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Rezension zu »Stiller Tod« von Roger Smith

Stiller Tod

von


Thriller · Tropen · · Gebunden · 380 S. · ISBN 9783608501322
Sprache: de · Herkunft: gb

Macht als Lebenselixier

Rezension vom 17.12.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wer sich auf einen Krimi von Roger Smith einlässt, wird wissen, was ihn erwartet. Der südafrikanische Bestsellerautor hat seine Leserschaft gefunden. Mit "Stiller Tod" ("Capture", übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann) ist nun der vierte hard-boiled-Thriller, der seinesgleichen sucht, bei Tropen auf Deutsch erschienen. Brutal und schockierend - der Autor erspart uns nichts: erniedrigende, sadistische, menschenunwürdige Akte aller Art werden in ungedämpft drastischem Vokabular schonungslos offen beschrieben. Einen Roger-Smith-Roman gibt es eben nur in dieser Härte, und so sehr derlei Textstellen mich auch anwidern und unangenehm an Voyeurismus erinnern, so muss ich doch gestehen: Sie passen ins Konzept, sie müssen so sein, nur so wird in diesem Fall authentisch erzählt.

Im Zentrum der Handlung von Smiths vorangegangenen Romanen standen die Loser, die Schwarzen in den Cape Flats, samt Drogenhandel, Gewalt und Korruption. Die Protagonisten in "Stiller Tod" sind dagegen ein reiches weißes Ehepaar. Der 36-jährige Nicholas ("Nick") Exley lebt mit Frau Caroline und Tochter Sunny, 4, in einer noblen Designvilla direkt am Privatstrand von Llandudno Beach, Kapstadt. Der Sicherheitsdienst Sniper Security bewacht das eingezäunte Gelände mit weiteren Luxus-Domänen. Einer der Aufpasser ist Vernon Saul, 33. Der Schwarze war Cop, trug aber nach einem Schusswechsel ein lahmes Bein davon und wurde deswegen aus dem Dienst entlassen. Jetzt sitzt er auf den Klippen und beobachtet das Geschehen am Strand. Während Nick mit einem Nachbarn geruhsam einen Joint raucht, hat Caroline in der Küche ein Stelldichein mit ihrem Lover Vlad. Die kleine Sunny stört überall und soll sich selber beschäftigen. Das tut sie - am Meer. Plötzlich wird sie von den Fluten ergriffen, taucht noch mehrfach wieder auf, ertrinkt aber schließlich. Vernon hat das Kind am Wasser spielen sehen, hätte eingreifen und den Tod der Kleinen vielleicht verhindern können, aber er wartet ein wenig ab ... Als Nick beherzt in die Wogen springt und das Kind an Land zieht, ist Vernon zur Stelle, um eindrucksvolle Wiederbelebungsversuche zu vollführen. Doch wie Vernon bewusst einkalkuliert hat, kommt beider Hilfe zu spät.

Vernon ist ein skrupelloser Drecksbulle. Für ihn zählen nur sein grenzenloses Ego und sein soziopathisches Machtgehabe über andere. Nie hatte er Hemmungen, Menschen abzuknallen und den Tatverlauf anschließend so zu manipulieren, dass man ihm nichts nachweisen kann. Jetzt hat er sogar Macht über einen Weißen erlangt. Geld will er nicht; er genießt vielmehr das Gefühl, gebraucht zu werden, die Fäden in der Hand zu halten.
Erst spielt er sich als Vertrauter auf, vermittelt Nick einen Bestatter, dann aber bestimmt endgültig der Horror Nicks Leben. Auf Vernon ist Verlass: Er sorgt für alles, ist ständig vor Ort; Tatwaffen verschwinden, und ein unschuldiger Rasta muss sein Leben lassen, um als vermeintlicher Täter aufgebaut zu werden.
Ganz durchschaut Nick Vernons Machenschaften nicht, aber er lässt ihn gewähren. Welche Schuld er selber trägt, verdrängt er. Schließlich hat Vernon ihn in der Hand: Nick hat keine Wahl mehr, es gibt kein Zurück für ihn.

Widerwärtig verhält Vernon sich gegenüber seiner schwer zuckerkranken Mutter Yvonne. Er pöbelt sie an, verprügelt sie, hasst sie abgrundtief. Denn nie hat sie ihn vor seinem Vater beschützt, der den Jungen jahrelang missbrauchte, bis Vernon dem Ganzen selber ein grausiges Ende bereitete. Das Cover des Buches lässt ahnen, wie er das anstellte ...

Der schwarzen Stripperin und Prostituierten Dawn graut es vor Vernon - sie spürt, welche Gefahr von ihm ausgeht, und sie ahnt, was er schon alles auf dem Kerbholz hat. Aber nie wird sie vergessen, wie er ihr geholfen hat. Mit großem Einsatz hat er dafür gesorgt, dass sie ihr kleines Mädchen Brittany aus der Pflegefamilie zurückerhält. Nun bewacht Vernon die alleinerziehende Dawn auf Schritt und Tritt und kontrolliert, ob sie von Drogen und Alkohol losgekommen ist und sich nicht mehr an Männer verkauft. Er fordert von ihr keinerlei Gegenleistung; an Sex hat er kein Interesse. Genugtuung und Befriedigung zieht er allein aus der uneingeschränkten Macht und den Möglichkeiten, ganz nach Belieben seine Beziehungen auszuspielen.

So zieht der stille Tod wie eine Schnecke mit blutiger Schleimspur unabwendbar ihre immer breiter werdende Bahn. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von acht Tagen, in denen die tödliche Gewalt von Szene zu Szene zunimmt. Der schwer traumatisierte Vernon ist eine Inkarnation der Perversion. Einerseits gibt er sich als Retter in der Not, genießt dann die Abhängigkeit des ihm zu Dank Verpflichteten - andererseits ist er ein Satan, der nur Böses im Sinn hat, dessen seelische Abgründe bodenlos sind. Er ist ein waidwundes Tier, das zwangsläufig zur Strecke gebracht werden muss.

Wie selbstverständlich wandelt Vernon zwischen den Extremen der Gesellschaft. Während Nick dickes Geld mit Computeranimationen verdient, muss sich Dawn im "Lips" als Stripperin anbieten. Während die Exleys auf einer Insel des Luxus residieren, haust Dawn mitten drin in den Slums, wo Dreck, Gestank und alle Auswüchse von Kriminalität den Alltag unerträglich machen. Sie weiß, dass rund um sie herum alle Mädchen Missbrauchsopfer sind - wie sie selbst es war. Jetzt ist sie entschlossen, ihrer Tochter dieses Schicksal zu ersparen. Sie will sich selbst herauskämpfen aus dem Elend und besonders Brittanys Zukunft sichern. Als Vernon sie mit Nick zusammen bringt, wird Dawn sich diese Chance nicht gefährden lassen. Aber Vernon hat andere Vorstellungen ...

Erneut führt uns Roger Smith in aller Drastik Südafrikas Realitäten vor Augen: Rassentrennung, gegenseitiger Hass, schier unvorstellbare Lebensumstände, unbarmherzige Kriminalität, ausufernde Gewalt in allen Formen. Die Schilderungen der unerträglichen gesellschaftlichen Gegensätze und enthemmten Konfrontationen schmerzen und erzeugen ein Unwohlsein, das noch lange nachhallt. Wer das erträgt, den fasziniert "Stiller Tod" durch intensive, ambivalente Charaktere aller Couleur.


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