Rezension zu »Marina« von Carlos Ruiz Zafón

Marina

von


Belletristik · Fischer · · Gebunden · 350 S. · ISBN 9783100954015
Sprache: de · Herkunft: es

Der schwarze Schmetterling

Rezension vom 15.04.2011 · 33 x als hilfreich bewertet mit 8 Kommentaren

"Marina sagte einmal zu mir, wir erinnerten uns nur an das, was nie geschehen sei" (S. 9) – so beginnt der Erzähler den Roman. Fast am Ende wiederholt er diesen Ausspruch – jetzt im Indikativ: "Wir erinnern uns nur an das, was nie geschehen ist" (S. 319) – er weiß nun, dass Marina Recht hatte ...

Der 15-jährige Óscar besucht ein Internat in Barcelona. Am späten Nachmittag, in seiner Freizeit, zieht es ihn hinaus in die Umgebung. Auf einem seiner Streifzüge steht er plötzlich vor einem schmiedeeisernen Tor. In einem verwunschenen Garten mit Brunnen und Statuen, die im Dunkeln wie steinerne Engel auf ihn wirken, entdeckt er ein marodes Haus, das bessere Zeiten gesehen haben muss. Über die Veranda dringt er ins Innere – und vernimmt eine wunderschöne Stimme, die ihn hypnotisch anzieht. Die entzündeten Kandelaber tauchen die Räume in diffuses Licht und verstärken seine unheimlichen Gefühle. Auf einem alten Grammophon dreht sich eine Schallplatte. Vor einem Kamin steht ein riesiger Sessel, darüber prangt ein Ölgemälde mit dem Porträt einer sehr hübschen Frau. Dieses Ambiente nimmt Óscar gefangen. Als sich plötzlich eine Gestalt aus dem Sessel erhebt, stürzt er entsetzt aus dem Haus. Erst in seinem Internatszimmer kommt er zur Ruhe – und stellt fest, dass er noch immer die goldene Taschenuhr in Händen hält, die er vom Tisch mitgenommen hatte.

Natürlich bringt er die Uhr zurück und lernt Germán, von Krankheit gezeichnet, und seine Tochter Marina kennen, die so alt ist wie Óscar. Während Germán ihn liebenswürdig empfängt, ist das Mädchen wütend und abweisend zu diesem "Amateuruhrendieb" (S. 33). Doch es entwickelt sich eine Freundschaft; nach und nach werden die Beiden für Óscar eine zweite Familie und Marina seine beste Vertraute. Mit ihr wird er in die geheimnisvolle, rätselhafte Geschichte des berühmten Liebespaares Michael Kolwenik und Ewa Irinowa verwickelt. Kolwenik war einer der reichsten Männer Barcelonas, ehe er auf dem Höhepunkt seiner Karriere fast bankrott ging. Er war dem Untergang geweiht – aber warum? Bald stecken Marina und Óscar unabwendbar in einem grauenvollen Abenteuer: Kolweniks Geheimnis übersteigt bei weitem ihre (und des Lesers) Vorstellungskraft.

Sie laufen durch die Altstadtgassen Barcelonas, folgen Inspektor Florián, der schon lange an diesem mysteriösen Fall arbeitete, in die unterirdische Kanalisation. Dem unerträglichen Gestank dieser Kloake ausgesetzt kriechen ihnen undefinierbaren Wesen, Abarten der Natur, aus dem Katalog der Hölle entstiegen, entgegen. Alle tragen ein Brandmal auf ihrer Stirn: einen schwarzen Schmetterling. Marina und Óscar geraten in Lebensgefahr, sie sind dem Geheimnis Kolweniks, das ihre und die des Lesers Vorstellungskraft bei weitem übersteigt, zu nahe gekommen.

Dies ist eine der düstersten, furchteinflößendsten Horrorgeschichten, die ich je gelesen habe – und gleichzeitig die faszinierendste Liebesgeschichte. Ganz zart und sanft entsteht aus enger Freundschaft ein kleines Pflänzchen Liebe zwischen Óscar und Marina. Sensibel und verletzlich, gibt Marina sich nach außen in eigenwilliger Härte; sie verbirgt etwas, das Óskar erst am Schluss offenbaren werden wird.

Carlos Ruis Zafón ist ein Sprachjongleur, der mit reichstem Vokabular den Leser begeistern kann. Grauenvollste Charaktere kann er genauso gut zeichnen wie liebenswerte; mit seiner Kunst haucht er ihnen spürbares Leben ein. Seine außergewöhnliche Phantasie lässt Handlungsorte und Szenarien entstehen, die so überwältigend und packend beschrieben sind, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Man ist von all den Eindrücken magisch verzaubert.

Carlos Ruis Zafón ist für mich nach dem Roman "Marina" der beeindruckendste Märchenerzähler der heutigen Zeit.


