Rezension zu »Mitte« von Volker Kutscher und Kat Menschik

Mitte

von


Die Erlebnisse des Friedrich »Fritze« Thormann nach der Olympiade 1936, während die Deutschen ihre Rechte und Freiheiten verlieren. Wie die meisten, nimmt er hin, was vor sich geht.
Historischer Krimi · Galiani · · 128 S. · ISBN 9783869712468
Sprache: de · Herkunft: de

Neue Puzzlesteinchen

Rezension vom 29.03.2022 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Für den fünfzehnjährigen Waisenjungen Friedrich Thormann aus Berlin hat sich im Sommer 1936 ein Traum erfüllt: Er durfte als Helfer bei den Olympi­schen Spielen mitwirken. Er bekam nicht nur Jesse Owens, den schnell­sten Mann der Welt, zu sehen, sondern auch den ›Führer‹ Adolf Hitler in seiner Loge und Leni Riefen­stahl mit ihren hoch­modernen Kameras. Wie Hundert­tausende Zuschauer aus Deutsch­land und dem Ausland ergriff das Olympia-Fieber auch den eifrigen Hitler­jungen »Fritze«. Kritische Stimmen zu längst zu beobach­tenden totali­tären Zügen im Lande, zu Willkür, Ausgren­zung, Unter­drückung und Gleich­schaltung konnten ihn nicht mehr erreichen, seit er seinen »politisch unzu­verläs­sigen« Pflege­eltern, dem Kriminal­kommis­sar Gereon Rath und seiner Frau Charly, entzogen und einer regime­treuen Vorzeige­familie zugeteilt worden war.

Wie keinem anderen Schriftsteller gelingt es dem Autor Volker Kutscher, die politi­sche Entwick­lung seit der Weimarer Republik in atmosphä­rischer Dichte erfahrbar zu machen und mit packenden Krimi-Plots zu verknüp­fen. Seine Romane – 2020 erschien »Olympia« als achter der Reihe [› Rezension] – waren Grundlage der inter­national gefei­erten TV-Serie »Babylon Berlin«, und man muss gespannt sein, auf welchen Wegen er seine Protago­nisten aller Couleur durch die schwie­rigen Jahre nach 1936 führen wird.

Bevor es mit einem neuen Roman weitergeht, legt Kutscher einen kleinen Band mit Briefen von Friedrich Thormann vor, der in seinem Universum eine wichtige Neben­figur ist. Es sind aus­schließ­lich Briefe von Fritze an andere Personen zwischen Oktober und Dezember 1936. Wie die Empfänger reagieren, was sie antworten, erfahren wir nur durch das, was Fritze in seinem nächsten Brief dazu schreibt. Um seine Geschichte zu verstehen, muss man »Olympia« nicht gelesen haben, denn die rele­vanten Gescheh­nisse werden hier rück­blickend einge­bunden.

Das Buch bestrickt insbesondere durch die teils ganz­seitigen Illustra­tionen der Berliner Künst­lerin Kat Menschik. Sie zeigen Werbe- und Kino­plakate, Formulare, Montagen, Zeitungs­artikel, Liefer­scheine, Ansichts­karten, Titel­blätter, Verpa­ckungen, Eintritts­karten, Brief­marken, Schrift­züge, Küchen- und Büro­gegen­stände, ein paar Porträts, Alltags- und Straßen­szenen mit Bezug zu den Briefen. Der markante Stil von robust wirkenden Gebrauchs­grafiken in kräftigen Farben, die alle vom Orange des Buch­schnitts abge­leitet sind, befremdet ein wenig. Einer­seits schafft die realis­tische Gegen­ständ­lichkeit einen Bezug zur Zeit der Dreißiger, anderer­seits halten die schrei­enden Farben den Betrach­ter auf Distanz. Erschie­nen ist das hübsche, in Leinen gebundene Bändchen als elfter Teil der bemer­kens­werten biblio­philen Reihe » Illus­trierte Lieblings­bücher«, die Kat Menschik im Galiani-Verlag verant­wortet. (Auch der Text des vierten Bandes – »Moabit« – stammt übrigens von Volker Kutscher und erzählt von Charlys Jugend.)

Fritzes Zukunft ist schon seit Beginn der Spiele gefährdet. Er wurde Augen­zeuge eines Gift­mordes, weshalb ihn die Gestapo sucht. Er taucht unter, nimmt den Namen »Friedrich Hutze« an, gibt sich als voll­jährig aus (21 statt 16 Jahre alt) und wohnt zur Unter­miete im Altkölner Fischer­kiez unterm Dach. Dort überfällt ihn die Einsam­keit, und er möchte zaghaft wieder Kontakt zu seinen vertrau­ten Mitmen­schen aufnehmen. Aber er darf nicht unvor­sichtig werden, muss immer auf dem »Kiwif« sein. So schickt er seine Briefe vom Postamt Spandauer Straße »post­lagernd« statt an Adressen im Klartext.

