Rezension zu »Übersicht Filmserie Il giovane Montalbano« von Andrea Camilleri

Übersicht Filmserie Il giovane Montalbano

von Andrea Camilleri


Rezension der Gesamtserie. Eine komplette, stets aktualisierte Übersicht der Titel, Textgrundlagen und Besprechungen aller Filme finden Sie hier.
Krimi · Teil der Serie »Il giovane Montalbano« · RAI-Eri ·
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sizilien

DVD

Sicilianità – zurück zu Montalbanos Anfängen

Rezension vom 27.02.2018 · 3 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

Wohl jeder italienische Fernsehzuschauer kennt die Serie »Il Commissario Montalbano« mit Luca Zinga­retti in der Haupt­rolle, von der das italie­nische Staats­fernsehen RAI zwischen 1999 und 2018 bereits 32 Folgen ausge­strahlt hat und das Publikum jährlich neuen entgegenfiebert. Der Erfolg dieser kon­genialen Verfil­mungen von Andrea Camil­leris ur-sizilia­nischen Kriminal­roma­nen war so über­zeugend, dass eine zweite Serie gestartet wurde, die sich mit den beruf­lichen An­fängen des Kom­mis­sars Salvo Montal­bano in den frühen Neun­ziger­jahren beschäf­tigt: »Il giovane Montal­bano«. Im Februar/März 2012 gingen die ersten sechs Folgen dieser Prequel-Reihe über den Bild­schirm und schlugen so gut ein, dass sie 2015 mit einer zweiten Staffel fort­gesetzt wurde. (Hier finden Sie Details zu allen Filmen dieser Serie.)

Als ich zum ersten Mal von dem Projekt erfuhr, eine Serie über die Vorge­schichte von »Il Commis­sario Montal­bano« aufzulegen, war ich äußerst skeptisch. Muss nicht jedes Schau­spieler-Team scheitern, wenn es gegen populäre Stars aus (damals) 22 Folgen antreten muss? Muss es nicht zu einem ent­täuschen­den Bruch kommen, wenn man an eine in dreizehn Jahren verdich­tete Atmos­phäre anknüpfen soll?

Andererseits finde ich die frühen Geschichten, die Rückblenden in Salvo Montal­banos Anfangsjahre als »il trentino vicecommissario« (»Quello che contò Aulo Gellio | Die Geschichte von Aulus Gellius«) erzählen, besonders reizvoll und anrührend. Lesen Sie nur den Anfang von »La veggente | Die Hellseherin« (1998):

A Carlòsimo, Salvo Montalbano passò uno dei più amari inverni della sua giovane vita. Aveva trentadue anni, allora, e lo usavano come una specie di commesso viaggiatore: a ogni cangio di stagione lo trasferivano da un paese all’altro ora a fare una sostituzione, ora a tappare un buco, ora a dare una mano d’aiuto in una situazione d’emergenza. Ma i quattro mesi di Carlòsimo furono i peggio di tutti. Era un paesotto di collina dove ragionevolmente non avrebbe dovuto farci tutto quel freddo che sempre ci faceva e invece un misterioso incrociarsi e combinarsi di eventi meteorologici faceva sì che uno a Carlòsimo il cappotto pisanti e la sciarpa non se li levasse mai, a momenti manco quando andava a corcarsi. Gli abitanti, che erano sì e no un settemila, non erano gente tinta, anzi; solo che non davano confidenza, salutavano a stento, erano mutàngheri. [...] Alle otto di sìra, tutti a casa, le strate svuotate col vento che faceva rotolare barattoli vuoti, che sollevava in aria fantasmi di carta. Non c’era un cinema, alla cartolibreria vendevano solo quaderni. E c’era da aggiungere al conto che per quella stessa congiuntura (o meglio, congiura) meteorologica i due canali della televisione allora esistenti mandavano solo immagini d’ectoplasmi. Per il vicecommissario Montalbano, responsabile dell’ordine pubblico, un paradiso; per l’uomo Montalbano, una calma piatta da limbo, una continua istigazione al suicidio o al gioco delle carte. [...]. L’unica era di darsi alla lettura: in quell’inverno si fece Proust, Musil e Melville. Almeno ci guadagnò questo.
In Carlòsimo verbrachte Salvo Montalbano einen der bittersten Winter seines jungen Lebens. Er war damals zweiunddreißig, und man setzte ihn wie eine Art Handelsreisenden ein: Zu jedem Wechsel der Jahreszeiten wurde er von einem Ort in den nächsten geschickt, mal zu einer Vertretung, mal um ein Loch zu stopfen, mal um in einer Notlage auszuhelfen. Aber die vier Monate in Carlòsimo waren die schlimmsten. Es war ein Marktflecken in den Hügeln, wo es eigentlich nicht so kalt hätte sein dürfen, wie es immer war, aber eine rätselhafte Überschneidung und Kombination meteorologischer Vorgänge brachte es mit sich, dass man in Carlòsimo seinen dicken Mantel und den Schal nie ablegte, es fehlte wenig, und man wäre sogar damit schlafen gegangen. Die Einwohner, ungefähr siebentausend, waren keine schlechten Menschen, ganz im Gegenteil; nur wurde man nicht richtig warm mit ihnen, sie grüßten kaum und waren wortkarg. [...] Um acht Uhr abends waren alle in ihren Häusern, die Straßen leer gefegt, der Wind rollte leere Dosen vor sich her und wirbelte Papiergespenster in die Luft. Es gab kein Kino, in der Buch- und Schreibwarenhandlung wurden nur Hefte verkauft. Obendrein sendeten aufgrund ebenjenes meteorologischen Kompotts (oder besser gesagt Komplotts) die beiden Fernsehsender, die es damals gab, nur verschwommene Bilder. Für den Vicecommissario Montalbano, der für die öffentliche Ordnung zuständig war, ein Paradies; für den Menschen Montalbano eine laue Ruhe wie im ersten Höllenkreis, eine fortwährende Anstiftung zum Selbstmord oder zum Kartenspiel. [...] Der einzige Lichtblick war das Lesen: In jenem Winter las er Proust, Musil und Melville. Wenigstens das hatte er davon.

