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Rezension zu »Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt« von Jesmyn Ward

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

von


Eine Mutter, jung und haltlos, fährt mit ihren beiden Kindern durch Mississippi, um deren Vater Michael aus dem Gefängnis abzuholen. Ein aberwitziger Roadtrip, der die Geschichte zweier Familien erzählt – einer schwarzen, einer weißen – und das ganze Elend der Südstaaten.
Belletristik · Kunstmann · · 302 S. · ISBN 9783956142246
Sprache: de · Herkunft: us

Die Toten zeigen den Weg

Rezension vom 13.03.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Das Mississippi-Delta, eine feucht-heiße, grüne Pflanzenwüste. Weiße, seit über zwei­hundert Jahren die selbst­ernann­ten Herren über das Land, die Natur und alles, was dort lebt. Schwarze, seit Genera­tionen ausgenutzt, ihrer Würde beraubt, zermalmt. Einzel­schicksale und ihre Verflech­tungen, in denen sich das Allgemeine kristal­lisiert. Geschichten von Reisen, die an Grenzen führen, von Gewalt, Leid, Armut, kleinen Hoffnun­gen, großen Ent­täuschun­gen handeln. Süd­staaten­epen mit diesen Elementen gibt es viele und seit Langem, aber nur wenige sind so erschüt­ternd, so kraftvoll, so realitäts­nah und so poetisch wie dieses. Der Roman von Jesmyn Ward, die manche Kritiker auf Augen­höhe mit Nobel­preis­träger William Faulkner sehen, wühlt auf, deprimiert, macht wütend, lässt ratlos zurück, entzündet aber auch ein Flämm­chen der Hoffnung.

Drei Generationen umfasst das Personal aus Lebenden und Toten. Zwei Familien leben in getrennten, unverein­baren Welten. In der mittleren Generation ergibt sich eine Verbin­dung zwischen ihnen, doch statt einer Brücke entsteht Chaos. Denn die einen haben eine dunkle, die anderen eine helle Haut, und allein das zählt vieler­orts noch heute im Süden der USA.

»Big Joseph«, einst der Sheriff des Ortes, ist ein wohl­haben­der Mann, den ein einfaches Credo lenkt: »Nigger bleiben Nigger.« Sein Sohn Michael findet ihn ein Relikt aus der Ver­gangen­heit. Sein eigenes Weltbild ist flexibel genug, dass er in der High­school die siebzehn­jährige Farbige Leonie schwängert, mit ihr zusammen bleibt und ein paar Jahre später ein zweites Kind bekommt.

Die beiden Kinder, Joseph und Michaela mit Taufnamen, Jojo und Kayla im Alltag, wachsen bei ihren dunkel­häuti­gen Groß­eltern auf, die sie »Mam« und »Pop« nennen. Während Jojo »Big Joseph« in seiner ganzen Kindheit nur zwei Mal zu Gesicht bekom­men hat und seine Mutter Leonie mit dem Gewehr bedroht wird, als sie das Terrain ihres Schwieger­vaters betreten möchte, sind Mam und Pop für den Jungen die zentralen Bezugs­personen. Von ihnen erhält er Liebe, Fürsorge und Weisheit. Als er elf war, hat Mam ihn aufgeklärt, und zu seinem drei­zehn­ten Geburtstag – mit dem die Roman­hand­lung einsetzt – hält Pop es an der Zeit, einen mutigen, verant­wortungs­vollen Erwach­senen aus ihm zu machen. Als eine Art Initia­tions­ritus schlachtet er mit ihm eine Ziege.

