach, und ihre Mutter Brenda »sammelte Straf­zettel und Fahr­verbote wie andere Frauen Hand­taschen«. Soeben wollte sie einen Pub in Tiverton betreten, hatte dabei freilich in ihrem alkoholi­sierten Zustand nicht bedacht, »vorher aus dem Wagen zu steigen«.

Richtig blutig wird es (und der bislang recht gemäch­lich dahin­gleitende Roman nimmt Fahrt auf), als sich jemand ohne ersicht­lichen Nutzen an den Zwerg­ponys von Züchterin Nan Washburn austobt. Als erste Anwärter nimmt sich Hirsch die Flann-Spröss­linge vor. Doch obwohl sie schon allerlei auf dem Kerbholz haben, traut er ihnen ein solch bestia­lisches Gemetzel nicht zu.

Derweil droht dem Constable Ungemach aus unerwarteter Richtung. Jemand schwärzt ihn bei seiner vorge­setzten Dienst­stelle an, weil er Katie in seinem Dienst­wagen von der Schule abgeholt hat. Und seine holprige Zufahrt in aller Herr­gotts­frühe mit über­schüssi­gem Teer kostenlos repa­rieren zu lassen, war wohl auch kein guter Einfall. Weit unange­nehmer ist aber ein Smart­phone-Video auf YouTube. Hirsch hatte ein drei­jähriges Kind aus dem Glutofen eines geschlos­senen Autos befreit und die Persona­lien der eintref­fenden Mutter erfragt, woraufhin diese ihn mit einer Waffe bedrohte. Als man die Frau und eines ihrer Kinder bald darauf erschos­sen vorfindet, stellt sich heraus, dass sie im Rahmen eines Zeugen­schutz­pro­gramms eine neue Identität erhalten und in Tiverton Zuflucht gesucht hatten.

Bereits zum zweiten Mal steht Paul Hirschhausen als Prota­gonist im Zentrum eines Krimis des austra­lischen Autors Garry Disher, und der erweist sich erneut als scharfer Beob­achter und kreativer Schöpfer unge­wöhn­licher Charak­tere. So unschein­bar das Kaff, so viel­fältig die Typen, die dort leben. Da sind Käuze, die Haken­kreuze und Penisse auf ein Denkmal sprayen, Spinner wie Craig Washburn, der die Menschen meidet, in einem Camper in der Einöde haust und mit einem Metall­detektor durch die Gegend zieht, und schlichte Idioten wie Alfred (»Die dreckige Jeans klammerte sich nur mühsam an die hilflose Taille.«), der den Diebstahl seiner illegalen Rausch­mittel meldet.

Aber wer wollte schon in so einer trostlosen Gegend leben? Disher schildert sie eindring­lich und beklem­mend, schafft eine alle Sinne berüh­rende Atmos­phäre von glaub­würdiger Authen­tizität. Zwischen den Zähnen knirscht der Staub, die Stille, unter­brochen von Wind- oder Turbinen­geräu­schen, kann uner­träglich sein. Es ist »eine vom Tod geprägte Land­schaft [ … ], aufge­laden, mit­schuldig [ … ], hier draußen konnte ein Mord geschehen und unent­deckt bleiben«.

Wer kann, hat die Gegend längst verlassen. Geblieben sind die Kraft­losen, die Arbeits­losen, Burschen, »die kein Gefühl für Rechte und Pflichten« besitzen und kaum nachvoll­ziehen können, welche Last sie anderen aufer­legen, Mütter, die an psychi­schen Störungen leiden, junge Mädchen, die ihre Schule vernach­lässigen, statt­dessen den Haushalt führen müssen. Hinter verschlos­senen Türen spielen sich Alkohol-, Drogen-, Gewalt­exzesse und Miss­brauch ab.

Wer hier die Ordnung hüten soll, braucht Einfühlungs- und Urteils­vermögen und einen klaren Kompass für Gerech­tigkeit und Moral. Hirsch kennt seine Schäflein und all ihre Sorgen. Bei Baga­tellen lässt er fünfe gerade sein, belässt es bei einer Entschul­digung, versucht auf diese Weise wieder einzu­norden, wer vom Wege abge­kommen ist. Doch bei seinen arro­ganten Vorge­setzten handelt er sich mit so einer pragma­tischen Vor­gehens­weise nur Ärger ein. Die Berufung auf seinen Er­messens­spiel­raum bringt nichts, er muss sich unter­ordnen.

Dishers Kriminalroman mit dem geradezu zynischen Original­titel »Peace« gehört für mich zu den besten des Jahres 2020. Vom Anfang bis zum Ende genießt man die ausge­fallene, bild­reiche Sprache des Autors und seines kon­genialen Über­setzers Peter Torberg. Zwischen den Zeilen blitzt zarter Humor. Die Dialoge spiegeln Charakter und Intellekt der Sprecher – manche lethar­gisch, andere aufge­kratzt, manche provokant, andere uninter­essiert, manche lakonisch, andere auf­dringlich. Bei solcher Stimmig­keit sind keine blut­rünstigen Gewalt­beschrei­bungen vonnöten. Die Spannung ist wie ein Regen­bogen, der irgendwo ent­springt und dem man folgt, bis er seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb des atmos­phärisch dichten Spektrums bewegt sich der über­raschend komplexe und wen­dungs­reiche Plot der Klärung eines Doppel­mords auf ein uner­wartetes Ende zu.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2020 aufgenommen.


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