So etwas zu verfilmen ist gewiss reizvoll. Folge 1 von »Il giovane Montal­bano« setzt denn auch sozu­sagen abge­federt ein – erst mit einer Szene aus dem Kriegs­jahr 1943, begleitet von den bekannten zarten Gitarren­klängen, die ein Geheimnis ankün­digen; dann schwenkt die Kamera hinauf ins winter­lich-kalte Bergdorf Masca­lippa, wo wir dem noch unbe­kannten giovane Montal­bano (Michele Riondino) erstmals begegnen. Die ersten Sätze, die er mit seinem Poli­zisten wechselt, die erste Konfron­tation mit einem lokalen Raubein – und schon sind wir mitten­drin und fühlen uns wie zu Hause ... Erstaun­lich!

Selbstverständlich wird es in den nachfolgenden Filmen wärmer, wenn Salvo Montal­bano nach Vigàta versetzt, zum commis­sario befördert wird und seine villetta am Meer bezieht. Wenn­gleich Michele Riondino gerten­schlank ist, über eine dichte Locken­pracht verfügt und sich dadurch rein äußerlich deutlich von seinem alter ego Luca Zinga­retti absetzt, können die beiden tatsäch­lich als ein und derselbe Salvo Montal­bano durch­gehen, denn beide beherr­schen das differen­zierte, hinter­gründige Mienen­spiel, die raschen Wechsel in den Emo­tionen, die vielen verschie­denen Tonlagen, die Salvos Wesen kenn­zeich­nen.
Die anderen Schau­spieler weichen stärker von ihren Vor­gängern bzw. Nach­folgern ab. Sarah Felber­baums Livia ist süß zum Dahin­schmelzen, wo Katha­rina Böhm oft einen Hauch Herb­heit und Skepsis bewahrt und ihre Nach­folgerin Sonia Berga­masco (seit 2016) vergleichs­weise farblos bleibt.
Der gereifte Mimì Augello (Cesare Bocci) ist zwar immer noch kein Kost­ver­ächter, aber viel boden­ständi­ger als in seiner Jugend (Alessio Vassallo): Da sieht er mit seinem schmalen Lippen­bärt­chen aus wie eine Mischung aus Clark Gable und Rudolph Valentino und führt sich auf wie ein papagallo aus den Fünfzi­gern ...
Eine regelrechte Fehl­beset­zung scheint mir allein Catarella: Angelo Russo gibt in der Haupt­serie einen kleinen, stäm­migen, quir­ligen, begriffs­stutzigen Tolpatsch vor, der schon reichlich karikatu­ristische Züge trägt. Fabrizio Pizzuto aber muss ständig über­ziehen: Von ihm kommt kein normaler Satz, keine normale Geste – und dann ist er auch noch groß und spindel­dürr.

