Rezension zu »Die jungen Bestien« von Davide Longo

Die jungen Bestien

von


An einer Baustelle werden Knochenreste von zehn Leichen gefunden. Commissario Arcadipane muss aufklären, was es mit ihnen auf sich hat. Die Ermittlungen führen in die Anfänge des Terrorismus der Siebzigerjahre und in unerfreuliche politische Zusammenhänge.
Politkrimi · Rowohlt · · 416 S. · ISBN 9783498039462
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Piemont

Die dunklen Schatten der Geschichte

Rezension vom 19.04.2020 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Entlang der Schnellbahntrasse zwischen Turin und Mailand werden Kabel verlegt. In einer vom heftigen Regen geflu­teten Baugrube entdecken Arbeiter die Reste mehrerer Skelette und verstän­digen die Turiner Polizei. Commis­sario Vincenzo Arcadi­pane, 49, fährt zum Tatort bei Chivasso. Doch bevor er seine Ermitt­lungen richtig aufnehmen kann, rücken Spezia­listen der Spuren­sicherung aus Mailand an. Für die Routi­niers ist die Sache schnell klar: »ein Fall von tausend ... das Übliche: Parti­sanen, Faschis­ten, Abrech­nungen während des Kriegs oder danach«.

Ehe die Kollegen alles abräumen, hat Arcadipane ein paar der Fund­stücke für sein Kommis­sariat aus dem Verkehr gezogen. Dort stellt man an einem Bein­knochen einen Bruch fest, der mit einer modernen chirurgi­schen Methode behandelt wurde. Das passt nicht zur flotten Hypothese eines Kriegs­massa­kers, und Arcadi­pane lässt seiner Mitarbei­terin Isa, 32, zehn Tage für eine Recherche in Turiner Kranken­häusern, bei Ärzten, in Archiven.

Originalausgabe:
»Così giocano
le bestie giovani
«
(2018, Verlag Feltrinelli)
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Tatsächlich wird Isa fündig. Der Beinknochen gehört Stefano Aimar, 1953 geboren, 1972 nach einem Motor­rad­unfall operiert, 1974 mit seiner Freundin und zwei weiteren Studenten an einem Brand­anschlag auf das Turiner Zentral­büro einer neo­faschis­tischen Partei beteiligt und zu Haft­strafen verur­teilt. Nach 2004 verlieren sich die Spuren der Täter. Mag sein, dass sie einer Vergel­tungs­aktion rechter »Faschos« zum Opfer fielen und im heutigen Kabel­kanal bei Chivasso ver­scharrt wurden. Wer sind dann aber die anderenToten darin?

So kommt der Protagonist aus Davide Longos erstem Kriminal­roman von 2015 [› Rezension] ins Spiel. Commis­sario Corso Bramard war in den Siebziger­jahren als junger Anfänger für ein paar Wochen der Politi­schen Polizei in Turin zugeteilt und hatte die Ermitt­lungen um den Brand­anschlag hautnah miterlebt. Berühmt wurde er, als er später einen Frauen­mörder zur Strecke brachte, dem auch seine Frau und Tochter zum Opfer gefallen waren. Vincenzo Arcadi­pane war damals die rechte Hand Bramards, bis der vor 27 Jahren aus dem Dienst schied. Nun schaut Arcadi­pane selbst auf drei Jahr­zehnte erfolg­reicher Tätig­keit als Mord­ermitt­ler zurück, in denen er so schnell nicht locker ließ. In der Hoffnung, sein früherer Chef könne ihm wertvolle Hinweise geben, bittet er den zurück­gezogen lebenden Pensionär um Mithilfe.

Arcadipanes Ermittlungen im Umfeld Stefano Aimars führen zu einem Gehöft, in dessen Keller man Zellen für Gefangene, Ketten und Folter­werk­zeuge findet. Hier hielt sich eine Gruppe Links­radi­kaler auf, die zuvor in palästi­nensi­schen Camps ausge­bildet worden waren und sich dann für den bewaff­neten Kampf­einsatz bereit hielten. Offenbar wurden sie aller­dings von Geheim­diensten und der Politi­schen Polizei genau beob­achtet.

