Rezension zu »Nell'ombra e nella luce« von Giancarlo de Cataldo

Nell'ombra e nella luce

von


Historischer Kriminalroman · Einaudi · · 218 S. · ISBN 9788806221843
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Piemont

Der Carabiniere, der den Teufel fangen soll

Rezension vom 23.12.2014 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ein brutaler Frauenmörder treibt 1848 sein Unwesen in Turin, der Haupt­stadt des König­reichs Sardinien-Piemont. Zwei Prosti­tuierte hat er schon nächtens aufge­schlitzt, ohne Spuren zu hinter­lassen. Noch können die Behörden verhin­dern, dass die Untaten die Bürger beun­ruhigen. Aber lange wird sich nicht verheimli­chen lassen, was vor sich geht, zumal das, was die wenigen Zeugen berichten, den Atem gefrieren lässt: Der Täter verbirgt sein Gesicht hinter einer gespens­tischen silbernen Maske, einer Art Schnabel, wie ihn früher die Pestärzte trugen. Auffällig genug ist auch sein wallender dunkler Mantel. Man nennt den Mann »Il Diaul«, il diavolo.

Der Täter muss schnell gefasst werden, das fordert die Obrigkeit. Angst vor einem Serien­mörder und Miss­trauen in die Fähigkeit der Behörden, die öffent­liche Sicher­heit zu garan­tieren, das ist das Letzte, was das Land in diesen ohnehin unruhigen Zeiten brauchen kann. Das König­reich, seit dem Wiener Kongress wiederher­gestellt, steht im Krieg mit Öster­reich. Zwar hat man die Feinde unter ihrem Feld­marschall Ra­detzky gerade zurück­drängen können, aber ihre Übermacht ist kaum zu leugnen. Überdies ist König Carlo Alberto ein Zauderer; das Schwanken seiner Ansichten von Tag zu Tag ist sprich­wörtlich. Sein Sohn Vit­torio Emanuele ist aus einem anderen Holz ge­schnitzt, aber er ist noch zu jung, um mitent­scheiden zu dür­fen. (1861 wird er als Vittorio Emanuele II. zum ersten König des verei­nigten Italien berufen werden.)

Carlo Albertos wichtigster Berater ist Graf Camillo Cavour, ein eleganter, pragma­tischer und weitsich­tiger Diplomat. Er hat nicht weniger im Sinn, als Piemont zu einem modernen, aufge­klärten Staat und die Haupt­stadt Turin zu einem Leucht­turm der Zivili­sation zu wandeln. Wie Neapel, London und Paris wird die Stadt mit ihren feinen Adels­palästen, Theatern, teuren Cafès und erlesenen Salons seit Neuestem durch Gas­laternen erhellt! Die Bürger wissen das zu schätzen, bringt es ihnen doch neben Glanz und Gloria auch Sicher­heit.

Aber in Piemont rivalisieren etliche politi­sche Strömun­gen mitein­ander. Viel Aufsehen erregen die Auf­ständi­schen, die für die Einheit Italiens kämpfen. Die extrems­ten sind der Kreis um den Revolu­tionär Giu­seppe Mazzini. Auf der anderen Seite stehen die Reaktio­näre, an ihrer Spitze der Herzog Pasquier, denen jeder Aufruhr ein Greuel ist. Graf Cavour hält zu beiden Distanz, und beiden ist er ein Dorn im Auge, den einen zu modern, den anderen zu bedächtig.

Wie soll man mit dem bedroh­lichen Mordfall umgehen? Wer kann ihn lösen? Gut, dass König Vittorio Emanuele I. schon drei Jahr­zehnte zuvor eine neue Elite­truppe einge­richtet hat: die Cara­binieri reali. Die stolzen ›könig­lichen Gewehr­schützen‹ gehören zum Heer, vertei­digen also im Krieg das Vaterland wie an­dere Truppen­einheiten, sollen aber auch in der zivilen Öffent­lichkeit Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten. Diese Aufgabe obliegt auch der Polizei, und so stehen die beiden Organi­sationen in bestän­diger Konkur­renz und unter gegen­seitiger Kontrolle (und das übrigens bis heute).

Der Fall des Serienmörders wird dem jungen Major Emiliano Mercalli di Saint-Just über­tragen, der soeben an vor­derster Front dabei war, als drei­hundert cara­binieri-Reiter unter dem Kommando von Negri di San­front in einer Blitz­attacke den Öster­reichern die Festung Pastrengo an der Etsch abnahmen. Großgewach­sen und dunkel im Teint, mit dunklen Augen und einer faszinie­renden Narbe im Gesicht kann ihm keine Frau wider­stehen, auch nicht Naide Malarò, die attrak­tive Schau­spielerin und Sängerin, die seit ihrem De­büt zwei Jahre zuvor enthu­siastisch gefeiert wird. Sie ist eine starke, selbst­bewusste Frau, ihr Herz aller­dings ist flatter­haft und launisch …

Emiliano ist gut vernetzt. Er kennt nicht nur den Conte Cavour und andere Promi­nente, sondern auch den Freigeist und Forscher Gualtiero Lance­froid. Dieser in jeder Hinsicht unab­hängige, weitge­reiste, univer­sell belesene und hell­sichtige Mediziner erörtert nicht nur mit seinem Freund, wie vorzu­gehen ist, sondern greift selbst tat­kräftig ein und ermittelt unbe­kümmert auf eigene Faust, ohne Emiliano auch nur zu infor­mieren. Ohne morali­sche Skrupel folgt er allein den Gesetzen der Logik – seine Deduk­tions­ketten und seine Diktion erinnern stark an Sherlock Holmes.

