Rezension zu »Die Spuren meiner Mutter« von Jodi Picoult

Die Spuren meiner Mutter

von


Belletristik · Bertelsmann · · Gebunden · 512 S. · ISBN 9783570102367
Sprache: de · Herkunft: us

Elefantenliebe

Rezension vom 12.12.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Jenna Metcalf war drei Jahre alt, als ihre Mutter Alice sie verließ. Nie konnte sie verstehen warum. Ihre ersten früh­kindlichen Erinne­rungen – ein zarter Kuss auf der Stirn, ein hinge­hauchtes »Liebling« – lassen keinerlei Vorzeichen erahnen. Mit dreizehn hat der Verlust­schmerz über­hand­genom­men. Das Mädchen begibt sich auf die Suche nach den Spuren der Mutter und ihrem Verbleib.

Material bietet sich Jenna genug. Sie hat nicht nur Alices Notiz­bücher, sondern auch jede Menge Zeitungs­artikel, Webseiten und For­schungs­arbeiten zur Ver­fügung. Denn Alice war eine bekannte Neuro­biologin. Sie hatte in Botswana das Verhalten von frei lebenden Elefanten studiert und speziell ihre kognitiven Fähig­keiten unter­sucht. Dann verliebte sie sich in den Verhal­tens­forscher Thomas Metcalf, der in New Hamp­shire ein Schutz­reservat für ehe­malige Zoo- und Zirkus­elefanten leitete. Sie gab ihre Fo­rschungen in freier Wildbahn auf, um nun das empathische Trauer­verhalten der afrika­nischen und asia­tischen Elefanten im Reservat des »New England Elephant Sanctuary« zu beob­achten. Tochter Jenna wird geboren, doch Thomas zer­mürben die gravie­renden Sorgen um die Finan­zierung seines Projekts und den Erfolg seiner Zucht­bemü­hungen.

Ein schrecklicher, rätselhafter Zwischenfall zerstört drei Jahre später die junge Familie. Im Gehege liegt der leblose Körper einer Tier­pflegerin, die offen­kundig von einem Elefanten nieder­getram­pelt wurde. Etwa eine Meile entfernt findet man Alice Metcalf blut­über­strömt und bewusst­los. Sie wird ins Kranken­haus gebracht und verschwin­det noch in der Nacht spurlos. Die Polizei kann keiner­lei weitere Erkennt­nisse über die beiden Hergänge zutage fördern, ordnet den Todes­fall als »Unfall« ein und schließt die Akten.

Thomas Metcalf ist am Ende. Er versinkt dauerhaft in seiner eigenen Gedanken­welt und endet in einer psychia­trischen Einrich­tung. Die Groß­mutter nimmt das eltern­lose Klein­kind bei sich auf und zieht es groß. Doch die Umstände von Alices Verschwin­den sind für alle Zeiten ein Tabu­thema, das Groß­mutter in Rage bringt, sobald Jenna es anzu­schneiden versucht.

Was das Mädchen besonders bedrückt, je mehr es sich in die Forschungs­ergebnisse seiner Mutter einar­beitet, ist die Diskrepanz zwischen der ausge­prägt starken Bindung zum Nach­wuchs, die Alice bei Elefan­ten­müttern beob­achtet und bewundert, und ihrer Haltung dem eigenen Kind gegen­über. Wenn ein Kalb stirbt, trauert die Elefanten­kuh tagelang, lässt den Leichnam nicht allein, umkreist ihn, deckt ihn mit Zwei­gen zu. Es fällt Jenna schwer zu verstehen, dass ihre Mutter nicht so viel mütter­liche Fürsorge aufge­bracht, sondern ihre geliebte Tochter allein zurück­gelassen haben sollte. Zu ergründen, dass sie vielleicht in einer Notlage so zu handeln gezwun­gen war, könnte sie eher akzep­tieren, als sich weiter­hin vernach­lässigt und hintan­gestellt fühlen zu müssen.