Jojos Eltern fallen als Erzieher weitgehend aus. Michael ist oft abwesend; er arbeitet auf der Bohrinsel »Deep­water Horizon« (wo er die Katastrophe von 2010 miterlebt) und muss dann ein paar Jahre im berüch­tigten Staatsge­fängnis Parchman Farm im Norden von Missis­sippi verbringen. Leonie ist eine ober­fläch­liche, egois­tische Person, die ihr Leben achtlos und verant­wortungs­los führt. Mit Drogen aller Couleur verschließt sie ihre Augen. Da sie ihre Kinder bei Pop und Mam gut aufge­hoben weiß, interes­siert sie sich nicht einmal mehr für ihre Bedürf­nisse, selbst als ihre Mutter schwer erkrankt und ans Bett gefesselt ist. Dass Bruder und Schwester wie siamesi­sche Zwillinge anein­ander­kleben, dass Jojo für Kayla alles tun würde, dass sich Kayla nur in seinen Armen wohl und behütet fühlt, löst in ihr Wut aus, vielleicht weil sie solche Geborgen­heit nicht empfinden konnte.

Jojos Geburtstagsfeier endet mit einem überraschenden Anruf. Michael wird vorzeitig entlassen. Das bringt zwei Tage später einen Roadtrip zwischen Farce, Katastrophe, Wahnsinn und Absur­dität in die Gänge. Gegen ihren Willen müssen auch die Kinder mit, um Michael abzuholen. Während Leonie allen möglichen Krempel in ihren ohnehin vermüll­ten Chevrolet stopft, denkt Jojo vorsorg­lich an die Reste vom Geburtstags­essen, Pop steckt ihm ein Voodoo-Leder­säck­chen mit einer Feder, einem Tierzahn und einem Fluss­kiesel zu, und der Junge versichert ihm, dass er noch alles kann, was Pop ihm beige­bracht hat, wie etwa Reifen wechseln. Dann muss noch Misty, Leonies weiße Arbeits­kollegin aus der Country-Bar, abgeholt werden, denn auch ihr Ehemann sitzt in Parchman ein. Dies und die gemein­same Abhängig­keit von Drogen jeglicher Art verbindet die beiden Frauen.

Zwei Stunden dauert die Fahrt in den Norden, unter­brochen durch ein paar Stopps für den Dope-Nach­schub. Kayla kotzt sich die Seele aus dem Leib, nachdem sie (mangels Früh­stück) irgend­einen Dreck vom Boden des Autos in ihren Mund gesteckt hat. Im Übrigen ist die Tour nach Parchman und zurück wie neben­bei angefüllt mit Erzähl­häpp­chen und Erinne­rungen, aus denen sich am Ende die schlüssige Geschichte einer farbigen Familie zusammen­fügt, mit mensch­lichen Verlusten, blutigen Narben, Schmerzen, Ängsten und Leid. Es ist die Geschichte eines ganzen Volkes.

Erzählt wird all dies abwechselnd von Jojo und Leonie. Doch es gibt noch eine dritte Perspektive. Sie gehört denen, die im Unrecht starben, denen man ein Begräb­nis verweigerte, die man in irgend­welchen Löchern verscharrte. Als Opfer nie gesühnter Verbrechen der Vergangen­heit erheben sie eine bedeutende, kraftvolle Erzähl­stimme, die den Leser bis zur apokalyp­tischen Schluss­szene in den Bann ziehen wird.

Ein solcher »unburied« ist das Kind Richie. Weil er beim Essensklau für seine hungernden Geschwister erwischt wurde, wurde er zur Zwangs­arbeit in der Arbeits­kolonie verurteilt. Mit zwölf war er der Jüngste in Parchman. Die Verbrechen, die ihm angetan wurden und ihn schließlich töteten, sind unaus­sprech­lich. Und »wenn jemand auf schlimme Art stirbt …, dass selbst Gott es nicht mitansehn kann, dann bleibt der Geist zur Hälfte da und wandert herum, sehnt sich nach Frieden wie ein durstiger Mann nach Wasser«.

