Rezension zu »La destinazione | Einsatzort« von Piero Sanna

La destinazione | Einsatzort

von Piero Sanna


Film · · 124 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

DVD

Vom Scheitern zwischen Gestern und Heute

Rezension vom 03.06.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der neunzehnjährige Emilio aus Rimini, noch sorglos und etwas naiv, absolviert in Rom seine einjährige Ausbil­dung bei der stolzen Truppe der Carabi­nieri. Sie ist von militäri­scher Strenge und zielt auf Disziplin und Verant­wortungs­bewusst­sein. Emilio freundet sich mit dem Sarden Costan­tino an, einem ernsten, schweig­samen jungen Mann, erheblich reifer und nach­denk­licher als seine Alters­genos­sen. Nach Abschluss der Ausbil­dung wird Emilio – Ironie des Schicksals – nach Sardinien abgeord­net, in das (fiktive) Städtchen Coloras in der Barbagia. Er verspricht sich von dieser »destina­zione« geradezu eine Art Urlaubs­aufent­halt, doch schon der Orts­name täuscht: Das sardische Wort »Coloras« hat nichts mit Farben zu tun, sondern bedeutet »Schlangen« … Die Umständ­lichkeit der Reise dorthin signa­lisiert, dass es in eine andere Welt geht.

In Coloras wird Emilio einer Aufklärungs­einheit zugewie­sen, die gegen die üblichen Vieh­dieb­stähle vorgehen soll. Bei einem solchen Verbrechen töten die beiden Diebe einen Hirten, dessen kleiner Sohn Efisio in seinem Versteck Augen­zeuge wird. Beim Begräbnis seines Vaters erkennt er einen der beiden Mörder, Fran­cesco Cortes, wieder (was einer der Carabi­nieri bemerkt), behält das furcht­bare Geheimnis aber für sich. Unter der Belastung seines Gewissens verstummt und verstockt er.

Die Carabinieri versuchen, ihren Haupt­verdäch­tigen Fran­cesco Cortes zu fassen zu bekommen, und auch seine Mutter setzt ihn unter Druck. Schließ­lich flüchtet er mit Hilfe von Komplizen in eine Höhle in den Bergen.

Inzwischen verliebt sich Emilio in Giacomina, ein Mädchen aus dem Dorf. Wegen des Miss­trauens der Menschen gegen alle Fremden und die staat­liche Polizei im Beson­deren können sie sich aber nur insge­heim treffen. Doch in Coloras bleibt nichts verborgen, und Giaco­mina entgeht nicht der Ächtung.

Endlich deutet Efisio seiner Mutter an, was er weiß, und gegen alle Gebote der omertà öffnet sie sich den Carabi­nieri, damit der Mörder ihres Mannes verur­teilt werden kann. Aber es bekommt ihr schlecht, obwohl die Polizei ihr Schutz garantiert hat. Denn Fran­cesco Cortes wird zwar (dank Emilios tapfe­ren und bedach­ten Einsat­zes) gefangen und vor Gericht gestellt, doch, weil das Kind nicht als zuverläs­siger Zeuge aner­kannt wird, frei­gespro­chen: In dubio pro reo.

Nun bricht alles zusammen. Emilio verliert seinen Glauben an die Gerechtig­keit und den Sinn seiner Arbeit. Giaco­minas Eltern unter­binden ihre Beziehung zu dem Carabi­niere, nachdem sie öffent­lich geworden ist. Efisio und seine Familie sehen sich im Dorf als Verräter ausge­grenzt und bedroht. Fran­cesco Cortes und seine Kumpane fühlen sich sicher genug, um gnaden­los Rache zu üben.

Das Ende ist für Coloras (stellvertretend für das sardische Inland?) deprimie­rend: Emilio lässt sich zu einer neuen »destina­zione« versetzen, und sein Freund Costan­tino erklärt ihm resignie­rend: »Noi siamo fatti così. Siamo un popolo di servi.«

Piero Sannas ruhiger, rationaler Film (in Mamoiada und Benetutti bei Nuoro gedreht) lässt Zeit zum Schauen, Zuhören und Nach­denken. Es gelingt ihm über­zeugend, ein Sar­dinien­bild zu entwickeln, das moderne Zeiten und alte Über­zeugun­gen und Traditionen glaubhaft vereint. Unter sich spricht man Dialekt (italie­nisch unter­titelt), man hegt immer noch Ressen­timents gegen die italieni­schen Behörden, als wären sie eine feind­liche Besat­zungs­macht, die Frauen tragen alltäg­lich schwarze Kleider und Kopf­tücher, und in den Bergen leben die Hirten mit ihren Schaf­herden und machen einander wie eh und je das Leben schwer. Aber niemand heroi­siert sie mehr; die Mütter und Väter nehmen die Taten ihrer wilden Söhne nicht einmal still­schwei­gend hin, sondern missbil­ligen sie mit Blicken und Gesten.

Ein deutlicher Schwerpunkt des Films liegt auf Ausbildung, Arbeit und Ethos der tüchtigen Carabi­nieri; man könnte ihn geradezu als Werbe­film für die stolze Arma dei Carabi­nieri einsetzen (deren Ursprünge im Übri­gen aufs Engste mit Sardinien verwoben sind).


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