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Rezension zu »Das graue Kleid« von Andrea Camilleri

Das graue Kleid

von


Belletristik · Kindler · · Gebunden · 189 S. · ISBN 9783463405612
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Sizilien

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Rezension vom 09.12.2010 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Febo Germosino wird wach wie jeden Morgen: 6.00 Uhr ist es. Seine innere Uhr wird sich auch in Zukunft nicht so schnell umstellen, wenn er Ruheständler ist. Vierzig Jahre lang hat er als Direktor die Filiale einer Bank in Montelusa auf Sizilien geleitet. Mit Hausdiener und Villa genießt er höchsten Lebensstandard. Seine erste Frau Michaela war nach zwölf Jahren Ehe verschieden; nun ist Adele - 25 Jahre jünger, hübsch und begehrenswert - seine Ehefrau und seine Augenweide. Luigi, sein einziges Kind, hat diese Ehe mit Adele niemals tolerieren können und ist inzwischen nach London gezogen.

Wie wird Febo seinen letzten Lebensabschnitt sinnvoll füllen? Am ersten Tag steht er an seinem Schreibtisch und holt drei anonyme Briefe aus seiner Aktentasche. Der erste wurde schon vor dreißig Jahren an seine Bank geschickt. Er kennt den Inhalt und den Verfasser, denn was heißt in Sizilien schon anonym - er ist unterschrieben vom einflussreichsten Mafiaboss. Der dritte erreichte ihn kaum drei Jahre nach seiner Eheschließung mit Adele. Der Verfasser wies ihn auf diverse Liebschaften seiner Frau hin und verriet ihm ihr geheimes Liebesnest im heruntergekommenen Motel Regina.

In Rückblicken erzählt Febo, wie seine Beziehung zu Adele heißblütig und stürmisch begann, wie er sich peu à peu nur noch an ihrer alltäglichen "Zeremonie" der Hygiene und des Ankleidens erfreuen darf und wie schließlich die Türen geschlossen werden, er ab und zu horchen geht, um sich verschämt abzuwenden. Adeles Termine hat Febo schnell durchschaut. Er gibt ihr verschlüsselte Hinweise, die sie versteht: ein Spiel mit dem Wissen um die Geheimnisse.

Febo erlebt drei Tage bis zu einem unausweichlichen Befund, einem furchtbaren Schicksalsschlag für beide. Es kommt eine Zeit, in der Adele eine andere Seite ihres Charakters zeigen kann. Das Buch endet mit dem Satz: "Sie trug das graue Kleid." Bis dahin hat dieser Sachverhalt bereits so viel Symbolkraft aufgebaut, dass er keiner weiteren Erklärung bedarf.

Ich bin ein wenig in mir gespalten, wem ich nach der Lektüre des Romans größere Sympathie schenken soll. Camilleri zeichnet das sensible Porträt eines gealterten feinen Mannes, der sich das luxuriöse Vergnügen einer viel jüngeren Gespielin leisten kann, aber in gewisser Weise daran scheitert. Angesichts des Altersunterschiedes von 25 Jahren wird er damit gerechnet haben, dass Adele auf Dauer die Hauptlast trägt und sich anderswo Erleichterung sucht; ebenso wird ihm klar gewesen sein, dass im Gegenzug er sich mit zunehmendem Alter mit immer weniger begnügen muss. Das alles trägt er mit Fassung - und ganz im Gegensatz zum Cliché des heißblütigen Sizilianers, dem die Ehre über alles geht, der sich niemals derart Hörner aufsetzen lassen würde. Auch Febo ist zwar eifersüchtig, aber niemals macht er dem Treiben durch aggressive Taten oder Forderungen ein Ende.

Adele andererseits ist keineswegs eine herzlose Opportunistin, die Febo etwa nur geheiratet hat, um von seiner gesellschaftlichen Position und seinem Wohlstand zu profitieren. Nach meinem Empfinden hat sie ihren Mann nie bösartig hintergangen, sondern ihn wirklich geliebt. Ihre Wandlung kommt daher ebenso stimmig und überzeugend wie der melancholische Schluss.

So ist Camilleris Roman (Originaltitel: "Il tailleur grigio") eine differenzierte Auseinandersetzung mit zwei interessanten Individuen, die zusätzlichen Reiz gewinnt, wenn man sie vor dem Hintergrund der traditionellen sizilianischen Rollenerwartungen agieren sieht. Absolut überzeugend und lesenswert!


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