Rezension zu »Albergo Italia« von Carlo Lucarelli

Albergo Italia

von


Historischer Kriminalroman · Einaudi · · 136 S. · ISBN 978880622036
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Italien

Carabinieri d’Africa – Spannung, Exotik, Sprachgenuss

Rezension vom 23.07.2014 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Das neue »Albergo Italia« in Asmara (Eritrea) soll Größe und Kultur der Ko­lo­nial­macht verkör­pern, deren stolzen Namen es trägt. An nichts wurde gespart, damit seine illustren Gäste ihren Tätig­keiten in exklu­siver Umgebung nach­ge­hen können. Doch schon am Tag der offi­ziellen Eröffnung fällt – neben einem heftigen Hagel­schauer – ein Schatten auf den modernen Prachtbau: Von der Decke seines Zimmers baumelt die nackte Leiche von Antonio Farandola, Buch­drucker aus Turin. Dass der Selbst­mord nur vorge­täuscht ist, wird dem kundigen Auge schnell klar, und auch, dass der Mörder noch im Raum gewesen sein muss, als die Polizei die von innen verschlos­sene Tür aufbrach. Deshalb kommen als Tatver­dächtige nur vier Perso­nen in Frage.

Die Untersuchung leitet capitano Colaprico von den könig­lichen cara­binieri mit seinem Assis­tenten Ogbà, einem einhei­mischen Hilfs­polizis­ten (zaptiè). Die beiden sind ein perfektes Gespann. Colaprico war zuvor in der Maremma und in Sizilien statio­niert, wo er das Brigan­tentum bekämpfte, kam dann in Palermo dem auf die Spur, was man dort »maffia« nannte. Kaum glaubte er das Phänomen besser zu durch­schauen und Ver­bindungen in immer höhere Kreise zu erkennen – etwa zum marchese Emanuele Notar­bartolo, dem presi­dente del Banco di Sicilia –, da wurde er flugs befördert und in die ost­afrikani­sche colonia abgeord­net.

Ogbà diente als Soldat, als man ihn für die anspruchs­volle Aufgabe bei den cara­binieri reali di Asmara ins Auge fasste. Auf die Frage, was »la migliore qualità per uno zaptiè« sei, dachte er nicht, wie seine Mitbe­werber, ans Schießen, sondern antwor­tete: »Osservare.« Dann, auf Nachfrage: »Anche ascoltare.« Schließ­lich: »Conoscere.« Damit hatte er seine eigenen Qualitä­ten umschrie­ben, zu denen noch mes­ser­schar­fe Lo­gik, Eigen­ständig­keit, unbe­dingte Loyalität und feine Diplo­matie gehören. Denn er weiß, wie die Herren gestrickt sind: »L’aveva capito subito che lo sgabello era troppo basso per impic­carsi, ma sapeva anche che ai t’liàn piaceva credere di averle fatte loro, le cose. Cullu ba’l è, so tutto io.« Wenn er etwas beizu­tragen hat, dann nur »con tutto il rispetto, signore«. Den capitano macht Ogbàs feine Zurück­haltung jedoch nur unge­duldig, denn er respek­tiert seinen »Sherlock Holmes abissino« und vertraut ihm un­ein­ge­schränkt.

Ein zweites Verbrechen, nicht minder bemer­kenswert, müssen die beiden aufklären. Unbe­kannte brachen in ein Militär­lager ein. Mit den raumhoch gesta­pelten Kisten darin konnten sie nichts anfangen, denn sie sind voller Skier mit dem Wappen der könig­lichen Gebirgs­jäger Corpo degli alpini ... Wie kommen Skier ans Horn von Afrika? Ladungen zu verschie­ben wie bei einem gioco delle tre carte (dem »Hütchen­spiel«), bis sie endlich verschwin­den, war schon vor hundert Jahren eine beliebte Methode der Berei­cherung – doch das ist eine andere Ge­schichte ... Die Ein­brecher fanden auch einen kleinen Tresor, mit dessen Ver­mietung einer der Wach­soldaten seinen Sold aufbes­serte, und den schlepp­ten sie als einzige Beute davon. Bald findet man den Safe an einer Lager­stelle irgendwo im felsigen Hinter­land, geöffnet, leer, und darauf die ver­stüm­mel­ten Reste des abge­trennten Kopfes von Lallai, einem Banden­führer ...

