Rezension zu »Banditi a Orgosolo | Die Banditen von Orgosolo« von Vittorio De Seta

Banditi a Orgosolo | Die Banditen von Orgosolo

von Vittorio De Seta


Film · · 98 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien

DVD

Mitgefangen, mitgehangen

Rezension vom 08.08.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der Schafhirte Michele, ehrlich, aber überschuldet und glücklos, wird beschuldigt, an einem Schweine­dieb­stahl beteiligt gewesen zu sein. In Wirklich­keit wollte er mit den fünf Banditen, als diese ihn aufsuchten, aus­drück­lich nichts zu tun haben. Doch da man die Tiere bei ihm findet und er nichts über die banditi zu verraten bereit ist, bleiben die carabi­nieri bei ihrer Behaup­tung. Micheles Lage ver­schlech­tert sich dramatisch, nachdem die Viehdiebe einen carabi­niere erschießen – nun gilt auch er als Poli­zis­ten­mörder. Er sieht keinen an­deren Ausweg, als mit seiner Schaf­herde und seinem Bruder in die Berge zu fliehen. In der lebens­feind­lichen Umgebung verliert er jedoch alle seine Tiere. In seiner Verzweif­lung stiehlt er jetzt die Herde eines anderen Hirten, wird also tatsäch­lich zum Banditen – und Teil einer unglück­seligen, scheinbar unaus­weich­lichen Ketten­reaktion, die den bandi­tismo stärkt.

Dies ist wahrscheinlich der berühmteste Film, der je in Sardinien gedreht wurde, oben­drein eines der wort­kargsten, wildesten, dunkels­ten Dramen aus einer wahr­haft ande­ren, archai­schen Welt, die als mysteriös und un­durch­dring­lich darge­stellt wird.

Fesselnd ist das Werk von Anfang an. Einem atem­berau­benden Panorama des Supra­monte folgen Szenen wie aus einem Do­kumen­tarfilm: Wir schauen den Hirten bei ihrem einsamen, kargen Leben in der unge­zähm­ten Natur zu, wie sie im dichten Wald der Bar­ba­gia jagen, auf den Weiden hoch oben ihre Herde bewachen, die Tiere über gefähr­liche, steile Pfade und Berg­spitzen führen, unter­einan­der Handel treiben, leicht in Streit geraten. Oft sehen sie tage­lang keinen anderen Menschen. Fern der geord­neten Zivilisa­tion ist es leicht, ihre Tiere auf fremdem Land weiden zu lassen, einige aus des Nachbars Herde mit­zuneh­men, aber auch solcher Über­griffe beschul­digt zu werden.

Die Männer erscheinen leicht als primitiv und barbarisch, folgen sie doch wilden Instink­ten und lassen extre­men Gefühlen ihren Lauf. Dem stehen Tugenden wie Genüg­sam­keit, Gast­freund­schaft und Auf­richtig­keit gegen­über. Die kleinsten Zeichen in der Natur richtig zu deuten, sich den wech­selnden Jahres­zeiten anzu­passen, mit ihren Ressour­cen klug zu haus­halten ist lebens­wichtig für sie, denn Nachsicht oder Trost können sie nirgends erwarten. Sie sind proto­typische Kämpfer, die stolz und rebellisch ihre Frei­räume ver­teidi­gen.

Im Gegensatz zu anderer Streifen dieser Art wurde De Setas Film von der sardi­schen Bevölke­rung gut auf­genom­men; man schätzte es, dass der Regisseur sich in seiner Darstel­lung jeder Ver­urtei­lung enthielt und damit das, was als sardischer National­charak­ter aufgefasst wurde, der Welt ernsthaft und zutreffend vorführte.

Vittorio De Seta stützte sich bei der Konzipierung seines Films (dem zwei Doku­mentar­filme über Hirten in der Barbagia voraus­gingen) auf die For­schungs­ergeb­nisse von Franco Cagnetta (1926-1999), der seit 1952 die sozialen Verhält­nisse um Orgosolo auf innovative Weise vor Ort studiert und mit modernen Mitteln (Film, Fotos, Tonauf­zeich­nun­gen) doku­men­tiert hatte. Cagnetta hatte seine anthro­pologi­schen und eth­nolo­gischen Erkennt­nisse zur Lebens­weise der Hirten und zu ihrer Kultur, zu Fehden, ven­detta und ban­ditis­mo in mehreren Aufsätzen publiziert, die zum Teil politisch inop­portun waren; deswegen erschien die Sammel­aus­gabe 1963 in Frankreich, 1964 in Deutsch­land (: »Die Banditen von Orgosolo: Porträt eines sardischen Dorfes« Franco Cagnetta: »Banditi a Orgosolo« bei Amazon) und erst 1975 in Italien (: »Banditi a Orgosolo« Franco Cagnetta: »Banditi a Orgosolo« bei Amazon).


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