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Rezension zu »Die Sterntaler-Verschwörung« von Jan Seghers

Die Sterntaler-Verschwörung

von


Kriminalroman · Kindler · · Gebunden · 496 S. · ISBN 9783463403151
Sprache: de · Herkunft: de

Neues aus Main-Chicago

Rezension vom 15.02.2015 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das Leben schreibt doch die besten Geschichten. In Hessen stehen Land­tags­wah­len an. Mi­nis­ter­prä­si­dent Roland Koch (CDU) droht der Verlust sei­ner ab­so­lu­ten Mehrheit. Seine Herausforderin Andrea Yp­si­lan­ti (SPD) ist populär, aber wird es zur Re­gie­rungs­über­nah­me reichen? Mit der Linken, das hat sie zugesagt, wird sie nicht koalieren noch kungeln.

Aber was zählt in der Politik schon das Geschwätz von gestern? Geringe Wahlbeteiligung, CDU minus 12, SPD plus 7,6 Prozent, beide Parteien 42 Sitze im Landesparlament: Patt. Als auch noch die Ko­a­li­tions­ver­hand­lun­gen CDU/FDP und SPD/Grüne scheitern, lockt Andrea Yp­si­lan­ti das vorab verschmähte linke Gift: Als Steigbügelhalter ins Mi­nis­ter­prä­si­den­ten­bü­ro wäre die frisch eingezogene Linksfraktion ja doch ganz hilfreich. Mit Regieren ist zwar nicht viel, wenn man keine Mehrheit hat, aber erstens wäre die CDU abge­sägt, zweitens brächte das Amt so schönes Prestige, und drittens würden sich die Linken schon ab und zu für ein Projekt kau... – äh, überzeugen lassen.

Andrea denkt, Gott lenkt. Weil vier SPD-Abgeordnete – Aufrechte oder Verräter? – die linke Tour nicht mit­machen wollen, gibt's keine Re­gie­rungs­bil­dung, sondern Neuwahlen. Statt der bla­mier­ten Andrea Yp­si­lan­ti kandidiert Thorsten Schäfer-Gümbel, und am Ende bleibt alles beim Alten und Roland Koch Mi­nis­ter­prä­si­dent.

Diese Geschichte eines Wortbruchs trug sich im Winter 2008/2009 zu, und Jan Seghers setzt auf ihr seinen neuen Krimi »Die Sterntaler-Verschwörung« auf. »Alle Ereignisse und Personen sind frei erfunden. Selbst der Vollmond scheint, wann er will«, behauptet er scheinheilig im Impressum, um nicht anzuecken, wenn er die Steilvorlage aus der Realität zum Anlass nimmt, um in der Fiktion ein richtiges Schmie­ren­the­a­ter aus­zu­pols­tern.

Dabei gleichen seine Politiker ihren Vorbildern abgesehen vom Namen bis ins Detail. Sabine Xan­tho­pou­los will den Job von Mi­nis­ter­prä­si­dent Rolf-Peter Becker. Der ist »ein Vorbild an Fleiß, Disziplin und Zä­higkeit«, zu Hause in den Fein­schme­cker­lo­ka­len der Main­me­tro­po­le, aber ebenso gern schaut er mitten in der Nacht mit seinem Fahrer im Fast-Food-Restaurant vorbei. Gerade kehrt er von einem Pri­vat­be­such beim Dalai Lama zurück, einem wahren Freund. Leider spricht man ihm zu seinem Bedauern dessen ge­rühm­tes­te Ei­gen­schaf­ten gänzlich ab: »entspannt, witzig und weise«. Die kann man al­ler­dings auch kaum erwarten bei einem, der soeben zwölf Pro­zent­punk­te bei den Wahlen versiebt hat ...

In dieser für Becker ziemlich verzweifelten Lage spinnt Jan Seghers nun eine üble Intrige aus, bei der man nur hoffen kann, dass alle, wirklich »alle Er­eig­nis­se ... frei erfunden« sind. Strip­pen­zie­her ist Udo Klotz, der Re­gie­rungs­spre­cher (in der Realität hatte Dirk Metz das Amt inne). Er gibt seinem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten als »Souffleur« die Gangart vor, nachdem Sabine Xan­tho­pou­los (»wir nen­nen sie Xan­thip­pe«) hat durch­si­ckern lassen, dass sie das mit den Linken jetzt nicht mehr so eng sehe wie im Wahl­kampf. Um die Gefahr des Macht­ver­lusts zu kontern, will Klotz zwei­glei­sig fahren: Erstens soll die Dame fortan kon­se­quent als »Lüg­ne­rin, Lüg­ne­rin, Lüg­ne­rin«ge­brand­markt werden: »Wir sind die Guten, sie ist die Böse.« Zweitens sollen »zwei plus X« Ab­ge­ord­ne­te aus der SPD/Lin­ke-Frak­tion ge­won­nen werden, nicht für Madame X zu stim­men – dann muss es Neu­wah­len geben.

