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Rezension zu Jess Kidd: »Der Freund der Toten«

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Der Freund der Toten

Belletristik · Dumont · · Gebunden · 384 S. · ISBN 9783832198367
Sprache: de · Herkunft: gb

Bewertung: 4 Sterne
Ein ›Moses‹ aus Mulderigg

Rezension vom 02.08.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die uns bis dato unbekannte britische Autorin Jess Kidd (*1973) sollte man sich unbedingt merken. Mit ihrem Erstling »Der Freund der Toten« hat sie einen köstlich amü­santen, zugleich abgrund­tief düste­ren, spannen­den Lese­genuss vorgelegt. Der Plot – Waisen­kind sucht als junger Erwach­sener nach seiner Herkunft – ist nicht neu, aber Jess Kidds Bearbei­tung setzt sich von ande­ren deutlich ab. Für ihr be­stechen­des Sprach­talent gilt ohne weiteres, was sie aus einem irischen Pub schildert: »Worte können fliegen. Sie sausen durch Fenster, über Zäune ... von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund ... unter­wegs gewin­nen sie an Tempo und Gewicht und Substanz und Schwer­kraft. Bis sie mit einem satten Geräusch landen, Wurzeln schlagen und so schnell wachsen wie besonders unbe­zähm­bare Bohnen­ranken.« Mit über­borden­der Fantasie schreibt sie mal poetisch, mal magisch-fantas­tisch, mal schnoddrig-derb, gewürzt mit irisch-folk­loristi­schem Touch. Der Mix macht's, dass man dieses Buch begierig verschlingt.

Die Handlung spielt in einem kleinen irischen Dorf auf zwei Zeit­schienen, mal in den Fünfzi­gern, mal in den Sieb­ziger­jahren. Dort in der Provinz tritt ein ganzes Panop­tikum schräger Typen auf – skurrile, schlam­pige, ruppige, mehr oder weniger sympa­thische und durchweg einzig­artige, die man in der Art, wie sie mit ihren Mit­men­schen umgehen, auf Anhieb interes­sant findet.

Nicht weniger originell sind die Verstorbenen des Dorfes, die nachts aus den Gemäuern hervor­klettern, das Geschehen vom Rande aus beob­achten und gelegent­lich gar ein bisschen aktiver werden, als man hoffen dürfte. Sie »schweben zaghaft ... verharren jäh und gaffen«, aber es zieht sie nur zu den »Verwirr­ten«, den »Ge­broche­nen«, »zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihren Geschich­ten, die die Toten furcht­bar gern füllen würden«. Wer »wie die meisten von uns mit einem beruhi­gen­den Mangel an Visionen gesegnet ist«, kann diese stillen Gäste nicht einmal sehen.

Protagonist Mahony jedoch entdeckt sie überall, denn seine Geschichte ist nichts als ein Flicken­teppich. Schon deshalb sind die Verstor­benen ihm wohl­geson­nen und bleiben in seiner Nähe.

Die Nonnen, bei denen er groß wurde, haben ihm erzählt, er sei als Baby in einem Korb »mit einer Decke aus Laub und einem Kopf­kissen aus Rosen­blüten­blättern« vor der Tür des Waisen­hauses St. Martha in Dublin abgelegt worden, und Mahony hat ihnen diese hübsche Legende, die ihn ein bisschen mit dem alt­testa­menta­rischen Moses verbindet, immer gern abge­nommen. Was sie still für sich behielten, war ein Brief samt Foto aus dem Korb.

Um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, muss Mahony erst 26 Jahre alt werden. Da sucht Father McNamara den inzwischen berüch­tigten Ehe­maligen in seiner Dub­liner Stamm­kneipe auf, über­gibt ihm den ver­schlosse­nen Brief­um­schlag, und Mahony erfährt daraus seinen wahren Namen (Francis Sweeney) und die trauri­gen Tat­sachen seiner Her­kunft. Seine Mutter Orla war blut­jung zur Schande ihres Dorfes gewor­den, wes­halb man ihr den Jungen weg­nahm und den frommen Frauen in Dublin über­ließ. »Ich werde mal dahin fahren, die Lage peilen«, raunt Mahony seinem Theken­nach­barn zu.

