Rezension zu »Ybris« von Gavino Ledda

Ybris

von Gavino Ledda


Film · · 184 Min.
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Sardinien


Zurück zu den Wurzeln

Rezension vom 28.08.2016 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Eine Art Fortsetzung von »Padre padrone« [› Rezension], doch ist dieser Film weniger autobio­grafisch-naturalis­tisch, als dass er den Spuren sardischer Mythen nachgeht und sie mit dem griechi­schen Altertum und der Psycho­logie verknüpft. Offen­kundig wollte der für die authen­tisch-schlichte (deswegen nicht minder erschüt­ternde) Geschichte seiner Hirten­kind­heit gefei­erte Gavino Ledda nun etwas ›An­spruchs­volleres‹ vorlegen und sich als Autor, Gelehrter, Regis­seur, Philo­soph und Schau­spieler (er spielt sich selbst) bewähren.

Nach dem Roman
»Lingua di falce« ()
Gavino Ledda: »Lingua di falce« auf Bücher Rezensionen

von
(*1938)

Der Handlungsrahmen ist einfach: Als Gavino Ledda vom Festland in seine Heimat­stadt Siligo (Provinz Sassari) zurück­kehrt, findet er sich nicht mehr zurecht; er wird von den Ein­heimi­schen nicht mehr wie einer der Ihren akzep­tiert. Denn wer seiner Heimat den Rücken kehrt, verbannt sich selbst. Zwar hat er sich in der Fremde einen Hoch­schulab­schluss erar­beitet, doch der entfrem­det ihn nur von seinen Wurzeln und von sich selbst. Gavino zieht sich in eine primitive steinerne Schäfer­hütte (eine Art nuraghe) zurück.

Als Gavino an Krebs erkrankt, erscheinen ihm in seinen Delirien Kobolde (amuntadores) aus der sardi­schen Sagen­welt, dazu sein Freund Leonardo (in dem er Leonardo da Vinci erkennt) sowie griechi­sche Göttin­nen, u.a. Athene. Die Geister lassen ihn wissen, dass seine Krank­heit eine Folge seiner Ab­wen­dung von den heimat­lichen Tradi­tionen ist. Unter Anlei­tung seines Mentors Leonardo ›da Vinci‹ gelingt es ihm, die Dämonen abzu­wehren und sich selbst wiederzu­finden.

Die »Hybris« des Filmtitels bezieht sich auf Gavinos anmaßende Heraus­forde­rung der höheren Mächte; am Ende fügen sie sich nicht seinem Stolz, sondern seiner wieder­gefun­denen (sardi­schen) Identität.

Der Film wurde vom öffentlich-rechtlichen Fernseh­kanal Raitre produziert und 1986 in vier Folgen (insge­samt 184 Minuten) ausge­strahlt. (Die Kino­version hatte nur 124 Minuten.) Aller­dings schoss Ledda mit seinem verkopften, avant­gardisti­schen Konzept weit über das hinaus, was er seinem Publikum zumuten konnte. Die Kritik warf ihm Selbst­beweih­räuche­rung vor, während der Film als ge­küns­telt, über­frach­tet, abge­hoben emp­funden wurde. Etliche Szenen wirken unfrei­willig komisch, etwa manch alberne Kos­tümie­rung oder wenn der Held allein mit der Kraft seiner Stimme Trocken­mauern zum Einsturz bringt. Es fragt sich auch, ob Gavino Leddas Botschaft eine Absage an jegliche Moderne sein soll, wenn er am Ende fellbe­kleidet und sichel­bewehrt einem Mäh­drescher Einhalt gebietet und auf den Feldern Kultur sät (griechi­sche Masken, klassi­sche Musik).

Trotz aller Einwände ist der Film ein sehenswertes Experiment, dem es gelingt, in kraftvolle Bilder und Geräu­sche zu fassen, was sardische Kultur und Charakter aus­machen mag.


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