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Rezension zu »Stella o croce« von Gian Mauro Costa

Stella o croce

von


Eine nette junge Polizistin in Palermo hört von dem unaufgeklärten Mord an einer Perückenmacherin und geht der Sache in ihrer Freizeit nach. Mit scharfem Verstand, Risikobereitschaft, hilfreichen Freunden und guten Beziehungen schafft sie, was der Mordkommission nicht gelang.
Kriminalroman · Sellerio · · 245 S. · ISBN 9788838937507
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

Ein Mordfall für den Feierabend

Rezension vom 29.03.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Angela Mazzola kennt das Leben auf mehreren Ebenen. Die Dreißig­jährige stammt aus Borgo Nuovo, einem hässlichen Beton­viertel am Rande von Palermo, wo es schwierig ist, überhaupt Arbeit zu finden. Mit Fleiß und Ehrgeiz hat sie sich durch ihre Schul­lauf­bahn gebissen, im Internat bei den suore Abitur gemacht, gejobbt und einen Sommelier-Kurs absolviert (der brachte ihr zwar keinen Job, aber Geschmack und eine gute Freundin – und uns Lesern manchen Hinweis auf gute sizilia­nische Tropfen), sich dann mutig bei der Polizei beworben – und wurde angenommen.

Täglich schiebt sie gewissenhaft Dienst bei der Sezione Antirapina in Palermo, wo sie es mit Apothe­kenein­brüchen, Zigaretten­schmug­gel und Klein­krimi­nellen zu tun hat oder auch mal gar nichts Beson­deres erlebt, wenn sie durch die Altstadt patroulliert.

Mit Recht ist sie stolz auf das Erreichte und genießt, wovon viele in Sizilien nur träumen können: eine sichere Anstellung, ein regel­mäßiges Salär, eine kleine Wohnung im Acqua­santa-Viertel mit Terrasse und Ausblick auf Marina und Meer. Da sitzt sie gern, betrachtet den Sonnen­unter­gang und lässt sich von ihrem Butler Gianpì noch etwas Wein nach­gießen … nein, Letzte­res gehört zu den Wunsch­träumen, die sie selber nicht ganz ernst nimmt.

Einen festen Partner hat und braucht sie nicht. Ältere Kollegen wie der stämmige Ettore Macaione (»poliziotto XL«), der interes­sant aus der polizeil­ichen Vergangen­heit zu erzählen weiß, lassen keine Gelegen­heit aus, mit ihr zu schäkern, und sympathi­sche Jüngere, die mehr von ihr wollen als die üblichen battute, gibt es genug. Aber ein Märchen­prinz hat sich noch nicht vorge­stellt, und so verteilt sie ihre Zuneigung nach Laune und Nutzen, vermeidet Komplika­tionen und Einengun­gen ihrer Freiheit.

Eines Tages liest sie in der Zeitung von einer alten Schulfreundin, Rosellina, die sich beklagt, dass die Kripo sieben Monate nach der Ermordung ihrer Groß­mutter Anna Fundarò noch immer keiner­lei Ergeb­nisse vorweisen könne. Auch die Journa­listin, die Rosellina inter­viewte, kennt Angela, denn es ist Sandra aus dem Sommelier-Kurs. Die Sache interes­siert Angela, sie spricht mit ihren Freundinnen und beschließt, sich in ihrer Freizeit mit dem Fall zu befassen.

Nun zeigt sich, aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Halbe Sachen macht sie nicht. Nachdem sie erste Merk­würdig­keiten festge­stellt hat, verbeißt sie sich in den Fall. Nicht nur die von Berufs wegen neugie­rige Sandra erweist sich als nützlich, sondern auch Kollege Santo Iovino, vor kurzem zur Squadra Omicidi aufge­stiegen und immer willig, ihr Informa­tionen aus seiner Behörde zu servieren, wenn er dafür eine Einladung zu einem intimen Essen wittert. Bald nehmen Angelas Feier­abend-Recher­chen sie stärker in Beschlag als ihr Beruf, der nur noch so neben­bei läuft.