Dieser klare, aber auch recht eindimen­sionale Charakter rückt den eigent­lichen Protago­nisten Emiliano bisweilen geradezu in den Hinter­grund. Anfangs noch tapfer, stolz und zuver­sichtlich, wirkt der junge Maggiore zunehmend ratlos.

Natürlich lassen sich die grausamen Taten des ›Diaul‹ nicht verheim­lichen. Der Druck der Straße wächst – und gerät mitten in die politi­schen Ausein­anderset­zungen: Ist das Monster im einfachen Volk oder wo­möglich im Adel zu suchen? Ist er Einzel­täter oder Teil einer Verschwö­rung? Als Flug­blätter das Gerücht streuen, das Monster verberge sich im Ghetto, nehmen aufge­brachte Bürger die Verfol­gung in die eigenen Hände und drohen, das Juden­viertel zu stürmen. König Carlo Alberto hatte den Juden gerade volle Bürger­rechte und ein Ende der Diskrimi­nierung zugesi­chert; nun schürt die Aktion erneut Hass gegen sie. Unter dem wider­streiten­den Druck von Politik, Öffent­lichkeit, Gualtiero Lance­froids Argu­menten, dem Geschrei des Pöbels, seines eigenen Gewissens und der Vernunft begeht Emiliano, l’eroe di Pian del Co’ und ver­antwort­licher Maggiore dei Cara­binieri reali, einen folgen­reichen schweren Fehler.

Bis der Mörder doch noch identifiziert ist, lesen wir einen gerad­linig erzählten Krimi, dessen Stärke die Beschrei­bungen der Befind­lichkei­ten, Umbrüche und Ausein­anderset­zungen im piemonte­sischen risorgi­mento sind. Der cara­biniere Emiliano ist der einzige differen­zierte Charakter, alle anderen bleiben relativ typisiert. Dem Lesever­gnügen tut das keinen Abbruch, denn die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten, und de Catal­dos Sprache und Erzähl­stil sind gefällig.

Carabinieri sind eine traditions­reiche und stolze Abteilung im Polizei­wesen Italiens, die sich ihrer Ver­dienste ebenso bewusst sind wie ihres Vorbild­charak­ters. So ist es wenig verwun­derlich, aber dennoch eine origi­nelle Idee, dass sich die Arma dei Carabinieri anläss­lich des 200. Jahres­tages ihrer Gründung (am 13. Juli 1814 durch König Vittorio Emanuele I.) auch litera­risch feiert. In Koope­ration mit dem Verlag Einaudi wurden vier Bücher von Autoren der ersten Liga aufgelegt, die den Ruhm der Zunft zu mehren vermögen. Eine Sonder­ausgabe wird nur an cara­binieri abge­geben. Die vier Titel erzählen vom erfolgreichen Wirken der cara­binieri in drei Phasen ihrer Geschichte:

1846-48: Giancarlo De Cataldo: »Nell’ombra e nella luce« [› Rezension] (Oktober 2014) – Der his­to­ri­sche Kri­mi­nal­ro­man spielt in Turin, mitten in den ideolo­gischen Wirren der Grün­dungs­zeit des ita­li­e­ni­schen National­staats und des Aufstands gegen Öster­reich. Zwischen Revolutio­nären und Vertre­tern der alten Ordnung, schönen Frauen, Freunden und Feinden jagen die cara­binieri einen Serien­mörder.

Sonderausgaben für Carabinieri

1899: Carlo Lucarelli: »Albergo Italia« [› Rezension] (Juni 2014) – Der meister­hafte histori­sche Kri­mi­nal­ro­man um den cara­biniere Colaprico und seinen einhei­mischen Assis­tenten Ogbà schildert das Leben in der italieni­schen Kolonie Eritrea anno 1899. Hinter einem scheinbar belang­losen Diebstahl aus einem mi­li­tä­ri­schen Wa­ren­la­ger und einem vorge­täuschten Selbst­mord im repräsen­tativen Nobel­hotel werden Miss­stän­de sichtbar, die das ita­li­e­ni­sche Gemein­wesen noch heute belasten.

1980er Jahre: Gianrico Carofiglio: »Una mutevole verità« [› Rezension] (Juli 2014) – Der Mörder ist schnell gefasst und durch Indizien eindeutig überführt, doch maresciallo Fe­no­glio traut dieser Wahrheit nicht. Ein philo­sophisch ange­hauchter Krimi.

1980er Jahre: Valerio Massimo Manfredi: »Le inchieste del colonnello Reggiani« [› Rezension] (April 2015) – Die fünf Kriminal­geschich­ten erzählen von der Aufklä­rung spekta­kulärer Kunst­dieb­stäh­le. Die cara­binieri agieren auf inter­natio­nalem Parkett, um ita­li­e­ni­sches Kulturgut zu retten.


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