Die beiden Fälle, so stellt sich heraus, haben mitein­ander zu tun, aber die Frage, wer den Mord im »Alber­go Italia« begangen hat, wird erst am Schluss gelöst. Bis dahin verhören die beiden vorbild­lichen Poli­zisten diverse Per­sönlich­keiten, verfolgen Spuren ins heiße Nirgendwo, erörtern ihre Theorien. Das Mord-Kam­mer­spiel und der Diebstahl einiger Kleinig­keiten sind Folgen einer unglaub­lichen (real­his­to­ri­schen) Affäre, die aus den höchsten Kreisen des Mutter­landes ins exotische Ostafrika herüber­schwappt ...

Neben dem spannenden Krimiplot hat dieses Buch noch weitere Seiten, die es absolut lesens­wert machen.

Wie in Lucarellis anderen Romanen dürfen wir feine Charakter­zeichnun­gen genießen, beider Pro­ta­go­nis­ten ebenso wie vieler Neben­personen, etwa der jungen Ualla, die den wach­habenden Soldaten ablenken soll. Wie immer ein Genuss ist der perlende Stil dieses Autors, der mit den Wörtern spielt, ihre Be­deu­tungs­nuan­cen abklopft, ihren Klang aus­probiert, und dies nicht nur im Italieni­schen, sondern auch in tigrigna, einer der Sprachen der Kolonie.

Am interessantesten aber ist, wie Lucarelli Italiens Kolonial­geschichte aufbe­reitet. Mehr noch: Allein dass er dies tut, ist unge­wöhnlich. Denn bislang ist die wenig ruhm­reiche Periode (die immerhin sechs Jahr­zehnte währte) litera­risch unbe­achtet geblieben. Drei Jahr­zehnte nach der Erlangung der national­staat­lichen Ein­heit wollte das Land mit­mischen bei der Auftei­lung Afrikas unter den Groß­mächten. Man er­hoffte sich Acker­land, billige Rohstoffe und inter­natio­nalen Macht­gewinn. Seit 1882 setzten sich die Italie­ner in Eritrea am Roten Meer fest und richteten neben militäri­scher Infra­struktur auch Versuchs­plantagen ein. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem bedräng­ten und hinter­gangenen abessini­schen Kaiser (»Negus«) Menelik II. eska­lierten zu einem Krieg, der am 1.3.1896 mit der vernich­tenden Nieder­lage der Italiener bei Adua en­de­te.

Von dieser Phase handelt Lucarellis erster Kolonial­Roman, »L’ottava vibra­zione« [› Rezension], eine breit angelegte Schilde­rung des vielschich­tigen gesell­schaftli­chen Lebens in der Colonia Eritrea, wohin capitano Cola­prico versetzt worden war. Im Zuge seiner Recher­chen für diesen Roman hatte Lucarelli Eritrea mehr­fach besucht (und dabei seine Frau kennen­gelernt, deren Großvater ihn zur Figur des Ogbà inspir­ierte). Seine Vertraut­heit mit den Menschen, den Fein­heiten ihrer Sprachen, den geogra­phischen und kli­ma­ti­schen Ge­geben­heiten machen nun auch den Kolonial-Kriminal­roman zu einem beson­deren Lese­er­leb­nis. Den Reiz vertieft noch, dass wir durch den zaptiè Ogbà Zugang zur Perspek­tive der kolonia­lisierten Ein­hei­mi­schen erhalten – wobei das, was er nicht aus­spricht, oft am auf­schluss­reichs­ten ist: »Pensava t’liàn fe­tiun­ní ilkà aitiaguès, non sentirti felice se l’italiano ti ha detto che ti vuole bene, t’liàn tzelliunní ilkà ait’guai, non sentirti triste se l’italiano ha detto che ti odia. Cioè: mai prenderli troppo sul serio, comunque.«