In Jodi Picoults spannendem Roman »Leaving Time« Jodi Picoult: »Leaving Time« bei Amazon (von Elfriede Peschel übersetzt) erzählen vier Prota­gonisten (jeweils in der Ich-Form) ab­wechselnd und in der Chrono­logie vor- und zurück­springend ihre Kapitel. Jenna schaut auf ihre Kindheit zurück und berichtet von ihren Recher­chen; Alice erzählt von ihren erfül­lenden For­schungen in Afrika und ihrer problem­reichen Zeit mit Thomas und Jenna in New Hamp­shire; außer­dem kommen zwei Personen zu Wort, denen Jenna begegnet und die sie einspannt, um ihr bei der Spuren­suche mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Beide sind im Leben abge­stürzt und erhalten jetzt so etwas wie eine zweite Chance. Mit Virgil Stan­hope nimmt Jenna einen Profi ins Team. Er brachte damals die bewusst­lose Alice Metcalf ins Kranken­haus und ermit­telte als Polizist im Fall der getöte­ten Tier­pflege­rin. Jetzt arbeitet er als Privat­detektiv. Mit der hoff­nungslos un­fähigen Hell­seherin Serenity Jones, die ihrer über­sinn­lichen Kräfte selbst nicht so ganz sicher ist, kommt hin­gegen ein irratio­nales Element ins Spiel, das durch para­psycho­logische, über­sinn­liche Ereignisse im weiteren Verlauf der Hand­lung gestärkt wird. Obwohl mir derlei äußerst suspekt ist, bekommt das Konzept in der Rück­schau eine gewisse Legiti­mation.

Denn mit Jenna und ihren beiden Assistenten tauchen wir immer tiefer in eine komplexe Geschichte ein, spielen diverse mögliche Szenarien durch, die zur Katastrophe hätten führen können, und stellen uns darauf ein, dass sich alle am Ende mit brutalen Wahr­heiten aus­einander­setzen müssen. Doch nichts ist so, wie es scheint. Dieser Roman endet mit einer derart uner­warte­ten Wendung, dass man sprachlos, schockiert und mit un­gläubi­gem Staunen zurück­bleibt.

Das argloseste Wesen in diesem Roman ist sicherlich der Elefant, der gut­mütige, edle, faszinie­rende Riese. In Alices Kapiteln erfahren wir auf unter­halt­same Weise viel über seine beein­druckende Intelli­genz und den stabili­sierenden Zusam­menhalt in der Herde. Es scheint, dass er Wut, Trauer, Zu-, Ab­neigung und Schmerz empfinden kann und den Wert der Treue schätzt. Die Parallelen zwischen den Dick­häutern und dem Menschen werden deutlich heraus­gestellt. Umso schlimmer, wie übel der Mensch diesem Tier mit­spielt. Die Autorin erspart uns nicht die grau­same Realität. Teils unfassbar traurige Epi­soden erzählen von lei­denden, qual­voll sterbenden Elefanten.

Die menschliche Hauptperson ist Jenna, ein vor der Zeit gereifter, selbst­sicherer Teenager, vor­witzig und lebens­klug, wie man ihn in der Realität kaum antreffen wird. Ihr Erzähl­stil ist frisch und amü­sant, aber ihre Denk­weise zu souverän, zu abgeklärt. Die Dreizehn­jährige dirigiert die Erwach­senen ein bisschen zu über­heblich und oft empathie­los. Bevor sie Virgil Stan­hope engagiert (»Wir sollten das bei einem Kaffee besprechen.«), hat sie ihn schon im Griff: »Sie hätten versuchen sollen, [die ver­schwun­dene Alice Metcalf] zu finden. Und das haben Sie nicht getan. Sie sind mir jetzt also was schuldig.« Was ist davon zu halten, dass ein so junges Mädchen mutter­seelen­allein und ohne Ticket einen Bus besteigt und 1600 Kilometer weit zu einem Elefanten­reservat fährt, wo die Tiere ihres Vaters nach der Schlie­ßung seines Sanctuary unter­gebracht wurden? Oben­drein lässt sie ihre für­sorg­liche Groß­mutter ohne jede Kontakt­möglich­keit zurück. Zwar hat sie »ihr einen Zettel hinter­legt, aber absicht­lich mein Mobiltelefon ausge­schaltet, weil ich ihre Reaktion eigent­lich gar nicht hören möchte, wenn sie ihn findet.« Dafür, so schwant es ihr, wird es »mit Sicher­heit Haus­arrest geben, bis ich ... sechzig bin.«

So viel sei verraten: Es kommt viel schlimmer.


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