Rezension zu »Doppio cielo« von Giulio Angioni

Doppio cielo

von


Belletristik · Maestrale · · 176 S. · ISBN 9788864290232
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

Helden der Finsternis

Rezension vom 24.08.2015 · 4 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Luisu (sardisch für Luigi) ist fünfzehn und kennt noch nicht viel von der Welt außerhalb von Fraus, einem fiktiven Landstädtchen im Südwesten Sardiniens, wo nur Kranke in einem Bett schlafen und noch niemand eine Toilette mit Wasserspülung benutzt hat. Aber wissbegierig ist er: »Lui è uno che sa bene di cose di campagna, di annate e di stagioni, di buoi e di cavalli, di servi e di padroni, di zappe, falci e aratri e tempi e modi di lavoro sotto il cielo alto.« Der padrone, in dessen Diensten er als Kuhhirte und Pferdepfleger steht, vertraut ihm. So kann Luisu seine familiären Verpflichtungen erfüllen. Nach dem Tod des Vaters Efisio braucht die Mutter Maria seine Unterstützung, und der älteren Schwester Lica muss er zu einer an­ständigen Hochzeitsfeier verhelfen, ehe ihr Kind unehelich zur Welt kommt.

Die Zeiten sind hart. Das faschistische Regime herrscht seit über zwei Jahrzehnten; Sanktionen des Völ­kerbundes schwächen die Wirtschaft, seit Benito Mussolini 1935 die völkerrechtswidrige Eroberung Abes­siniens angezettelt hat, und im Sommer 1940 ist Italien neben Deutschland in den Weltkrieg eingetreten. Vor allem die eklatanten militärischen Fehlentscheidungen des Duce haben das Land in eine politische, so­ziale und militärische Krise geführt und sein persönliches Ansehen untergraben. Im Herbst 1942 rumort es in linken, monarchistischen und sogar faschistischen Kreisen; Widerstand formiert sich.

Nicht aber in Fraus. Auf dem unpolitischen Lande funktioniert die Propaganda im Frühjahr 1943 noch. Deshalb ist Lui­sus padrone stolz, dass sein bestes Pferd Baieddu für den Dienst am Vaterland ausgewählt wurde. Die Einkäufer der staatlichen Berg­werks­ge­sell­schaft »Azienda Carboni Italiana, la maggiore del regno e dell’impero«, wollen es ihm abkaufen. Luisu darf das sensible Tier, mit dem er innig verbunden ist, nach Carbonia bringen, wo die Gesellschaft moderne Minen betreibt. Zwei ganze Tage ist er auf dem Pferd unterwegs, ohne Sattel. Was sie am Ziel erwartet, ahnt er nicht: Baieddu wird untertage Loren zie­hen, und den Jungen behält man gleich mit da, um ihn als Bergmann zu rekrutieren. Die gute Bezahlung (er denkt an Lica und die Mutter) hält ihn davon ab, Reißaus zu nehmen und ins arme Fraus zurückzukehren.

Carbonia ist eine künstlich angelegte Stadt, politisch gewollt und inszeniert, um Italien zu neuer Größe zu verhelfen. Zu ihrer Einweihung Ende 1938 reiste der Duce persönlich an, um die Bedeutung des sardischen Bergbaus pro­pa­gan­dis­tisch zu über­höhen. Die dort geförderte Kohle sollte Italien helfen, die Sanktionen zu umgehen und seine imperialen Träume zu realisieren. Die Bergleute werden stilisiert als Kämpfer an einer gefährlichen Front und Helden, die zum Ruhme ihres Vater­landes ihr Leben riskieren wie die Solda­ten auf den Schlacht­feldern (»la miniera di Serbariu è un luogo di lotta del genio e dell’industriosità umana contro le forze oscure della natura sotterranea«). Heroisierung ist gut, Kontrolle ist besser: Werksleitung und Aufseher halten Augen und Ohren offen, damit sie subversive anti­faschis­tische oder gar kommu­nisti­sche Aktivitäten und Sabotage schon im Keim erkennen. Dann sind sie gleich mit der Drohung bei der Hand, dass jetzt das Militär­gericht zuständig sei und kein Pardon kenne.

Die Arbeit im Bergwerk ist also politisch aufgeladen. Allerdings hält die nüchterne Realität in Zeiten des Krieges die hoch­fliegen­den Ambitio­nen am kurzen Zügel. Wo für »lo sforzo bellico per il carbone autar­chico del duce« modernste Technik und Material in Hülle und Fülle bereit­stehen sollten, nagen Mangel und Makel. »Colpa della guerra se da tempo troppe cose non funzionano più, né sopra né sotto, niente macchine nuove, già molte cose mancano all’appello, senza speranza di pezzi di ricambio. Si va a ritroso, ed ecco Baieddu a tirare i vagoni, mentre in altri pozzi e livelli si spinge a forza di braccia. Le pompe idrauliche in certi pozzi sono solo un rimpianto, ed eccoci coi piedi nell’acqua alle caviglie, in ristagni nerastri, o bianchicci come l’anice in acqua nelle bettole in città. E ancora non è il peggio, come il pericolo d’inondazione …«

Der eklatante Widerspruch zwischen Propaganda und Alltag lässt noch den naivsten Kumpel zweifeln an den groß­spurigen Parolen der ideologisch linien­treuen Werks­führung. An deren Spitze thront »Dio-in-terra-e-sottoterra«, der Direktor, darunter folgen in der Hierarchie der Leitende Ingenieur (»l’Ingegnere Capo, del Talpa, un continentale allampanato con un fare da talpa, il destino nel corpo cavo senz’anima, ubbidiente a dove e come il duce vuole«) und schließlich der allgegenwärtige, vielgesichtige Vorarbeiter »il Polacco«.