Derlei fällt aber nur im Vergleich der beiden Serien auf; bleibt man innerhalb von »Il giovane Montal­bano«, stellen sich bald ähnliche Empfin­dungen ein wie beim Betrach­ten der ur­sprüng­lichen Serie: ein konse­quentes, stimmiges Konzept, eine getreue Um­setzung von Camil­leris Vorlagen, eine unter­halt­same Film­reihe mit wohltuend ruhiger, klarer Atmos­phäre, die die Besonder­heiten und den Zauber der Schau­plätze einfängt.

Neben den Protagonisten ist sie bevölkert von einer Vielzahl kauziger, meist liebens­würdiger Typen wie etwa dem pensio­nierten geometro (in »Ritorno alle origini«; in der Kurzge­schichte ist er ragioniere), der seit zwanzig Jahren alles, aber auch wirklich alles aufbe­wahrt – »canottiere usate, tappi, rifiuti organici« ... Die meisten dieser Gestal­ten stammen aus den zahl­reichen kurzen Geschich­ten, die Camilleri zwischen 1998 und 2004 veröffentlicht und in vier Sammelbänden ver­öffent­licht hat. Den zwölf Fernseh­filmen liegen 26 Erzäh­lungen zugrunde, von denen siebzehn in den Jahren 1998 bis 2004 ent­standen, allein elf aus den Bänden »Un mese con Montalbano | Das Paradies der kleinen Sünder« (1998) und »Gli arancini di Montalbano | Die Nacht des einsamen Träumers« (1999). Fast alle Geschichten aus jenen Jahren zeigen ein unver­fälschtes Bild siziliani­schen Provinz­lebens, gewiss leicht nostal­gisch, aber doch glaub­haft, und es herrscht eine wunder­bar intime Leichtig­keit, eine zutiefst mensch­liche Stimmung und ein unvor­einge­nomme­nes Streben nach Gerech­tigkeit, die nicht unbe­dingt dem staatlichen Recht ent­sprechen muss. Sie haben Camil­leri zu Aner­kennung, Beliebt­heit und Erfolg verholfen. Dagegen wurden neun der vier­zehn Text­grund­lagen der zweiten Staffel erst ab 2012 verfasst (davon sieben im 2014 maß­geschnei­derten Band »Morte in mare aperto e altre indagini del giovane Montalbano | Der ehrliche Dieb«), und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der inzwischen fast neunzig­jährige Autor hier längst zum Liefe­ranten einer Erfolgs­maschine verflacht ist.

Nach zwölf Folgen kann »Il giovane Montal­bano« neben der etablierten Erfolgs­serie »Il Com­missa­rio Montal­bano« durchaus bestehen – beide sind eigen­ständig angelegt, über­zeugend reali­siert und harmo­nisie­ren prächtig mit­einan­der. Das verdanken sie natürlich nicht zuletzt dem soliden gemein­samen literari­schen Fundament Andrea Camil­leris.


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»Il Commissario Montalbano« • Rezension alle Titel, Textgrundlagen, Besprechungen
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Kommentare

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Zu »Übersicht Filmserie Il giovane Montalbano« von Andrea Camilleri wurden 1 Kommentare verfasst:

H.J. Gallmeier schrieb am 22.08.2013:

Da möchte ich energisch widersprechen.
Die Verfilmungen des " jungen Montalbano " sind eine grauenhaft misslungene Ausführung einer eigentlich guten Idee.
Dass Filme sich nicht immer haargenau an das geschriebene Vorbild halten können, ist schon einleuchtend, aber, wie hier, dermaßen weit weg und sehr oft vollkommen verfälschend, ist nicht hinnehmbar.
Dass die Schauspieltruppe wild grimassierend auf sizilianisch macht und eher wie eine Laienspielgruppe agiert, ist nur noch als hanebüchen zu bezeichnen. Die Charaktere sind auf's simpelste reduziert, vereinfacht und bis zum fast vollständigem Maße fehlbesetzt.
Wer die "originalen" Montalbano Verfilmungen kennt und genießt, soll sich dieses geldschneidernde Machwerk nicht antun.

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