Rezension zu »Olga« von Bernhard Schlink

Olga

von


Aus bescheidensten Anfängen erkämpft sich Olga mit gesundem Menschenverstand und Ehrgeiz ihren Weg durch neun deutsche Jahrzehnte. Ihr Geliebter aus feinen Kreisen träumt von Größe und Heldentum in der Ferne – und scheitert an den Realitäten. Ferdinand, in dessen Familie Olga ihre letzten Jahre verbrachte, rekonstruiert ihre Lebensgeschichte.
Belletristik · Diogenes · · 320 S. · ISBN 9783257070156
Sprache: de · Herkunft: de

Menschliche Größe gegen Größenwahn

Rezension vom 27.03.2018 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Olga Rinke ist ein kantiges Kind mit vielen Eigenschaften. Weil sie ihre Eltern früh verlor, nimmt die hartherzige, ärmliche Groß­mutter sie zu sich. In dem Dorf in Pommern müssen alle Kinder auf dem Feld und im Garten mithel­fen. Aber Olga, ein »trotziges, ungezo­genes, undank­bares Kind« und ehrgei­zig dazu, will »mehr« als die anderen – mehr lernen, mehr wissen, mehr können, und im Lehrer, im Organisten, im Pfarrer findet sie Förderer ihrer Talente.

Herbert Schröder bedarf solcher Unterstützung nicht. Der Sohn des reichen Guts­besit­zers und seine Schwester Viktoria werden von Hausleh­rern unterrich­tet. Kleidung, Manieren und Sprache sondern sie vom gemeinen Volk ab. Ihre Privile­gien verleihen ihnen die »hochmütige Furcht­losig­keit derer, die in ihrem Leben kein Leid zu erdulden noch zu be­fürch­ten haben«, machen sie aber auch einsam. In ihrer Abge­sondert­heit und in ihrer Strebsam­keit gleichen sie dem Mädchen am anderen Rand der Dorf­gesell­schaft. Diese Verwandt­schaft führt Olga und Herbert zusammen. Aus Gleich­gesinnt­heit und Freund­schaft reift Liebe, doch jegliches formelle Bündnis ist gesell­schaft­lich inoppor­tun. Da droht Enterbung, da wird schweres Geschütz auf­gefah­ren, um die Verbin­dung zu sprengen.

Derweil hat Olga Schulen und Lehrer­seminar absolviert und eine Stelle an ihrer ursprüng­lichen Dorfschule angetreten. Viktoria setzt alle Hebel in Bewegung, damit sie ganz weit weg von Herbert in ein Kaff nördlich von Tilsit versetzt werde. Aber nicht Enterbung, nicht Entfernung kann die Liebe brechen.

Wäre da nicht Herberts Sehnsucht nach Größerem. Er hat Nietzsche gelesen, und da beschließt er, ein »Über­mensch zu werden«. Olga findet dieses Gerede zwar »hohl«, bewundert aber anderer­seits Herberts stattliches Erschei­nungs­bild und seine rigorose Ent­schlossen­heit. Seinen großmäu­ligen Reden und seinem Herren­menschen-Gebaren hat sie nichts entgegen­zusetzen. Im Innersten zieht es ihn in unendliche Weiten, in leere Wüsten­land­schaften, in die Extrem­regionen der Arktis, und seine Motivation verlangt das Äußerste: »Deutsch­land groß zu machen und mit Deutsch­land groß zu werden, auch wenn es ihm Grau­sam­keiten gegen sich und andere abver­langte«.

Bald bietet ihm die Expansionspolitik des Kaiserreichs Gelegen­heiten der Bewährung. Mit »Hurra« geht es 1904 nach Deutsch-Südwest. Mit Kaval­lerie, Artil­lerie und Maschinen­gewehr bekämpft das deutsche Wesen helden­haft die armseligen Herero (»ein Menschen­schlag, der noch auf tiefster Kultur­stufe steht«) und entzieht ihnen ihre Lebens­grund­lagen, so dass die »schwarzen Teufel« zu Tausenden verdursten und verhungern. Doch der Ausflug in die finsteren Tiefen des Kolo­nialis­mus kann Herberts Durst nach Größe und Weite nicht stillen. Er bricht zu unzäh­ligen weiteren Fernreisen auf, hält Vorträge darüber, gewinnt Sponsoren, bis er sich nach langer Vorbe­reitung der arkti­schen Heraus­forde­rung stellt: Nordost­passage und Nordpol. 1913 bricht die Expe­dition auf, aber zurück kehrt Herbert (der übrigens ein gleich­namiges histori­sches Vorbild hat) nie.

Über lange Zeit hofft Olga noch auf die Rückkehr des Geliebten. Während all der Jahre zuvor hat sie sich von den Details seiner Abenteuer fernge­halten und ihr eigenes Glück in erziehe­rischen Aufgaben gesucht, als Schulleh­rerin, in kulturellem Engage­ment im Dorf, in der Förde­rung eines zweijährigen Findel­kindes (aus dem ironischer­weise später ein SS-Folterer wird). Mit 53 Jahren verliert Olga ihr Gehör, wechselt an eine Gehör­losen­schule, über­nimmt Näharbeiten.