Allerdings fehlt auch Rolf-Peter Becker schon jetzt eine Stimme zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten-Amts­ver­län­ge­rungs­ver­trag: Oberförster Freiherr Johann von Mün­zen­berg ist zu den »Krö­ten­freun­den« (den Grünen) über­ge­lau­fen, aus Protest gegen die Aus­bau­plä­ne für den Rhein-Main-Flug­ha­fen. Auch gegen diesen Ab­weich­ler – Aufrechter oder Verräter? – initiiert Udo Klotz eine fiese Kampagne, bei der In­nen­mi­nis­ter Ro­land Wag­ner helfen darf. (Dieses Amt bekleidete anno 2008 Volker Bouffier, der heute als Mi­nis­ter­prä­si­dent re­giert.) Auf Grund von Mun­ke­lei­en, der adlige Herr liebe nicht nur junge Kröten, durchsucht das LKA (auf des In­nen­mi­nis­ters Wei­sung) seine Burg. Obwohl man dort kei­ner­lei kin­der­por­no­gra­phi­sches Ma­te­ri­al fin­det, treiben die Un­ter­stel­lun­gen den Baron in den Selbstmord.

Die schmierigen Machenschaften, die der Autor den CDU-Politikern auf den Leib fabuliert, sind die eine Seite des Krimis. Der zweite Hand­lungs­strang setzt ein, als eine in­ves­ti­ga­ti­ve Jour­na­lis­tin ermordet auf­ge­fun­den wird. Und dann kommt noch eine lange zu­rück­lie­gen­de tödliche Ver­ge­wal­ti­gungs­se­rie ins Spiel, die bis heute nicht auf­ge­klärt werden konnte. Diese drei Mo­tiv­ket­ten verwebt Seghers kunst­voll mit­ein­an­der und verknüpft sie durch seinen be­währ­ten Pro­ta­go­nis­ten, den Haupt­kom­mis­sar Robert Marthaler, Lei­ter der Ersten Mord­kom­mis­sion. An die Fälle aus den Achtziger Jahren kommt Marthaler, weil er eine neu ge­grün­de­te kleine Abteilung übernimmt: Das Team soll längst aufgegebene Fälle (»Cold Cases«) mit mo­dernen Methoden erneut sichten.

Als hätte Marthaler nicht schon genug an der Backe, reist auch noch Anna Buchwald, eine be­freun­de­te Jour­na­lis­tin aus Hamburg, bei ihm an. Eine Kollegin von ihr sei einer heißen Sache auf der Spur und nun schon seit Tagen unerreichbar. Recht widerwillig lässt der Kommissar sich drängen, nach der Frau zu su­chen, die in Kol­le­gen­krei­sen als eigenwillig und verschroben gilt und gern Alleingänge unternimmt. Als Marthaler mit Anna im Hotel Zooblick ankommt, wo die neugierige Journalistin unter falschem Namen ein­ge­checkt war, hat der Hotelier gerade die Polizei angerufen, um einen »kalten Check-out« zu melden: eine Tote mit geschnürten Stiefeletten, rot gefärbtem Haar und vollständig schwarz gekleidet. Die Todesart – ein Schuss mitten ins Auge – lässt auf Mafia und »Schnüfflertod« schließen. Was mag sie gesehen ha­ben?

Kaum eingetroffen, ist Marthaler auch schon raus, denn blitzeschnell taucht das LKA am Tatort auf und übernimmt unmissverständlich den Fall. Doch natürlich lässt sich ein Robert Marthaler nicht von den mar­kigen Ansagen des LKA-Teamchefs und Unsympathen Axel Rotteck in die Schranken weisen – im Ge­genteil ...

Während in Marthalers Team die guten und aufrechten Polizisten wirken, agieren auf der anderen Seite die »Bullen« – korrupte Beamte, die niemandem Rechenschaft abgeben, denn sie sind der verlängerte Arm der Politik. Bei so einer schlichten Konstellation ahnt der Leser bald, wer hinter der »Sterntaler-Verschwö­rung« steckt und was deren Ziel ist.

Doch der Leser denkt, Seghers lenkt. Der Autor braucht seinen Fiesling vom LKA wohl noch als Gegen­part für weitere Folgen der Krimireihe um Kommissar Robert Marthaler. Damit ihm nach der letzten Seite des Romans nicht zuviel Dreck am Stecken haftet, greift Jan Seghers tief in die Trickkiste, so dass die Auf­lö­sung arg konstruiert daherkommt und nicht recht überzeugt. Schade, denn ansonsten ist das Opus gute, ansprechende Unterhaltung und trotz seiner Komplexität prima aufbereitet. Manche der Nebenhand­lungen wiederholen bereits erzählte Ereignisse aus anderer Perspektive, was bei Schnell- und Am-Stück-Lesern vielleicht Dynamik und Spannung bremst, aber gemächlichen Genießern vom Typ »Ich schaffe täg­lich nur zehn Seiten« immer wieder schön in den Gesamtzusammenhang einhilft.


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