Die Handlung dieses Romans verläuft äußerlich schlicht und geradlinig. Der brave Luisu vom Dorf erkun­det staunend seine neue moderne Umgebung – Schacht, Stollen, Förderanlagen, Wohn-, Speise- und Frei­zeit­anlagen. Er fasst Zutrauen zu den Arbeitern aus den verschie­densten Regionen Italiens , lernt ihre Tätig­keiten, Gebräuche und Gedanken schätzen. An seine Seite gesellt sich Ferriero Dondi, 28. Er lehrt den aufmerksamen Jungen alles, was er lernen muss über Vortrieb, Strecken­ausbau, Sprengen und die Sen­sibilität für die ›Sprache‹ des Gesteins. Rasch wächst Luisus Kompetenz, vor allem im Umgang mit den Gefahren des Gruben­gases (»grisù«). Nur der frühe Tod des Pferdes, dessen Pflege ihm oblag, trübt seine Lehrzeit unter Tage.

Doch Arbeitswelt, Ereignisse und Erlebnisse Luisus und seiner Kameraden, so anschaulich und faszinie­rend sie erzählt werden, stehen nicht im Fokus, sondern definieren die gesell­schaft­lichen Umstände. Dazu gehören auch die traditionellen Sitten der dörflichen Gemeinschaft, die das Trauern ebenso starr regle­men­tie­ren wie die zarte Begegnung zwischen Mädchen und Jungen. Der rote Faden ist Luisus ›politische Mensch­werdung‹, seine Emanzipation. Denn Ferriero Dondi, studierter Bergbau­ingenieur, belesen, geduldig, schwärme­rischer Anarchist, klärt den Jungen politisch auf, indem er ihm die Augen dafür öffnet, was der Faschismus ist und mit den Menschen anrichtet, und ihm Begriffe wie »solidarietà« erläutert (»Quaggiù io sono al tuo servizio come tu al mio. Solo così, tutti e due, con gli altri tutti insieme si torna su ogni volta, a rivedere il sole e l’altre stelle.«) – und »Luisu capisce«. Ferriero ist Luisus kluger Lehr­meister und Erweiterer seines Hori­zonts, er gibt ihm Wörter, und er ist das Sprach­rohr für die humanis­tische Welt­anschau­ung des Autors.

Der Sarde Giulio Angioni, geboren 1939, ist ein Multitalent: Wis­sen­­schaft­ler von euro­päi­­schem Rang (Pro­fes­su­ren für Kultur- und Sozial­anthropo­logie) und innovativer Schriftsteller (Belletristik und Lyrik). Seine For­schun­gen und eigenen Werke trugen in den Achtziger Jahren zu einer Erneuerung der sardischen Literatur bei, die bis heute ausstrahlt (»Neue sardische Lite­ratur | Nuova letteratura sarda«). Fernab jeglicher literarischer Moden, Manierismen und thematischer Hypes konzipiert dieser große Autor, der nördlich der Alpen er­staun­licher­­weise noch immer kaum bekannt ist, seine Romane, die von einem charakteristischen Erzählstil getragen sind: realistisch, aber niemals platt; sanft, aber kraftvoll; anrührend, aber unsentimental; ästhetisch, aber niemals gekünstelt; poetisch, aber nicht romantisierend. »Doppio cielo« ist emotional, intellektuell und literarisch vielschichtig: Der Roman dokumentiert wirklichkeits­nah Arbeitswelt und Lebens­umstände in einer »miniera militarizzata«, zeichnet Personen mit Herz, Verstand und Charakter, erzählt die Initiations­geschichte Luisus (als Bergmann, als Mitglied einer Solidar­gemein­­schaft, als Liebender), entwickelt eine Tragödie griechischen Formats, verquickt seine Handlung mit der Geschichte Italiens (Sturz Mussolinis im Juli 1943) und spielt mit einer Vielzahl rekurrierender Motive. Eines gibt den Titel: »Chi si abitua troppo al cielo basso di sotto, diceva tziu Macis, si spaventa del cielo di sopra, delle troppe stelle, ha le vertigini del cielo così alto, troppa luce.« Ein symbolstarker Traum (»il sogno del mandorlo che aspetta il fuoco in cima alla collina di Cavanna«) begleitet Luisu wie eine böse Vorahnung, und ein drittes Leitmotiv ist das des »corpo nuovo«, das wiederum doppelten Bezug hat: »Se finora tu hai avuto un corpo da bovaro, […] ti devi fare un corpo minatore. Un corpo per la vita sottoterra, carne sangue cer­vello nuovi per il mondo scuro, per la paura nera, triste di trabocchetti e soprassalti.« Mit der geduldigen Werbung um die schöne Marialuisa, Tochter eines wahren Helden des Bergwerks, erschließt sich ihm eine weitere Dimension: »Poi, nell’erba alta degli incolti de Is Loccis, quel pomeriggio Luisu ha capito molto meglio che cosa vuol dire avere un corpo nuovo.«


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