Damit gewinnt der Kriminalfall um ein paar zufällig entdeckte Knochen aus alter Zeit politi­sche Brisanz. Die »Roten Brigaden« versetz­ten Italien in den Siebziger- und Achtziger­jahren ebenso in Angst und Schrecken wie die »Rote-Armee-Fraktion« Deutsch­land. Aller­dings fanden die »Brigate Rosse« – auch weil sie sich auf den bewaff­neten anti­faschis­tischen Wider­stand und die Partisa­nen des Krieges beriefen – anfangs größeren Rückhalt in der linken Arbeiter­schaft als die Terro­risten in anderen Ländern. Die KPI war bis 1991 stets stärkste Oppo­sitions­partei und wurde auch an Regie­rungen beteiligt; sie erzielte Wahl­ergeb­nisse von durch­schnitt­lich 27 Prozent und war die mit­glieder- und einfluss­reichste Partei des Euro­kommu­nismus. Die konser­vativen West­mächte fürch­teten, Italien entwickle sich zu einem Vorposten des Kommu­nismus in Europa, und gemäß der Domino­theorie könnten weitere Staaten ›umkippen‹, wenn das Eis erst einmal gebrochen sei. Um dieser Gefahr entgegen­zuwirken, koope­rierten westliche Geheim­dienste klamm­heim­lich mitein­ander, aber auch mit Neo­faschis­ten und anderen dubiosen Organisa­tionen und benutzten sogar terroris­tische Ver­brechen, um die öffent­liche Meinung zu beein­flussen. Was damals alles hinter den Kulissen insze­niert und arran­giert wurde, um das instabile Italien auf dem demo­kratisch-kapitalis­tischen Weg zu halten, wurde bis heute nicht ganz aufge­klärt, unter der Decke gehalten oder in Archiven versenkt.

So ist Davide Longos fiktionaler Plot aus der Frühzeit der sich radika­lisie­renden links­extre­misti­schen Szene und dem sich formie­renden politi­schen Kampf gegen die Terror­einheiten mehr als ein span­nender Krimi von privater Relevanz. Der Politik wäre es nur recht gewesen, wären die Leichen­teile für immer im Erdreich verblie­ben oder wenigs­tens ihr Fund nicht publik gemacht worden.

Faszinierend oder umständlich? Nicht jeder­manns Sache ist Davide Longos eigen­williger, durchaus gewöh­nungsbe­dürfti­ger Erzähl­stil (Barbara Kleiner hat die Über­setzung gefertigt). Mancher Kapitel­anfang lässt den Leser erst einmal ratlos, worum es gehen mag, mancher Satz will seinen Sinn nicht preis­geben, manch im Grunde einfacher Sach­verhalt ist in eine unge­wöhn­liche Beschrei­bung verpackt. Erst im Nach­hinein – beim Weiter­lesen oder Zurück­blättern – stellt sich ein erfri­schender Aha-Effekt ein, und diverse rätsel­hafte Puzzle­stein­chen fügen sich zu einem Bild zusammen. Die Dialoge sind direkt und knapp, der Um­gangs­ton ist rüde, aber auch oft charmant und geist­reich-witzig (»Geh immer davon aus, dass die anderen intelli­genter sind als du, und du wirst sehen, du täuschst dich nur selten.«).

Bei der Zeichnung seiner Protagonisten beweist der Autor (mit einer Ausnahme) ein feines Gespür. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, aber das Private drängt sich nicht in den Vorder­grund. Lässt die Aufmerk­samkeit des Lesers einmal nach, schlüpfen ihm womöglich wichtige Details unbe­achtet durch.

Der wortkarge Corso Bramard hat eine neue Familie gegründet, seinen Beruf als Lehrer wieder aufge­nommen und wirkt zufrieden und ausge­glichen. Die Hoffnung, Stefano Aimar jemals zu finden, hatte er längst aufge­geben. Umso stärker erschüt­tert die uner­wartete Wendung des cold case den Sechzig­jährigen.

Die mit Abstand gebeuteltste Figur ist Vincenzo Arcadi­pane, der in einer allzu tiefen Midlife Crisis steckt (inklusive Erek­tions­störun­gen und einer Familie, die nichts als Verach­tung für ihn übrig hat). Lakritz­bonbons und unkon­trollier­bare »Wein­krämpfe« können ihm nicht wirklich heraus­helfen, beein­trächti­gen aller­dings schwer die Über­zeugungs­kraft der Charakter­anlage. Vollends in einem anderen Genre wähnt man sich, wenn der bedauerns­werte Commis­sario, um seine verlorene Libido wieder­zuge­winnen, Rat bei einer skurrilensex­wütigen Psycho­login sucht. Ihre teuer zu bezah­lende Therapie (fünf verein­barte Termine) besteht darin, dass sie den Patienten zum Zuschauen animiert, während sie sich vom Pförtner befrie­digen lässt. Nichts wäre dem Roman abge­gangen, hätte der Autor diese absonder­lichen Passagen ersatzlos ge­strichen.

Netter sind die Episoden um »Trepet«, den dreibeinigen Terrier aus dem Tierheim, den Arcadi­pane als Herzens­wunsch seiner beiden Kinder ins Haus holt. Da sich die Verspre­chungen von Sohn und Tochter, sich um das von Durchfall geplagte Tier zu kümmern, als wenig nach­haltig erweisen, hat Papa es mitsamt seinen Aus­schei­dungen und Ausdüns­tungen an der Backe, unter dem Bürotisch oder auf dem Beifah­rersitz im Auto.

Der insgesamt komplexe Roman voller Anspruch schließt unspekta­kulär, versöhn­lich, zart anrührend. »Da bin ich«, sagt Arcadi­pane leise, indem er seine Filz­pantof­feln anzieht und seine Frau Mari­angela am Küchen­tisch sitzen sieht. »Wartest du schon lang?« »Schon eine Weile«, antwortet sie.


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