Rezension zu »Bellas mariposas« von Salvatore Mereu

Bellas mariposas

von Salvatore Mereu


Film · · 100 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

DVD

Die Stärke der Schmetterlinge

Rezension vom 16.10.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Die zwölfjährige Caterina wächst in einem verwahr­losten, über­völker­ten Wohn­block in Sant’Elia, einer Vorstadt von Cagliari auf. Trotz der deprimie­renden Lebens­bedin­gun­gen in ihrer chaoti­schen Patch­work-Familie bewahrt sie ihre Heiter­keit, ihre Charak­ter­stärke und ihre Träume (z.B. »cantante« werden). In jeder Lebens­lage trällert sie den »Mambo italiano«, dessen Melodie und Rhythmus sie durch die ver­worrens­ten, lautesten, bedrän­gend­sten Situa­tionen ziehen.

Nach dem Roman
»Bellas mariposas« ()
Sergio Atzeni: »Bellas mariposas« auf Bücher Rezensionen

von
(1952-1995)

Während ihre Mutter arbeitet, so gut es geht, und sich bemüht, auch für ihre Kinder da zu sein, ist ihr Vater nicht nur arbeitslos und stinkfaul (»mandrone« im sardi­schen Dialekt), sondern hurt auch schamlos herum. Zu Hause spielt er gern den starken Max – nichts als eine hohle Fassade.

Caterina kümmert sich insbesondere um ihre kleine Schwester Luisella, während sie bei ihren Brüdern wenig bewirken kann: Der eine hing schon mit zwölf an der Spritze; die großen gehen längst ihrer eigenen Wege.

Caterinas wichtigste Bezugspersonen sind (neben Luisella) ihre gleich­altrige Freundin Luna und der etwas linkische, mollige Brillen­träger Gigi, den alle mobben (am übelsten Cate­rinas Bruder). Cate­rina und Luna sind »più che sorelle«; sie vertrauen einander blind und haben keiner­lei Geheim­nisse vorein­ander. Wie »bellas mariposas« flattern sie durch ihr Viertel, beob­achten, kommen­tieren alles und jeden, kichern unent­wegt.

In ihrem desolaten Umfeld wirken die drei Mädchen wie Felsen in der Brandung. Während wir miter­leben müssen, wie andere, kaum älter als sie, sexuell ausge­nutzt werden und sozial abdriften, bestärken die beiden älteren einander immer wieder darin, ihre Unschuld bewahren zu wollen. Die halten sie hoch wie ein Banner, um sich abzu­grenzen und zu schützen: »Samantha non è come me e Luisella … lei non è vergine come noi.«

Der einzige männliche Hoffnungs­träger ist Ricciotti, das Fußball­talent, der seinen Mann­schafts­ver­pflich­tungen zuver­lässig nach­kommt und dadurch sogar für Papa zum Idol wird.

Bestechend und innovativ ist die außer­gewöhn­liche Film­sprache, die Regisseur Salvatore Mereu hier kulti­viert. Cate­rina (Sara Podda agiert großartig: unbefangen, selbst­sicher, energisch, variabel) spricht direkt in die Kamera hinein, erzählt aus ihrem Leben und tratscht mit uns über alles und jeden. Der Effekt der unver­mittel­ten Ansprache ist umwer­fend, sie zieht den Zuschauer unge­bremst hinein ins Geschehen. Die Wir­kung verstärkt, dass die Kamera ständig sehr nah am Geschehen bleibt. Die Räume sind vollge­pfropft mit Ramsch, und selbst wenn, wie oft, ein Gesicht in Groß­auf­nahme die Leinwand aus­füllt, ragen irgend­welche Gegenstände ins Bild – eine Atmosphäre ständiger Hektik, Bedrängung, Unfreiheit. Nur relativ selten gönnt uns einmal eine Totale einen ruhigen Überblick. Der einzige Ort unge­stör­ten Selbst­seins in der Wohnung ist das Bade­zimmer.

Caterina erzählt uns einen entscheidenden Tag in ihrem Leben – es ist August und sehr heiß. Nachdem sie uns im ersten Teil des Films mit ihrer Umgebung vertraut gemacht hat, fährt sie im zweiten Teil mit ihrer Freun­din im Bus ans Meer, wo sie erst ein Weil­chen die Freiheit unter Wasser genießen (»dimentico di tutto«) und Unmengen Eis verputzen. Dann holen all die kleinen Motive des Anfangs sie ein, die Handlung spitzt sich zu, die beiden geraten in Gefahr, Cate­rina muss Ent­scheidun­gen treffen, um z.B. Gigi (»l’inna­morato mio«) vor seinen Häschern zu retten, auf dem Platz vor dem Wohn­block treten eine Wander­truppe und eine Wahr­sagerin auf, die Cate­rina Entlastung bringen könnte, die Stimmung wird ein wenig magisch; dann gibt es einen Toten, die Polizei rückt an …

Ein realistischer, turbulenter Film, zart-bitter, aben­teuer­lich und scho­nungs­los, originell gemacht, ideal für Jugend­liche, ein rund­herum über­zeugen­des Kunstwerk für Erwach­sene. Es wird viel Dialekt gesprochen, was den Genuss für uns leider einschränkt.


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