Die eine seiner beiden Briefpartnerinnen ist Hannelore Schneider, 19. Er kennt sie von früher, hatte aber lange keinen Kontakt mehr zu ihr, denn sie hat schwere Zeiten hinter sich. Er berichtet ihr von seiner neuen Arbeit, bei der er eifrig Briketts in die Kohlen­keller der Miets­häuser schleppt, sich als zupackend und zuver­lässig bewährt und sich über zuge­stecktes »Treppen­geld«, ein Stückchen Kuchen oder eine Tasse Kaffee freut. Eigent­lich wartet er aber auf eine Lehr­stelle als Kaufmann und den zugehö­rigen Berufs­schul­platz. Von der »lieben Hannah« erfährt er, dass sie eine Stelle bei »Wertheim«, dem großen Breslauer Kaufhaus hat, aber die Stadt ist ihr noch wenig vertraut. Er ermuntert sie, all seine Fragen bald zu beant­worten, und für Weih­nachten plant »Dein Fritze« sogar einen Besuch (»Ich freue mich schon wie Bolle!«). Wichtig ist ihm, dem Vielleser, ihr das eine oder andere Lieblings­buch mitzu­bringen, auch wenn manche der Autoren verboten sind. Warum jemand wie Erich Kästner so ausge­grenzt werden sollte, kann er nicht nach­voll­ziehen – er nimmt es halt so hin, »dass man den Sinn der Gesetze nicht versteht«. Die Regie­rung hat’s beschlos­sen, da wird es ja wohl richtig sein ...

Die andere Adressatin ist Charlotte Rath, seine ehe­malige Zieh­mutter. Nachdem ihr geliebter Gereon unter unge­klärten Umständen bei einem Schuss­wechsel zu Tode gekommen ist, ohne dass die Leiche gefunden worden wäre, arbeitet sie noch immer als Detek­tivin »vom ollen Böhm« und pflegt weiterhin Kontakte im Unter­grund und zur Polizei. Ihre Vorsichts­maßnah­men, Fritze solle seine Briefe post­lagernd adres­sieren und auf keinen Fall einen Besuch planen, hält der arglose Junge für »ein wenig über­trieben«. Vielmehr bittet er sie um Hilfe, als er hofft, den auf ihm lastenden Verdacht abschüt­teln zu können, da er den Mörder gefunden zu haben glaubt.

Aus diesem brisanten Gemisch von naiven Hoff­nungen, sich gesell­schaft­lich anbah­nenden und leicht­sinnig provo­zierten Gefahren, aus Ereig­nissen, die im voran­gegan­genen Roman angelegt wurden, und neuen Entwick­lungen führt Volker Kutscher den Seiten­strang um Fritzes Aktivi­täten fort. Je weiter sich der etwas unbe­darfte junge Mann vorwagt, desto dünner wird für ihn die Luft.

Was um ihn herum vorgeht, durchschaut Fritze nicht. Dass die Gestapo längst ihren Apparat ange­wiesen hat, nach dem flüch­tigen »Thormann, Friedrich« zu suchen und ihn unver­züglich festzu­setzen, kann er nicht wissen, und da er wie die Mehrheit der Deutschen an das glaubt, was die Regierung ihm verkündet (»unsere Feinde im Ausland lassen nichts unver­sucht, das national­sozialis­tische Deutsch­land schlechtzu­machen«), ahnt er nicht, was die Zukunft noch an Schreck­lichem bringen könnte. Das Land ist groß und stark, das Leben bei ober­flächli­cher Betrach­tung gut, und viele finden ganz in Ordnung, dass es mal endlich ›ein bisschen strenger‹ und ›geord­neter‹ zugeht. Immerhin hält Fritze die Augen offen.

In Fritzes kompakten, dennoch anschau­lichen, treff­sicheren Beschrei­bungen schafft Volker Kutscher wie gewohnt eine unglaub­liche Authen­tizität, die uns im Zu­sammen­wirken mit Menschiks Illustra­tionen in das Olympia-Jahr eintau­chen lässt. Umgangs­sprache und Berliner Schnauze (»Flitz­piepe«, »Chose«) sorgen für Frische, das Amts­deutsch aus dem Geheimen Staats­polizei­amt für Ent­setzen und Vorahnun­gen.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Winter 2021/2022 aufgenommen.


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