So kommt es, dass auch der klapperdürre Geist Richie mit von der Partie ist, eingezwängt auf dem Boden des Autos zwischen Vorder­sitz und Kaylas Kinder­sitz. Jojo besitzt die seltene Gabe, die Toten zu sehen und mit ihnen kom­muni­zieren zu können. Er kennt Richie schon aus Pops erzählten Erin­nerun­gen, denn auch der musste vor langer Zeit ein paar Jahre in Parchman schuften. Die schreck­lichs­ten Details hat Pop seinem Enkel freilich erspart, und über­haupt ist seine Geschichte ein »motten­zerfresse­nes Hemd, zu Fetzen geschred­dert: Die Form stimmt, aber die Einzel­heiten sind ausradiert«. Jetzt könnte Richie Jojo erzählen, was Pop ausgelas­sen hat, und Richie hat selbst noch Fragen an seine Ver­gangen­heit.

Ein anderer Verstorbener, der die Lebenden begleitet, ist Given, Leonies drei Jahre älterer Bruder. Den hat »Big Josephs« zweiter Sohn auf dem Gewissen, denn er erschoss ihn hinter­rücks bei einer Jagd. Ein unglück­licher Unfall, wie es später hieß. Given erscheint Leonie nur, wenn sie im Drogen­rausch ist. Dann ist er besorgt, ermahnt sie, ihr Verhalten zu ändern, ihre Geschichte anders weiterzu­leben. Treu begleitet er Mam auf ihrem langsamen Weg ins Jenseits.

Die Geister all der niemals bestatteten Toten – Frauen, Männer, Mädchen, Jungs und Babys – hocken wie schwarze Silber­krähen in den Ästen eines Baums, singen und weinen, und ihre Augen sprechen, was man nicht in Worte fassen kann. Jojo kann ihren Anblick nicht ertragen, will sie mit einem Stock vertreiben, doch es gelingt ihm nicht. Erst Kaylas dahin­gebrab­beltes, un­verständ­liches Wortge­wirr, ihre gesungene Melodie, die sich mit dem Rauschen der Bäume, dem Geflüster der Geister verwebt, nimmt ihnen die Angst. Sie entspan­nen, hauchen ein »Ja«, stimmen mit Kayla ein: »nach Hause«.

Jesmyn Wards Roman »Sing, Unburied, Sing« Jesmyn Ward: »Sing, Unburied, Sing« bei Amazon, von Ulrike Becker ganz her­vorra­gend übersetzt, ist ebenso außer­gewöhn­lich wie die Autorin talentiert. Sie wurde 1977 in DeLisle, Missis­sippi, geboren und erhielt 2017 schon zum zweiten Mal den National Book Award for Fiction. Meister­haft und beein­druckend, wie sie in ihren Schilde­rungen des Grauens, des Verbrechens und des Todes drasti­schen Realis­mus und Poesie verbindet. Mit analyti­scher Präzision legt sie das selbstge­rechte, oft genug gesell­schaft­lich akzep­tierte Vorgehen der Täter bloß, schonungs­los beschreibt sie die mitleid­lose Bestialität eines Lynch­mordes, einfühl­sam das Leid der Opfer. In der Aus­sichts­losig­keit ihres Daseins in Armut, Unter­drückung und Diskrimi­nierung finden die Farbigen Trost bei rätsel­haften Göttern, Geist­wesen und Voodoo – oder suchen Zuflucht in Drogen.

Ein aufkeimender Hoffnungsschimmer ist die heranwachsende Generation. Jojo und Kayla, von ihren Großeltern bedingungs­los geliebt und unter­stützt, tragen das Wissen um ihre recht­losen, miss­handel­ten Vorfahren in ihren Seelen. Die irrsin­nige Autofahrt ist ihre eigene Prüfung, bei der sie Todes­ängste bewältigen müssen. Kayla geht an der Auszeh­rung ihres entkräf­teten Körpers fast zugrunde, Jojo wird von einem Polizisten in Hand­schellen gelegt und mit seiner Pistole am Kopf bedroht. Was sie rettet und auf eine Zukunft in einer besseren Gesell­schaft hoffen lässt, sind ihre gegen­seitige Verbunden­heit, ihre intuitive Für­sorg­lich­keit, ihr Verant­wortungs­bewusst­sein.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2018 aufgenommen.


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