Warum ist der Mord an Anna Fundarò nicht längst aufgeklärt? Die fünfzig­jährige Perücken­mache­rin war eine hochge­schätzte Kapazität in ihrem Fach. Ob Kranke, Eitle, Snobs, Transves­titen, Salon­löwen, Theater- oder Show­leute, ob sie ein teures Einzel­stück oder ein Haar­teil von der Stange in Auftrag gaben – Signora Anna arbeitete für alle mit gleicher Sorgfalt und Diskretion. Jeder aus diesem unüber­schau­baren Kreis könnte als Täter in Frage kommen. Jetzt lag sie mit über zehn Einstichen in den Brustkorb in ihrem Blut. Viel­leicht hatte, wer ihre Leiche aufge­funden hatte, ihr noch Hilfe leisten wollen, jeden­falls vereitelte schon der chaotisch zugerich­tete Schauplatz eine rasche Aufklärung der Tat. Da waren Annas Werkzeuge, auch Chemikalien, Schuhab­drücke selbst in Blutlachen, Lage­verände­rungen der Leiche und der Tatwaffe, Schlampe­reien bei der Aufnahme des Tatorts.

Doch wenn eine geborene sbirra wie Angela sich hinter so einen Fall klemmt, bleibt sie nicht an der Ober­fläche. Begleitet von ihrer Freundin oder im Allein­gang, unter geschickter Vortäu­schung harmloser Identi­täten und Absichten pirscht sie sich an Hinter­blie­bene, Freunde, Kunden und Nachbarn heran, entlockt ihnen überra­schende Details, entdeckt verblüf­fende Un­stimmig­keiten, denkt scharf nach und zieht ihre Schlüsse wie einst Sherlock Holmes.

Je weiter ihre Privatermittlungen fortschreiten, desto fragwür­diger und gefähr­licher wird ihr eigenes Vorgehen. Sie quält sich »nel ruolo scomodo di chi sa ma non dovrebbe sapere«. Müsste sie ihren Vor­gesetz­ten nicht offen­legen, was sie heraus­bekom­men hat? Dann müsste sie freilich ihre Helfer verraten. Was, wenn sie einen Fehler macht, auffliegt oder ihre un­authori­sierten Unter­suchun­gen scheitern? Sie würde gefeuert und müsste wieder Cocktails mixen … Ihre Lage entbehrt nicht der Ironie: Sie riskiert »la sua carriera per amore del suo stesso lavoro«.

Gian Mauro Costa, 1952 in Palermo geboren, Journalist (u.a. bei der RAI) und Autor, erzählt mit leichter Feder und ohne jegliche Sperenz­chen einen unter­halt­samen Herbst­krimi (es ist Oktober, und Angela, ein sonniges Gemüt, bedauert, dass es kühler wird). Der blutige Kriminal­fall sorgt für lokales Aufsehen, die Spannung raubt einem nicht den Schlaf, die Auf­klärung schreitet gemäch­lich voran, und es dauert eine Weile, bis man Feuer fängt und begierig weiter­liest, um herauszu­finden, wer der Mörder und was sein Motiv sein mag. Was das Buch lesens­wert macht, ist die sym­pathi­sche Protago­nistin, die einfach nur nett, clever, verantwor­tungsbe­wusst und ansonsten völlig normal ist (und deren Talent sie sicher­lich bald in die Mord­kommis­sion befördern wird), und der klischee­frei ein­gefloch­tene Schauplatz Palermo, seine vitale Atmosphäre, viele Plätze und Straßen, die palazzi, die Menschen, die freund­lichen Dialoge.

Was hat es mit dem Titel auf sich? »Stella o croce« ist ein Spiel wie »Kopf oder Zahl«. Laut Angelas Tante Giusep­pina spielt es der liebe Gott jeden Tag mit uns. »La stella è quella della nascita, la croce quella della morte.«


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