Mulderigg, das Kaff, das Mahony am Abend mit Bus und Rucksack erreicht, scheint ein Idyll des Friedens und der Ordnung, wo sich die Frösche im Syn­chron­schwim­men üben und die Mammys um Kinder und Abend­essen kümmern, während die Daddys danach lechzen, dass sich endlich die Tür zum Pub öffnet. Dessen Besitzer Tadhg Kerrigan, der jede gott­ver­dammte Seele des Dorfes kennt, durch­schaut den Neu­ankömm­ling sofort als »Dichter oder Groß­maul«, der »sich dringend mal waschen« müsste, und dem er seine Un­schulds­behaup­tung, er wolle sich hier »ein Weil­chen von der Groß­stadt« erholen, selbst­ver­ständ­lich nicht abnimmt. Vielmehr gerät zum ersten Mal seit langer Zeit sein Kreislauf in Wallung. Nachdem Tadhg in Mahonys lachende Augen geblickt hat, kann selbst ein rasch herunter­geratter­tes stummes Gebet die »dunkels­ten von Mulderrigs dunklen Träumen« nicht mehr ver­treiben: Diese Augen hat Tadhg »schon mal gesehen«.

Dass Mahony hier in ein Wespennest stoßen wird und die Dorf­bewoh­ner ein dunkles Geheim­nis aus der Ver­gangen­heit hüten, ahnen wir, seit wir gleich auf den ersten Seiten Zeugen sämt­licher Details von Orlas grau­samer Ermor­dung im Jahre 1950 wurden. Doch nie­mand im Dorf will etwas von so einer Blut­tat gewusst haben. Jeder behauptet, das Mädchen sei vor Jahren fort­gegan­gen, um ihr Glück wo­anders zu finden, und habe ihren Bastard mitge­nom­men. Nur mühsam wird Mahony das Dunkel um die Geschichte seiner lebens­lustigen Mutter erhellen können, die in diesem bigotten Dorf nie eine Chance hatte, sie selbst zu sein.

Bei seinen Nachforschungen steht Mahony nur eine Verbün­dete zur Seite, die verschro­bene »alte Hexe« Mrs Cauley. Einst Muse unzäh­liger kolossal talen­tierter Künstler und selbst eine begnadete Schau­spiele­rin, ist sie nun seit zwanzig Jahren einziger zah­lender Dauer­gast in der bau­fälli­gen Pension, in der auch Mahony ein Zimmer bezieht. Wer die Biblio­thek – das »literari­sche Laby­rinth« aus Stapeln von Büchern, Zeit­schrif­ten, Dreh­büchern nebst allerlei Quellen übler Gerüche – durch­schrit­ten hat, erreicht eine Lichtung, wo die kahl­köpfige alte Frau, beschie­nen von einer Lese­lampe, in ihrem Bett residiert. Resolut und ideen­reich ist sie dem jungen Mann eine große Hilfe, denn sie kennt ihre Pappen­heimer. Keiner der Dorf­bewoh­ner kommt bei ihr gut weg. Die eine klaut, die andere nervt und lästert, die dritte petzt jegliches Ver­gehen dem Priester, und die Neugier der Nachbarin provo­ziert die unwürdige Greisin gern selbst, indem sie ihre Unter­wäsche aus dem Fenster schwenkt.

Jess Kidd erzählt von großer Schuld, von Versuchung und ab­scheu­lichen Verbrechen. Die Beklem­mung, die sich ange­sichts der verlo­genen, verderb­ten, schein­heili­gen Dörfler einstellt, löst sich dank der Märchen­haftig­keit der ver­wunsche­nen Fan­tasie­welt und der irrea­len Origina­lität der monströ­sen und zugleich urkomi­schen Situatio­nen, die die Autorin genüss­lich ausmalt.

Die nackte Wahrheit aber kennt einzig der unbe­kannte Verfasser des Briefes.

Diesen gelungenen Debütroman (»Himself« Jess Kidd: »Himself« bei Amazon , von Ulrike Wasel und Klaus Timmer­mann grandios ins Deutsche über­setzt) habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Sommer 2017 aufge­nom­men.


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»Der Freund der Toten«
von Jess Kidd
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