Als das »Albergo Italia« eröffnet wird, hat sich das Leben in der Kolonie norma­lisiert. Glanz und Träume der Pionier­zeit haben sich drei Jahre nach Adua, dessen Trauma noch all­gegen­wärtig ist, verflüch­tigt; man hat sich aus der stickigen Hafen­stadt Massaua ins ange­nehmere Hochland zurück­gezogen und Asmara (2.300m ü.d.M.) als neues Zentrum erkoren. (Seit 1889 besetzt, wird Asmara 1900 Haupt­stadt der Kolonie und bleibt es bis zum Einmarsch der Briten 1941.) Nicht verändert hat sich das Publikum: Da ist die feine Gesell­schaft der Verwal­tung und des Miltärs, da tummeln sich Wissen­schaftler, Journa­listen und vornehme Damen, dazwi­schen zwie­lichtige Geschäfte­macher, Aben­teurer, Hazar­deure, Falsch­spieler, und die Gren­zen der Ehren­haftig­keit sind fließend. Die Kolonie erweist sich als Mikro­kosmos, der Miss­stände des Mut­ter­lan­des spiegelt und zu spüren bekommt, die es leider bis heute nicht ablegen konnte, darunter Amts­miss­brauch, Bestech­lichkeit, Betrug, Intrigen. Der histori­sche Kriminal­roman ist insofern ein aktuel­ler Beitrag: »Corru­zione, mafia, maneggi politici: ogni volta che indago il passato trovo corrispon­denze con il pre­sen­te«, sagt Lucarelli.

Der capitano Colaprico und sein Vertrau­ter Ogbà (ein Duo der Reverenz an Arthur Conan Doyle) sind in ihrem undurch­sichti­gen, quirligen Umfeld Fixpunkte unbe­stechli­cher Aufrich­tigkeit. Der Vorbild­charak­ter ist unauf­dringlich, aber beab­sichtigt. Denn die traditions­reiche und stolze Truppe der Arma dei Cara­binieri feierte am 13. Juli 2014 den 200. Jahrestag ihrer Gründung durch König Vittorio Emanuele I., und da »la lette­ratura ... ha un potere ... di offrire carne e sangue alle idee«, wurden in Koope­ration mit dem Verlag Einaudi vier Bücher von Autoren der ersten Liga aufgelegt, die den Ruhm der Zunft zu mehren vermögen. Eine Sonder­ausgabe wird nur an cara­binieri abge­geben. Die vier Titel erzählen vom erfolg­reichen Wirken der cara­binieri in drei Phasen ihrer Geschichte:

1846–48: Giancarlo De Cataldo: »Nell’ombra e nella luce« [› Rezension] (Oktober 2014) – Der his­to­ri­sche Kri­mi­nal­ro­man spielt in Turin, mitten in den ideolo­gischen Wirren der Grün­dungs­zeit des ita­li­e­ni­schen National­staats und des Aufstands gegen Öster­reich. Zwischen Revolutio­nären und Vertre­tern der alten Ordnung, schönen Frauen, Freunden und Feinden jagen die cara­binieri einen Serien­mörder.

Sonderausgaben für Carabinieri

1899: Carlo Lucarelli: »Albergo Italia« [› Rezension] (Juni 2014) – Der meister­hafte histori­sche Kri­mi­nal­ro­man um den cara­biniere Colaprico und seinen einhei­mischen Assis­tenten Ogbà schildert das Leben in der italieni­schen Kolonie Eritrea anno 1899. Hinter einem scheinbar belang­losen Diebstahl aus einem mi­li­tä­ri­schen Wa­ren­la­ger und einem vorge­täuschten Selbst­mord im repräsen­tativen Nobel­hotel werden Miss­stän­de sichtbar, die das ita­li­e­ni­sche Gemein­wesen noch heute belasten.

1980er Jahre: Gianrico Carofiglio: »Una mutevole verità« [› Rezension] (Juli 2014) – Der Mörder ist schnell gefasst und durch Indizien eindeutig überführt, doch maresciallo Feno­glio traut dieser Wahrheit nicht. Ein philo­sophisch ange­hauchter Krimi.

1980er Jahre: Valerio Massimo Manfredi: »Le inchieste del colonnello Reggiani« [› Rezension] (April 2015) – Die fünf Kriminal­geschich­ten erzählen von der Aufklä­rung spekta­kulärer Kunst­dieb­stäh­le. Die cara­binieri agieren auf inter­natio­nalem Parkett, um ita­li­e­ni­sches Kulturgut zu retten.


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