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Zu »Marina« von Carlos Ruiz Zafón wurden 8 Kommentare verfasst:

Martin schrieb am 06.11.2011:

Ich habe es eben fertig gelesen. Gut, dass ich keine Fettflecken oder Eselsohren hinterlassen habe, vielleicht kann ich das Buch noch verkaufen, denn behalten mchte ich es nicht. Absolut schwachsinnige Handlung, Zafon bemht sich sichtlich aus einer schwachen Idee ein spannendes Buch zu fabrizieren, was ihm aber nicht gelingt. Schon "Das Spiel des Engels" war sehr enttuschend, aber das toppt sogar sein letztes "Werk". Er sollte es bei "Schatten des Windes" belassen; das war genial und anscheinend auch einmalig in seiner Karriere. Wenn einem nichts mehr einfllt, sollte man es einfach lassen. Ich wrde das Buch keinem empfehlen; falls Ihr neugierig seid, leiht es Euch aus. Der Kauf ist Geldverschwendung.

Daniel schrieb am 06.12.2011:

Ein Buch, das immer einen besonderen Platz bei mir haben wird. So einfhlsam die unvergleichlich traurige und schn-melancholische Liebesgeschichte ist, so spannend ist im Gegensatz dazu die mrchenhafte Horrorgeschichte.
Schon das mystisch Mrchenhafte und Dstere in das Spiel des Engels war reinster Genuss, besonders das grandiose Ende, doch dieses Buch ist meiner Meinung nach ein Konzentrat dieser Wortgewandtheit und Magie. War der Schatten des Windes eine Einfhrung in die Welt des C.R.Z., um mglichst viele Menschen zu begeistern, sind dessen andere Bcher diejenigen, wenn auch chronologisch teils vor Schatten des Windes, welche besonders jene Leute anspricht, die Zafons Schreibstil so schtzen.

Dass der Kauf Geldverschwendung sein soll, ist schon absurd. Leider muss ich sagen, dass sich die Kritik von Martin wohl allein auf den Inhalt und die Idee bezieht. Wohl deshalb, weil die Geschichten mystischer und fantastischer sind. Sein Stil ist jedoch unnachahmlich und einnehmend. Schade, wenn man nicht damit klarkommt wie Martin. Denn die Atmosphre dieses Buchs ist eine absolute Bereicherung fr lesende Menschen. Schade, wenn dies an einem vorbeigeht. Zudem ist die Liebesgeschichte in Marina ist eine der besten, die ich je gelesen habe, so zart und rein, dass sie ein synonym zum Wort Liebe an sich bildet.

lilja schrieb am 25.12.2012:

ich stimme Martin weitgehend bei. Zafon kann Stimmungen heraufbeschwren, er kann schreiben, aber es bleibt ein schaler Geschmack. Es ist weniger die schwache Idee, denke ich. Nachdem ich das Buch zur Seite gelegt habe, bleibt das Gefhl, eine hochkandidelte Version
eines kitschigen Schundromans gelesen zu haben, zusammengekocht von einem Menschen, der zu lange zur Schule gegangen ist, zu viel in die Kirche und die Beichte und zu wenig in die Tiefe. Die przise Sprache verdeckt
im ersten Augenblick die klischierten Menschen. Lest Manuel Vasquez de
Montalban!!!! Schade, lebt er nicht mehr.

Claus-Peter schrieb am 13.03.2013:

Schade um die wundervolle Liebesgeschichte, der eine monstrse, abstruse Gespensterhandlung bergestlpt wurde. brig bleibt eine Schmker fr den Urlaub. Da bin ich mit Martin wohl einig.

Ronald schrieb am 07.04.2013:

Eine phantastische Geschichte mit schnen Bildern, unerwarteten Handlungen und Wandlungen, viel Gefhl und eine sehr gute Sprache. Absolut lesenswert.

Laura schrieb am 19.04.2013:

Nach Spiel des Engels wollte ich CRZ noch eine zweite Chance geben, aber auch das hier hat mich nicht berzeugt.
Allein die kitschigen, platten Titel der Bcher sagen alles und sollten eine Warnung sein. Vllig vorhersehbare Handlung, eindimensionale Charaktere und ein hochtrabender Stil, hinter dem bei genauerer Betrachtung nichts steckt.
Einzig die heraufbeschworenen Bilder Barcelonas sind atmosphrisch.
Einen Kauf ist das Buch (und auch Spiel des Engels) nicht wert.

Laura schrieb am 19.04.2013:

Nachtrag:
Diese Kritik bringt es auf den Punkt, falls es jemanden interessiert:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/carlos-ruiz-zafon-marina-das-phantom-der-literatur-1628141.html

Micol schrieb am 08.08.2013:

Ich kannte dieses Genre bisher kaum und bin berrascht, dass man tatschlich Versatzstcke wie geheimnisvolle alte Villen, Friedhfe mit myterisen Gestalten, Geheimsymbole, magische Katzen etc. ohne jede ironische Brechung verarbeitet. Fr mich entsteht da keine "dstere, furchteinflende" Atmosphre, eher wirkt es teilweise unfreiwillig komisch. Aber wiederum nicht so komisch, dass ich das Buch zu Ende lesen wrde.
Insgesamt schliee ich mich Laura an: "Einzig die heraufbeschworenen Bilder Barcelonas sind atmosphrisch."

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