In der Zwischenzeit ist Europa im Kriegschaos versunken. Zwei Weltkriege spült der Autor im Schnell­wasch­gang durch, wobei er seiner tauben Prota­gonis­tin die grauen­volle Geräusch­kulisse der Panzer, Tief­flieger, Bomben­explosio­nen und schreien­den Sterben­den erspart und den anderen Sinnen umso mehr Wucht verleiht (»die Explosion der Lokomotive war ein tonloser, farben­prächtiger Feuerball«).

Den Neuanfang nach dem Krieg markieren ein neuer Roman­teil, ein neuer Ort und ein neuer Erzähler, jüngster Sohn einer Pfarrer­familie am Neckar, in deren Haushalt sich Olga ihr täglich Brot erarbeitet. Bis zu ihrem Tod bleibt der brave, etwas langwe­lige und farblos bleibende Ferdinand ihr ständiger Begleiter und Zuhörer. Er wird zum Bewahrer ihres Schatzes – der vielen Geschichten aus ihrem eigenen Leben, von Herberts Abenteuern und von ihren Briefen, deren Adressat sie mög­licher­weise nie zu lesen bekam. Letztlich ist es Ferdi­nand, der Olgas Biografie, wie wir sie im ersten Teil zu lesen bekamen, rekon­stru­iert.

Eben jene Briefe enthält dann der dritte Teil des Romans. Das Wissen um sie hat Ferdi­nand nicht ruhen lassen, bis er sie im norwegi­schen Tromsø zu kaufen bekommt. Jetzt klärt sich manches Rätsel, das den Leser bis dahin bewegt hat, manch geahntes Geheim­nis, und manches Verhalten Olgas gerät im Rück­blick in ein frag­würdi­ges Licht. Hätte sie ihrem Herbert sein tödliches Schicksal womög­lich ersparen können? Hatte sie eine Chance, ihn von seinem bornierten Ideal, als Held für eine große Sache zu sterben, abzu­bringen? Hätte sie nach­drück­licher um ihn kämpfen müssen, anstatt die Augen vor den Gefahren zu verschlie­ßen? Hat sie Schuld auf sich geladen, indem sie nicht alles offen­legte, was sie wusste?

All das erzählt der erfolgsverwöhnte Autor und Jurist in gekonnt präziser, feiner, kühler, distan­zierter Manier. Unter die Haut geht die Geschichte dem Leser aber nicht. Die Figuren bleiben zu sehr auf Distanz, als dass sie und ihre schwierige Liebe emotional anrühren könnten. Der Plot bietet tragische Elemente, bewirkt aber keine erschüt­ternde Katharsis. Die Handlung – weit ausgrei­fend und stellen­weise packend – ist durch ihre Struktu­rierung notge­drungen reich an Redun­danzen: In allen drei Teilen wieder­holen sich umfäng­liche Inhalte, wenn auch immer in ein anderes Licht gerückt, aus anderer Perspek­tive formuliert. Literarisch passt das, bedarf aber des Erzähl­talents eines Bern­hard Schlink, um den Leser nicht gelang­weilt wegdösen zu lassen.

Um der Liebesbeziehung seiner beiden Protagonisten von Anfang an Knüppel zwischen die Beine zu werfen, bedient sich Schlink des Klischees des unüber­wind­lichen Standes­unter­schiedes, das (inklusive intriganter Bluts­verwandter) zum Kern­reper­toire der Trivial­literatur gehört und dort seit jeher, in unend­lichen Variationen breitge­treten, zuver­lässig Tränen­ströme auslöst. Musste dieser Tiefschlag sein?

Zu Recht gibt Olga den Titel des ganzen Romans. Gegen alle Schwierig­keiten ihrer neunzig Lebens­jahre ist sie eigen­ständig und ent­schieden ihren Weg gegangen. Bis zum Schluss überragt die stolze, aufrechte Frau alle Höhen und Tiefen des Geschehens geradezu vorbild­haft. Sie ist die Stimme der Vernunft, der Gerad­linig­keit, des gesunden Menschen­verstan­des, der Bürger­lich­keit, gewapp­net gegen Propa­ganda, billige Parolen und wohl­feile Moden. Eine wie sie, die sich Bildung erkämpfen musste und bis an ihr Lebens­ende musisch und kulturell weiter­entwickelt hat, bringt kein Verständ­nis auf für moderne pseudo-rebellische Verwei­gerungs­haltungen (»nicht zu lernen, wenn man lernen konnte, war dumm, verwöhnt, anmaßend«). Ihre Kritik an der jüngeren Generation (die gern »moralisiert«, es aber »zugleich gemütlich« haben wolle), am Holo­caust­denk­mal, an der Europa­politik und der Globali­sierung macht neugierig auf mehr von ihren Ansichten, auch aus den Kriegs­jahren und der Nach­kriegsge­schichte. Aber eine Ausweitung dieser Phasen und Themen hätte wohl die Gewichte verschoben oder das gesamte Konzept umge­worfen.


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